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Rammstein: Liebe Ist Für Alle Da

Rammstein treiben´s auf die Spitze
Wertung: 9/10
Genre: Rock, Metal
Spielzeit: 46:06
Release: 16.10.2009
Label: Universal

Mit "Herzeleid" erschien vor 14 Jahren die erste von vielen umstrittenen Platten von Rammstein; vor vier Jahren beglückten die Berliner uns mit ihrem bis dato letzten Werk "Rosenrot". Provozieren konnte das Sextett schon immer, doch seit dem toten Embryo auf dem "Mutter"-Cover 2001 gab es wohl keinen solchen Aufstand mehr um eine Veröffentlichung der Band. Die Single "Pussy", die vorab am 18. September erschien, schockte das brave Publikum mit eindeutig zweideutigen Texten und einem pornorösen Video. Prompt schnellte der Song auf Platz 1 der deutschen Charts, was nur einmal mehr beweist, wie sensationsgeil die Menschheit eigentlich ist.

Am 16. Oktober erscheint nun das sechste Studioalbum "Liebe Ist Für Alle Da"; noch vor der Veröffentlichung beteiligten sich tausende Fans an den andauernden und völlig nutzlosen Diskussionen, inwiefern die Berliner diesmal Ausverkauf betrieben hätten. Es ist gar die Rede von einem Verlust des typischen alten Rammstein-Sounds.

Man muss sagen, Rammstein haben sich tatsächlich weiterentwickelt, was ungewöhnlich und vor allem mutig genug ist für eine Gruppe, die mit ihrer Art Musik so viele Fans gewonnen hat. Treu geblieben sind die Sechs sich aber allemal: Der Opener "Rammlied" startet zwar mit mystischen Chören und sehr metallischen Instrumentals, die etwas ungewohnt ausfallen, weil der gewohnt stampfende Rhythmus fehlt; "Ich Tu Dir Weh" ist hingegen eine SM-Nummer á la Rammstein, wie sie typischer kaum sein könnte, wobei Till im Refrain unter Beweis stellt, dass er (inzwischen) auch den klaren Gesang einwandfrei beherrscht.

Warum ein Song wie "Haifisch", der vor seiner Veröffentlichung wohl recht oft dem Download zum Opfer gefallen ist, im Vorfeld wegen des "einfachen" Textes so verspottet wurde, ist und bleibt mir ein Rätsel. Der Song ist gerade durch seine Simplizität einer der stärksten der ganzen Platte, nicht zuletzt wegen der traurig-schönen Hintergrundmelodie. Doch auch eingefleischte Fans der Band können hier noch überrascht werden: Nach dem verhältnismäßig harten "B********", bei dem Till gesanglich den Psychopathen raushängen lässt, schlägt er ungewohnt ruhige Töne an. "Frühling In Paris" ist, wie der Name vermuten lässt, ein astreines Liebeslied. Man erwartet ein blutiges Ende, doch darauf wartet man dieses eine Mal vergeblich. "Je ne regrette rien" verkündet Till zu sich steigernden und wieder ausklingenden Gitarre und man glaubt es ihm: Obwohl er kein perfekter Sänger ist, hat er hier mit seiner unvergleichlichen Stimme ein unheimlich intensives Stück Musik geschaffen.

Wie erwartet kommt der Gruselfaktor auch auf diesem Album nicht zu kurz: "Wiener Blut" liefert den perfekten Rammsteintext und einige sehr harte Metal-Passagen; Till strapaziert seine Stimmbänder ungewohnt stark und brüllt streckenweise regelrecht los. Ursprünglich von Johann Strauss als "komische Operette" komponiert, thematisiert der Song hier erschreckend klar Fälle wie den von Josef Fritzl, der seine Tochter jahrelang im eigenen Keller gefangen hielt und mehrere Kinder mit ihr zeugte. Ob diese Assoziation so beabsichtigt war, sei dahingestellt; Tatsache ist, dass Rammstein damit quasi nahtlos an den Skandal anknüpfen, den ihre Kannibalen-Single "Mein Teil" 2004 auslöste.

Apropos Provokation: Auch die eingangs erwähnte Vorabsingle "Pussy" schürte einige Kontroversen; völlig zu Unrecht, wie ich finde. Nichts anderes als die übliche Ironie, die die Band mehr oder minder perfektioniert hat, wird hier dargestellt, wobei ich den Song tatsächlich für eine etwas unglückliche Single-Wahl halte. Zwar verfügt "Pussy" über einen tanzbaren Beat und eher komödiantischen deutsch-englischen Text, musikalisch macht sie aber nicht ganz so viel her wie die meisten übrigen Stücke.

Schwächster Song der Platte ist allerdings der Titelsong, der weder einen Aufruf zur Nächstenliebe noch eine Einladung zum Gruppensex darstellt, sondern vielmehr ein durchschnittliches Stück Musik. Umso grandioser gestaltet sich der nächste Song: "Roter Sand" erinnert mit seinem Pfeif-Intro entfernt an den Überhit "Engel", geht aber musikalisch und textlich in eine völlig andere Richtung. Sehr ruhig, fast melancholisch berichtet Till aus der Ego-Perspektive, wie er vom eifersüchtigen Freund seiner Geliebten niedergeschossen wird. Der Song setzt einen genialen Schlussakzent und wenn das Wort "ergreifend" auch eher selten in Verbindung mit Rammstein fällt, so passt es hier wie kein Zweites.

Fazit: Das Beruhigende ist, Rammstein sind immer noch sie selbst; erwachsener und durchdachter als zu Anfang, aber nicht weniger provokativ. Allen Fans sei ans Herz gelegt, dieser Platte eine Chance einzuräumen und den weiteren Weg der Band selbst mitzuerleben. Rammstein sind schließlich nicht eine der kontroversesten Bands Deutschlands, weil sie das machen, was von ihnen erwartet wird - stattdessen erfüllen sie die gängige Erwartungshaltung und setzen noch einen drauf. Sie schaffen es, ihren anfänglichen Zynismus auch nach fast 15 Jahren Bandgeschichte noch zu kultivieren und zu verfeinern - und schaffen somit nicht nur einen würdigen Nachfolger zu "Rosenrot", sondern auch ein geniales und erstaunlich abwechslungsreiches sechstes Album.

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