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Queensrÿche: The Verdict

Auch die dritte La Torre-Platte kann insgesamt überzeugen
Wertung: 8/10
Genre: Progressive Metal / Hard Rock
Spielzeit: 44:20
Release: 01.03.2019
Label: Century Media

Kinder, wie die Zeit vergeht – unglaublich, dass „The Verdict“ immerhin auch schon das dritte Queensrÿche-Album mit Todd La Torre als Frontmann markiert. Die Begleitumstände seines Einstiegs seinerzeit waren ja nicht sehr erfreulich und wenn man nach der schmutzigen und unwürdigen Trennung von Ex-Sänger Geoff Tate damals nun liest, dass die Band inzwischen zu Drummer Scott Rockenfield keinen Kontakt mehr hätte und dieser auf der neuen Platte nicht zu hören sei, werden böse Erinnerungen wach und man hofft nur, dass nicht ein weiteres Kapitel zum Thema Schlammschlachten aufgeschlagen wird.

Aber alles offensichtlich halb so wild – anscheinend will Scott während seiner Vaterzeit einfach nur seine Ruhe haben, weswegen La Torre, der anführt, „seit 30 Jahren Schlagzeug zu spielen“ kurzerhand selbst den Platz auf dem Schemel einnahm. Und dies sei gleich zu Beginn gesagt: Der Mann erledigt einen verdammt guten Job! Seine Art zu spielen kommt der von Rockenfield ziemlich nahe – wie es aussieht, versteht er es also nicht nur mühelos, die großen Fußstapfen von Geoff Tate auszufüllen, auch auf der Position des Felleverdreschers gibt er eine prächtige Figur ab.

Sicherlich ist Scott Rockenfield einzigartig und gilt nicht umsonst als einer der eigenständigsten und besten Drummer der Szene, aber Todd kratzt mit seinem durchaus filigranen und unbeschwerten Spiel nicht zu knapp an dessen turmhohem Level – mal sehen, ob er in Zukunft quasi den umgekehrten Phil Collins macht, falls Scott tatsächlich nicht zur Band zurückkehren sollte.   

Glücklicherweise überzeugt nicht nur das Drumming, auch der Rest des mittlerweile 15. Studioalbums der Seattle-Combo kann einiges. Die drei Vorab-Songs vermochten beim Großteil der Fanschar Punkte einzuheimsen – „Man In The Machine“, „Blood Of The Levant“ sowie „Dark Reverie“ bestätigten den Eindruck, den man spätestens beim starken „Condition Hüman“ hatte: Die Band hat ihre alte Form zurückerlangt und kann wieder mitreißende melodische Metalsongs in ihrer typischen Manier schreiben. Dabei geht sie nicht unbedingt innovativ vor, klingt aber enorm agil und geschmeidig – man hört den Spaß, den die Herren beim Musizieren haben, zu jeder Sekunde heraus.

Der genannte Opener „Blood Of The Levant“ prescht von Anfang an mit ordentlich Drive aus den Boxen, wobei sogleich der im Vergleich zum Vorgänger deutlich transparentere Sound auffällt – Produzent Chris „Zeuss“ Harris hat also ebenfalls ganze Arbeit geleistet. La Torre singt leidenschaftlich und produziert gleich in diesem ersten Song mühelos einige tolle Gänsehaut-Schreie, Michael Wiltons und Parker Lundgrens Gitarren tönen melodisch, technisch souverän und verspielt – ein gelungener Auftakt.

Über die gesamte Distanz betrachtet lässt sich feststellen, dass Queensrÿche mit mehr Dampf als auf den Vorgängern agieren, denn auch das mit elegant-schnörkeligem Mainriff ausgestattete „Man In The Machine“ ist in der Strophe recht treibend ausgefallen, und „Propaganda Fashion“ und „Launder The Conscience“ rocken ebenfalls vor allem in den Strophen saftig mit Schmackes. Wobei letztgenannter Track zusätzlich mit einem hübschen, von Klavier und Streichern getragenen Endpart überraschen kann, welcher sich als Quasi-Übergang zum finalen „Portrait“, dem absoluten Highlight der Platte, sehr gut macht: Mit seinem eher getragenen Tempo, dem düster-mysteriösen Psychedelic-Vibe, der dominanten Basslinie, dem übermäßigen Einsatz des Ride Beckens beim Schlagzeug, der mäandernden Slidegitarre sowie den ätherischen Gesangsmelodien fällt jenes Stück ziemlich aus dem Rahmen, darf aber aus exakt diesem Grund als wohl stärkste und originellste Nummer auf „The Verdict“ bezeichnet werden.   

Doch auch progressive Gefilde werden immer mal gestreift: Das von orientalischen Einflüssen geprägte „Inside Out“ steuert dank klug platzierter Tempowechsel und hübschem, Fanfaren-artigen Gitarren-Mittelpart in diese Ecke, genauso wie das sechsminütige „Bent“, das sich allerdings als etwas sperrig erweist. Das wieder kürzere „Light-Years“ hingegen weiß mit hypnotischer Rhythmik zu fesseln, während der dritte Appetizer „Dark Reverie“ dem Titel entsprechend ein wenig düsterer und ja, tatsächlich auch verträumter geraten ist – auch der Cleangitarren-Anteil ist hier deutlich höher, sodass es schon beinahe in die Balladensparte einsortiert werden darf; erfreulicherweise sucht man wie schon bei „Just Us“ oder „Bulletproof“ auf dem Vorgänger vergeblich nach Schleim und Kitsch.

Natürlich ist es unfair, diese Band immer wieder an ihren Meisterwerken aus den späten Achtzigern und frühen Neunzigern zu messen (zumal aus damaligen Zeiten mit Gitarrist Michael Wilton und Bassist Eddie Jackson inzwischen nur noch zwei Mitglieder dabei sind), denn ein unfassbares Album wie „Operation Mindcrime“ gelingt nur wenigen Künstlern überhaupt einmal in ihrem Leben. Vom kompositorischen, kreativen und spielerischen Niveau her bewegen sich die zum Quartett geschrumpften Amerikaner auf ähnlicher Ebene wie bei „Condition Hüman“ – alles gut also; wir haben es hier bestimmt nicht mit einer überirdischen Platte zu tun, aber einer, die viel Laune macht, frisch tönt und damit in der qualitativ so stark schwankenden Diskographie der Truppe eindeutig zur besseren Hälfte gehört. Pluspunkt außerdem: Dass die Jungs auch nach dem Abgang von Tate mit sinnvollen politischen und sozialen Texten aufwarten, in denen sich reflektiert Gedanken um die Welt gemacht wird, anstatt irgendwelchen Bullshit herauszuposaunen.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann