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Roth: Nachtgebete

Ein auf mehreren Ebenen gruseliges Werk
Wertung: 8/10
Genre: Neue Deutsche Härte
Spielzeit: 61:22
Release: 21.10.2021
Label: Massacre Records

M. Roth kennt man. Der Mann hat mit Eisregen, Eisblut und Marienbad allein drei Bands im Gepäck, die alle relativ ähnlich klingen und eine bis an die Grenzen des Machbaren morbide Thematik vereinen – mit Eisregen sogar seit beinah 30 Jahren, und zwar trotz oder besser: wegen der abseitigen Texte mit großem Erfolg.

Dass der Mann auch einen Sohn hat, war wahrscheinlich den wenigstens klar; auf Promobildern trennen optisch nur einige Pfunde den Vater vom Sohn, ansonsten ist der Stil in schwarzer Kleidung und Sonnenbrille der gleiche. Bisschen gruselig, wenn man mal drüber nachdenkt, aber das sollte man vielleicht ohnehin unterlassen, wenn es um Roths lyrische Ergüsse geht. Im Falle des neuesten Projektes Roth kann man dann auch des Sohnes Gedanken nachlesen, denn der junge Mann, Quentin mit Namen, zeigt sich auf dem Erstling „Nachtgebete“ verantwortlich für sämtliche instrumentellen Kompositionen sowie die Lyrics. Gesungen werden diese vom Papa, der hörbar Spaß an der ganzen Sache zu haben hat; in 30 Jahren Eisregen habe ich den Kerl nie so gutgelaunt gehört.

Dass thematisch zumindest kein Neuland betreten wird, kann man sich bei Titeln wie „Kopf ab“, „Ein Loch ist ein Loch“ (das übrigens, wenn man sich den Text mal anschaut, überraschenderweise nichts mit dem weiblichen Geschlechtsorgan zu tun hat), „Doktor Fleisch“ oder „Das Leben ist ein krankes Spiel“ sicherlich schnell denken, allerdings muss man dem Duo zugute halten, dass man sich hier musikalisch durchaus ein bisschen breiter aufstellt als bei den Eis-Bands. Der gutturale Gesang des Chefs bleibt bestehen, man spart aber mit heiserem Geschrei, streut großflächig Keyboards und linst dabei sogar das eine oder andere Mal Richtung Gothic Rock. Nicht unbedingt überraschend ungewöhnlich für M. Roth, aber es gibt der Musik doch einen etwas sonnigeren Anstrich als man es von ihm gewöhnt ist.

Wenn das Artwork auch etwas kostengünstig daherkommen mag, das Talent des Geschichtenerzählers kann man Roth und scheinbar auch seinem Sohn kaum absprechen. Ob man die Inhalte, vor allem als Frau, überhaupt gut finden darf, darüber kann man ganze Nächte lang diskutieren – an der Qualität ändert das aber erst mal gar nichts. Und für Überraschungen gut ist der Nachwuchs ebenfalls: „Ein Loch ist ein Loch“ hätte man sicherlich inhaltlich nicht mit Lebensmüdigkeit in Verbindung gebracht.

Überhaupt scheint ein Hauptthema der Scheibe, die mit vier Bonustracks als Doppel-CD daherkommt, die absolute Sinnlosigkeit des Daseins zu sein. Düstere Texte sind da natürlich vorprogrammiert, wobei zu Beginn der Platte noch erwartungsgemäß blutig musiziert wird: „Kopf ab“ muss da mit seiner rockigen, rasanten Instrumentierung einfach den ersten Anspieltipp markieren, da mag der Text noch brutal sein, ein Ohrwurm ist dem Duo mit diesem Refrain sicher.

Fast schon an die Achtziger muss man beim Keyboard-Intro von „Was mir bleibt“ denken, auch hier punktet vor allem der Refrain, den man recht schnell mitsingen kann und der damit fast schon poppige Akzente setzt. Etwas pathologisch wird‘s dann aber nichtsdestotrotz, wenn der Vater die Suizidabsichten des Sohnes besingt – das mag in „Ein Loch ist ein Loch“, in dem der Protagonist sich versucht selbst lebendig zu begraben, noch skurril wirken, hat aber spätestens bei „Bevor ich geh“ eine derartig zornige Komponente, dass das Lied zwar auf der Liste der Anspieltipps landet, eine Familientherapie aber vielleicht doch angebracht wäre.

Die Bonustracks werden vom tatsächlich etwas billig daherkommenden „Weine nicht“ angeführt, „Schluck um Schluck“ hat dann zwar wieder schwarzmetallische, hymnische Grundzüge, versinkt aber zumindest textlich eher in Selbstmitleid. Wirklich vermisst hätte man die vier Songs vermutlich nicht, wenn sie nicht noch angefügt gewesen wären – wobei: „Doktor Fleisch“ ist dann schon wieder so radikal absurd (und doch auch wieder gruselig, wenn man sich vorstellt, was der Sohnemann da für Phantasien mit sich rumträgt…), dass es eigentlich auf die Liste der Anspieltipps gehört.

Wie man es von Michael Roth gewöhnt ist, endet man nach Durchlauf der Platte mit einer gewissen morbiden Faszination, die einen fast schon dazu zwingt, das Album nochmals zu hören. Musikalisch hat Quentin Roth hier auf jeden Fall ganze Arbeit geleistet, pendelt zwischen Goth-Rock, Black-Metal-Anleihen und Neuer Deutscher Härte, auch textlich hat der junge Mann definitiv Talent – die Tatsache, dass sein Vater seine teils grotesken Texte intoniert, hat aber schon irgendwie einen fiesen Beigeschmack. So fällt die Bewertung auch nicht ganz so leicht, muss aber allein aus technischen Gesichtspunkten im oberen Drittel der Punkteskala stattfinden.

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