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Roine Stolt's The Flower King: Manifesto Of An Alchemist

Fundgrube für Fans von Roine Stolt
Wertung: 8/10
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 69:24
Release: 23.11.2018
Label: InsideOut

Bei dem Output mancher Musiker fragt man sich stets, wie sie die Zeit finden, das alles zu komponieren, zu arrangieren, zu proben und aufzunehmen. Frank Zappa war ein Extrembeispiel, doch Roine Stolt, einen der einflussreichsten und bekanntesten Rockmusiker Schwedens, darf man mit Sicherheit ebenfalls zu diesem erlesenen Kreis zählen. In den Siebzigern ein Mitglied der Prog-Rock-Formation Kaipa, ist er nebenbei u.a. noch in den progressiven „Supergroups“ Transatlantic, The Tangent und The Sea Within aktiv. Als sein Baby Nummer eins muss man aber wohl dann doch The Flower Kings bezeichnen, die ja für sich genommen schon eine enorme Discographie vorweisen können.

Selbst für eine Prog-Band ist der Backkatalog bzw. sind die Kompositionen der Blumenkönige im einzelnen gigantisch – mehrere Doppelalben sprechen auf jeden Fall eine deutliche Sprache, ebenso Konzerte wie auf der letzten Tour, wo in 85 Minuten gerade einmal vier Songs dargeboten wurden. Einst entstanden aus Stolts Soloalbum „The Flower King“ von 1994, ist die Truppe längst eine feste Größe des Genres – mit „Manifesto Of An Alchemist“ nun kehrt Stolt ein stückweit zurück zu den Wurzeln jener Scheibe. Es hat jedenfalls seinen Grund, dass seine neueste Langrille nicht als Bandalbum unter dem Flower Kings-Banner, sondern als Soloscheibe mit der Bezeichnung „Roine Stolt’s The Flower King“ veröffentlicht wird.

Zum einen ist Roine bei allen Stücken mit Gesang Lead-Vocalist, was bei den regulären Alben seiner Hauptband zu einem Großteil ja auch Hasse Fröberg übernimmt. Zum anderen entstanden laut dem Musiker die Songs dieser Platte in eher „unorthodoxer Weise“, da ihm viele Riffs und Melodien bereits seit Jahren durch den Kopf geisterten (teilweise sei das Material sogar noch auf Prä-Flower-Kings-Zeiten zurückzudatieren), bisher aber bei keinem seiner zahlreichen Projekte Verwendung fanden. Da Stolt sich hier aber wie gewohnt in progressiven Gefilden austobt, herrscht dennoch eine gewisse Kontinuität vor, es wurden nicht einfach nur in Best-of-Manier verschiedene Stücke zusammengeschustert.

Stilistisch herrscht demnach allerdings kein großer Unterschied zu den Flower Kings oder überhaupt seinem sonstigen Schaffen vor und es mag sein, dass manches wie schon einmal so oder so ähnlich gehört erscheint, aber das sei angesichts dieser Wahnsinns-Discographie mal großzügig verziehen. Ansonsten sollte „Manifest Of An Alchemist“ jedem Fan Spaß machen: Mit „Lost America“ wird dem Hörer gleich mal eine Zehn-Minuten-Nummer um die Ohren gehauen (bei „Rainsong“ handelt es sich lediglich um ein einminütiges Intro, das absolut nichts mit Led Zeppelin am Hut hat), die zwar charakteristisch für den Schweden ist, an der es aber trotzdem nichts auszusetzen gibt. Schöne Melodien, tolle Gitarrenleads, wummernde Hammondparts, eine greifbare Siebziger-Jahre-Atmosphäre und bei aller Komplexität des Arrangements trotzdem ein eingängiger Refrain – was will man als Progger mehr? Und wenn textlich auch noch das derzeitige Amerika kritisiert wird, ist das ein willkommener Bonus.

In diese Kerbe schlägt auch das mit fast 13 Minuten noch länger geratene „High Road“, dessen Chorus-Melodie interessanterweise bereits am Ende von „Lost America“ angedeutet wird – spätestens da wird klar, dass sich Roine Stolt trotz (oder gerade deswegen) des zu so verschiedenen Zeitpunkten entstandenen Materials Gedanken um eine vernünftige Struktur gemacht hat.

Doch nicht nur die Longtracks stellen Highlights dar: „Next To A Hurricane“ ist schlicht wundervoll mit seinem mehrstimmigen Gesang, dem perlenden Klavier und dem nach Herzenslust groovenden Bass – an dieser Stelle muss eh mal ein Lob für die Spielkünste von Tieftöner Jonas Reingold ausgesprochen werden, der sehr dominant ist, ohne sich jedoch penetrant aufzudrängen; da dürfte einer ziemlich ausführlich das filigran-melodische Spiel des leider inzwischen nicht mehr unter uns weilenden Yes-Bass-Großmeister Chris Squire studiert haben. Auch das Vier-Minuten-Instrumental „Six Thirty Wake-Up“ darf man gut und gerne als göttlich bezeichnen; einzigartig, wie die Flöte Vogelgezwitscher und die Gitarre den Sonnenaufgang imitiert.

Spannend auch das Fast-Instrumental „The Alchemist“, bei dem in atemberaubender Machart gejazzrockt wird, dass es eine wahre Pracht ist. Die unheimlich coole und sehr eingängige Hauptmelodie mutet an wie ein Strudel und bildet die Basis, auf der die Protagonisten mit ihrem unfassbaren Können wie die Berserker solieren – dank des Sopransaxophons kommen hier mächtig Erinnerungen an Steven Wilson hoch; der Track könnte glatt auch auf „The Raven That Refused To Sing“ stehen.

Leider hat die Platte aber auch ein paar Durchhänger zu vermelden: „Baby Angels“ ist nicht nur wegen des Titels arg kitschig und eher überflüssig, „Ze Pawns“ beinhaltet zu viel Sprachsamples und kommt nicht recht aus dem Quark und der letzte Song „The Spell Of Money“ markiert ebenfalls nicht unbedingt einen Volltreffer: Lyrisch hölzern (das Thema hat Roger Waters 1973 bei Pink Floyd bereits wesentlich prägnanter auf den Punkt gebracht), wird hier auch einmal mehr deutlich, dass Stolt in diesem Leben kein herausragender Sänger mehr wird. Die Gesangslinien sind für seine zwar angenehme, aber eben auch recht limitierte Stimme einfach zu hoch angelegt, außerdem ist er mit seinen 62 Lenzen auch nicht mehr der Jüngste.

Alles in allem ist „Manifest Of An Alchemist“ trotzdem eine Fundgrube für Anhänger des sympathischen Schweden; das Album bietet viele Facetten und eine Menge toller Melodien und Ideen, zudem ist das spielerische Level der Beteiligten einfach ein Genuss – wer allein schon auf eine Rhythmusgruppe, die aus Marco Minnemann und Jonas Reingold besteht, zurückgreifen kann, darf sich äußerst glücklich schätzen.

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