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Punch'n'Judy: Spring Time

Gut zu großen Teilen
Wertung: 7.5/10
Genre: Folk Rock
Spielzeit: 45:31
Release: 01.05.2005
Label: Eigenproduktion

In Recklinghausen wird noch bodenständig gerockt; die Entwicklung der hier beheimateten "Punch N' Judy", deren Debütalbum "Spring!time" mir nun vorliegt, ist ungewöhnlich, aber nicht einzigartig; vorbildlich, aber nicht mustergültig, entstammen drei Fünftel von ihnen doch den Tanzmuckern von "Cash On Delivery", die sich noch während dieser zu Ende gehenden Phase schon deutlich folk-und metal-lastiger wandelten.

Bei Betrachtung der Instrumentalisierung, Akkordeon inklusive, und ihrer Semantik, ist zunächst die Verbundenheit zur Medievalschiene hervorstechend; wer sich in diesem von Größen wie "Schandmaul", "In Extremo" oder "Subway to Sally" dominierten Subgenre publikumstauglich profilieren möchte, stellt gewisse Anforderungen an Hörer und Kritiker, die am besten im praxisorientierten, unumschweifenden Reinhören offenbart werden, womit ich gleich zum Album selbst übergehen möchte.

Opener "Erlking" hat als textliches, quasiübersetztes Grundgerüst das probante Literaturzitat von Dichterfürst Goethes "Erlkönig", wie es in ähnlicher Form auch schon die Testosteronrocker von "Rammstein" verwurstet haben.

Midtempo-lastiger Rhythmus trifft auf genretypisches Riffing der Gitarren, die von etwas uninvolviert vermitteltem Gesang getragen werden.

So weit, so Standart, möchte man meinen, für einen Opener definitiv eine vertane Chance, bedenke man, was für Einfälle und Konzepte sich in einem Track, der für gewöhnlich die Messlatte der ganzen, folgenden Tracklist festlegt, realisieren lassen sollten.

Was nun folgt, ist ein fast schlagermäßiger Song, in dem volle "Mutantenstadl"-Sympathien bedient werden, egal ob ironisch betrachtet oder nicht:

Wenn sich schon eine Band einen Track der Selbstbeweihräucherung widmen möchte, sollte der zumindest einen ansatzweisen Reiz aufweisen; die Art, wie er aber anhand von der "Punch and Judy Show" aufbereitet wird, führt sich - den übergeordneten, genannten Zweck betrachtet - selbst ad absurdum und ist der Band so nicht gerade hilfreich.

Besonders die Kinderstimme ruft oberpeinliche "Rolf Zukowski und seine Saubande"-Assoziationen hervor.

Dass die meisten Riffs und Gesangspassagen mehr anfremden als alles andere (man spricht hier gerne vom Fehlen des sogenannten Grooves, ich nicht), erwähne ich hierbei nicht gesondert.

Als nächstes folgt "John Maynard", das heißt ein weiteres Literaturzitat, diesmal von Fontane, und endlich ansprechender Folk mit klarer Struktur und Wiedererkennungswert, der sich dann im intelligent arrangierten metalhymmnenartigen Chorus entlädt.

Der Gesang offeriert zum ersten Mal seine Stärken (dieser Fabian kann also auch tatsächlich richtig mitreißend singen), der Song selbst wächst sicherlich mit dem emotional-ausdrucksstark vorgetragenen Text, diesmal in seiner Auswahl auch besser getroffen; hier stimmt tendenziell eigentlich so gut wie alles.

"John Maynard" hat einen höchst ausgeprägten, zweigeteilten Aufbau mit klassischem laut-leise Prinzip. Einerseits mit einigen krassen, dynamisch verinnerlichten Breaks im späten Mittelteil; andererseits geschickt verbunden, was kompositorische Klasse und Facettenreichtum mit dem von mir oft zitierten, vielgeliebten Blick aufs Detail beweist.

Es wird also erstmals die Masche des pseudoretardierenden Moments - manchmal auch unliebsam von mir Strohfeuer genannt - der Vorgängertracks verworfen und durch das Gefühl ersetzt, die Platte beginne erst mit diesem Lied; ungeschnörkelt also: Es geht doch!

"Revenge" präsentiert sich unter diesem Aspekt wieder stärker in Richtung Durchschnittskost, Text und Gesang sind sprachlich nicht unbedingt aussagefähig, wobei das Stück live mit seinem kraftvollen Mitsingparts in Chorus und Bridge durchaus so manches örtliches Open Air aufmischen könnte; "Blackrose" hingegen ist ein folkmäßig eher zu kurz gekommenes Machwerk und ein fehlgeschlagener Versuch, die Düsterfraktion zu bedienen, zumal der Track keine haftenbleibenden, eingängigen Formate oder Strukturen aufweist.

