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Rammstein: Zeit

Eine überraschend starke Leistung, sowohl musikalisch als auch stimmlich
Wertung: 9/10
Genre: Neue Deutsche Härte
Spielzeit: 44:11
Release: 29.04.2022
Label: Universal Music

Rammstein werden nicht jünger. Man muss den Tatsachen ins Auge sehen, dass die Bandmitglieder sich irgendwo in den Fünfzigern befinden, Sänger Till Lindemann wird nächstes Jahr gar schon 60. Andere Menschen denken da bereits an Rente, die Berliner hauen noch mal ein Album raus – folgerichtig mit „Zeit“ betitelt, teilt sich die Platte den Titel mit der ersten ausgekoppelten Single, einem bombastischen Gänsehaut-Track, der mit Zeilen wie „Zeit – bitte bleib stehen, bleib stehen/Zeit - es soll immer so weitergehen“ schon ein bisschen an der Midlife Crisis zu kratzen scheint. Da kann man schon mal den Konzertchor Dresden kommen lassen, um gemeinsam den Verlust der Jugend zu zelebrieren.

Melancholie konnten Rammstein immer schon überraschend gut, Lindemann scheint stimmlich noch mal eine Schippe drauf gelegt zu haben, eine kristallklare, pompös anmutende Produktion tut da ihr Übriges. Auch wenn bei „Schwarz“ schnell mal alte Songtexte recycelt werden (siehe „Hilf mir“ vom „Rosenrot“-Album), kommt man nicht umhin, die Stimm- und Wortgewalt zu bewundern, die die Band, die ja sonst auch durchaus für Stumpfes bekannt ist, hier einbringt.

Provokation gibt‘s natürlich auch auf „Zeit“, man muss nur ein bisschen suchen. Das eher unspektakuläre „Giftig“ kann da noch nicht so richtig als Aufreger herhalten; „Zick Zack“ ist dann aber sicherlich gleich mal ein Song, der auch mit seinem Video schon für Aufsehen gesorgt hat, in dem sich die Musiker als künstlich modellierte Schönheitswahn-Opfer präsentieren, denen während der Perfomance schon mal wortwörtlich die Gesichtszüge entgleisen. Bitterböse intoniert hier Lindemann „Zick zack, zick zack, schneid es ab“ – textlich zugespitzt, aber inhaltlich nicht falsch, wenn man sich die Botox-Umsätze auch in Deutschland mal anschaut. Dazu ein gewohnt stampfender Beat, flirrige Keyboards – Rammstein par excellence.

„OK“ markiert dann trotz des erst mal unauffälligen Titels vielleicht den verstörendsten Track der Platte – nur eine Band wie Rammstein kann es schaffen, dass der Minsker Fernseh- und Radiochor mit voller Inbrust die Worte „ohne Kondom“ hinaus in die Welt schmettert. Wie gesagt, ein gewöhnungsbedürftiger Track, der wieder einmal die Rotlichtthematik aufgreift, die Rammstein auch in früheren Werken schon verarbeitet hatte. „Dicke Titten“ reiht sich dann ein in die Liste der Tracks, die irgendwie typisch Rammstein sind – Blasmusik, hier ausgeführt von der Sächsischen Staatskapelle Dresden, vermischt sich mit hämmernden Drums und bratenden Gitarren, nur um dann in einen Mitklatsch-Refrain zu münden, der dem größten Schlagerfan gefallen dürfte. Inhaltlich hat man trotz des platten Titels tatsächlich noch Mitleid, sucht der Protagonist doch einfach nur eine Frau – mit entsprechendem Vorbau, versteht sich.

Die ernsthafte Seite der Band kommt natürlich trotz solcher Manöver nicht zu kurz. Wurde das Mutter-Thema in der Vergangenheit schon oft von Lindemann bearbeitet, hat es mit „Meine Tränen“ wieder ein entsprechender Song auf die Tracklist geschafft, der nicht nur einen recht morbiden Text vorzuweisen hat, sondern auch instrumental mit düster-schwebenden Arrangements eher an das „Mutter“-Album anknüpft. Gekrönt von einem opulenten Refrain, der einem wortwörtlich die Tränen in die Augen treibt und einen dicken Kloß im Hals produziert, haben Rammstein hier definitiv einen Bandklassiker geschaffen.

„Angst“, obwohl im ersten Durchlauf eher untergegangen, entpuppt sich schließlich als Abrechnung mit den so genannten „besorgten Bürgern“, die seit der Ankunft vieler Geflüchteter 2015/2016 aus ihren Löchern gekrochen kamen, und überzeugt vor allem mit bissigem Text und einer massiven Gitarrenwand im Refrain. Zum Finale gibt es noch eine brutale stimmliche Darbietung von Lindemann zu bewundern, der den Text wie im Wahn in den Äther brüllt. Genial!

Spekuliert wurde natürlich im Vorfeld über einen Titel wie das finale „Adieu“, bei dem schon die Auflösung der Band beschrien wurde; ein Abschiedssong sollte es sein, ganz klar. Textlich mutet der Track allerdings eher nach Trauerbewältigung an, schon auch nach Abschied, aber nicht von der musikalischen Karriere, sondern von einem geliebten Menschen. So verabschieden sich Rammstein zumindest bei diesem Album eher schwermütig.

Im Vergleich zur letzten, unbetitelten Platte von 2019 scheinen Rammstein noch mal die Arschbacken zusammengekniffen und sich so richtig reingekniet zu haben – viele Anspieltipps und kein einziger Lückenfüller versammeln sich auf „Zeit“, obwohl man der Truppe den Autotune-Einsatz in „Lügen“ nur schwer verzeihen kann. Absolut bärenstarke Tracks gibt es zuhauf, was schon den markantesten Unterschied zum Vorgängeralbum darstellt, bei dem ein paar starke Tracks den Durchschnitt ordentlich heben konnten. „Zeit“ ist aber ein Werk, das man sorglos am Stück hören kann, am besten mehrfach. Auch hat man selten so eine starke Performance von Till Lindemann gehört. Chapeu an die „alten Herren“.

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