Auf die Frage, ob "John Maynard" als "Ausrutscher" gewertet werden sollte, antwortet die Band mit "Checkmate", einem Song, der in vielerlei Hinsicht von seinen offensichtlichen "Schandmaul"-Anleihen, was Komposition und Athmosphäre anbelangt, profitiert.

Der mehrstimmige, kanonartige Gesang versprüht zünftige Partystimmung, thematisch werden Kriegsimpressionen anhand dem Verlauf eines Schachspiels visualisiert, überaus gelungen und authentisch.

Von jetzt an fällt die Platte überraschenderweise deutlich metal-lastiger und punkiger aus: Schlichtweg härter. Und wisst ihr was, Freunde? Das ist auch gut so!

Der Wechsel, der Tempo und Lautstärke verändert, bringt auch oder gerade vor allem einen Wechsel, was die Qualität des dargebotenen Outputs betrifft, mit, denn ab jetzt agiert die Truppe äußerst souverän und zielstrebig, aber auch nicht minder verspielt und vielseitig.

"Escape", das erste Stück unter diesem neuen Konzept, entpuppt sich als expressiver, eingängiger Metalsong und verwöhnt den Hörer mit viel Fünfsaiter und ähnlich raffinierten Breaks wie bereits in "John Maynard", von denen es besonders der letzte, triolische, in sich hat und noch mal gewaltig Schwung in die Sache bringt.

"Pain of Lies" und "Cravin'" folgen diesem Konzept und bieten auch technisch anspruchsvolle Kost, wenn man sich ansieht, wie filigran die teils angenehm harmonicgeschwängerte Gitarre zu Werke geht.

Besondere Erwähnung soll hier der grenzgeniale Chorus von "Cravin'" finden, ultraeingängig und vorbildlich mit Blick auf die Rhythmusgruppe komponiert (ich bin genrell ein großer Fan davon, Spannung alleine schon mit intelligentem Einsatz der Doublebass zu erzeugen). Ein Grund, weswegen dieser Track bei mir momentan 'rauf und 'runter gehört wird.

"Promise" hat wieder hookmäßige Schwächen, es wird erneut nicht geschafft, den Hörer konsequent in seinen Bann zu ziehen, wohingegen das Finale "Lord Canarvon" wieder Innovationen mit sich zieht, wie den originellen Sprechgesang (bin ich der Erste, dem sich im Vers Parallelen zu "Epic" von "Faith No More" eröffnen?) auf Basis eines gebräuchlichen Einakkord-Riffings.

Am Ende des Tages muss hier unten jedenfalls eine Bewertung stehen und ich habe in der Tat lange mit mir gekämpft, was ich der Band zugestehen könnte, da ich teilweise wortwörtlich vom unreflektierten Loblied ins bodenlose Fass gerutscht bin und wieder zurück.

Zunächst beweist uns diese Platte aber, dass auch mit einem eher schwachen Start durchaus noch ein gewisser Reiz entstehen kann.

Auch wenn die Jungs und das Mädel viel Aufwand in eine angemessene Produktion investiert haben (500km ins ferne Berlin alleine fürs Mastering gereist, Respekt), kommt das soundmäßig nicht immer herüber. Aufgrund von teilweise fehlendem Druck oder zu kantigem und transistorartigen Gitarrenklang; zumal sind einige Passagen schlichtweg nicht eingängig und angemessen genug instrumentalisiert.

Defizite liegen also auch in den Kompositionen selbst.

Medias res; ich denke mit 7.5 Punkten kommen Sie ganz gut weg, zumal das Potential nach oben hin sicher noch offen ist und die Wertung natürlich ihre Livequalitäten außer Acht lässt, die, wie ich mir vorstellen könnte, denen einer kleinen Offenbarung nahekommen, was jetzt nicht missbilligend über zuweilen bestehende Album-Schwächen hinwegtäuschen soll.

Eine fast schon symptomatische Entwicklung vieler Bands, die den ganz großen Sprung noch nicht geschafft haben, zeigt sich auch bei "Spring!time"; vielerorts will der nötige Funke einfach nicht überspringen, vielleicht weil man den Betreffenden einfach nicht wie in gewohnter Manier ins Gesicht blicken kann.

Dass sie komponieren können, haben sie jedenfalls eindrucksvoll bewiesen, aber auch, dass sie gerne mal den ein oder anderen sprichwörtlichen Mist auf die CD mit 'drauf packen.

Im Metalbereich haben sie bereits zweifelsfrei ihren eigenen Meister gefunden, ihre Kür liegt aber nun vor allem in den Folkparts, bei denen gleichzeitig Aufholbedarf wie Potenzial vorhanden ist; eventuell noch mal Joseph Parsons oder Hannes Wader konsultieren, dann klappt’s auch mit dem Majordeal.

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