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Psychotic Waltz: The God-Shaped Void

Das lange Warten wird nicht enttäuscht
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 52:54/ 58:51
Release: 14.02.2020
Label: InsideOut

Es dürfte in der Metalszene das meist erwartete Alben seit vielen Jahren sein: Seit der sensationellen, kaum für möglich gehaltenen Psychotic Waltz-Reunion 2010 lechzen die Fans nach einer neuen Platte der Prog-Metal-Legende, die 1997 nach vier Alben urplötzlich aus verschiedenen Gründen von der Bildfläche verschwand. Der Druck nach über 20 Jahren dürfte dementsprechend nicht gering gewesen sein, andererseits: Wer Alben wie „A Social Grace“ und „Into The Everflow“ veröffentlicht hat, muss niemandem mehr etwas beweisen. Es wäre zwar vermessen zu glauben, dass man mal eben den Spirit von damals einfängt und an diese Meisterwerke heranreicht oder sie gar überbietet – dennoch haben Waltz mit „The God-Shaped Void“ einen verdammt guten Job abgeliefert und es erstaunlich gut geschafft, die Atmosphäre von damals in die heutige Zeit zu transferieren und ziemlich unmittelbar an ihr bisher letztes Album „Bleeding“ von 1996 anzuknüpfen.

Die Produktion samt Mix und Master von Jens Bogren ist kraftvoll und sehr weit, fängt den komplexen Sound bestens ein, ohne over the top zu wirken, und tönt dabei trotzdem klar und differenziert. Vor allem aber, und das ist selbstverständlich das Wichtigste, können die Songs überzeugen, die jahrelange, mühevolle Detailarbeit hat sich offenkundig gelohnt. Dass es keine andere Progband gibt, die mit derart komplexen Arrangements und halsbrecherischen Solopassagen operiert und dabei trotzdem so viel Feeling, Wärme und Leichtigkeit verbreitet, ist ohnehin klar. Dies auch im 21. Jahrhundert so hinzubekommen, dass man die lange Pause kaum registriert, ist umso bemerkenswerter.

Das spezielle Flair und die einzigartige Magie sind sofort wieder greifbar: Wenn Devon Graves bereits in den ersten Sekunden des Openers „Devils And Angels“ die Querflöte trällern lässt, kommt umgehend Gänsehaut auf – der getragene Song, der auch als erste Vorabnummer präsentiert wurde, ist ein Grower, der sein Potential erst nach und nach entfaltet, das mörderisch groovende „All The Bad Men“, das die Band als zweites auskoppelte, fräst sich hingegen sofort in den Hirnrinden fest. Hierbei handelt es sich um einen kompakteren Track, der trotzdem nicht auf die typischen Band-Trademarks wie die sich spektakulär emporschraubenden Doppel-Gitarrenleads verzichtet.

Mit den live bereits ausgetesteten Stücken „Back To Black“, das heavy und knackig und ebenfalls äußerst eingängig daherkommt und „Pull The String“, welches zunächst im Midtempo beginnt und mittels einer Flötenpassage in ein zackigeres Finale überleitet, hat man weitere kompakte Nummern am Start, die eher an die beiden späteren Alben „Mosquito“ und „Bleeding“ erinnern denn an die vertrackteren Frühwerke, auch „Stranded“ mit seinem  „Northern Lights“ ähnelnden Rhythmus lässt an die Spätphase der Formation denken.

In erster Linie ragen aber die Songs heraus, in denen sich Waltz noch mehr an ihren Wurzeln orientieren: Wer bei der grandiosen Gitarrensolopassage im famosen „While The Spiders Spin“, die sich in unnachahmlicher Manier weiter und weiter nach oben zu schlängeln scheint, nicht in Ekstase verfällt, den würde wohl sogar eine Led Zeppelin-Wiedervereinigung im Original-Line-Up kalt lassen. Und mit dem elegischen Chorus im aufwühlenden „Sisters Of The Dawn“ ist ihnen ein Refrain allererster Güte geglückt, den man sich nicht alle Tage aus dem Ärmel schüttelt.

Im elegant fließenden „Demystified“, das in der Strophe an King Crimsons „In The Court Of The Crimson King“ erinnert und bei dem sich Devon Graves ordentlich an der Flöte austobt, wird wiederum stark auf akustische Klampfen gesetzt. Ebenso zu Beginn des sich dramatisch steigernden „The Fallen“ sowie dem wunderschönen Albumcloser „In The Silence“, der sich dank seiner ebenso melancholischen wie feierlichen Atmosphäre als perfektes Finish für die Platte entpuppt und diese stilvoll mit einer hübschen Akustikgitarrenpassage ausklingen lässt. Sehr stark auch hier einmal mehr der Refrain, der nach verträumter Strophe und spannungsgeladener Bridge regelrecht auftrumpft.

24 Jahre seit dem letzten regulären Album sind eine lange Zeit und wenn eine Kultband nach über zwei Dekaden wieder mit einer Platte ankommt, hätte dies auch böse in die Hose gehen können. Doch Schwachpunkte lassen sich nicht wirklich ausmachen, anscheinend war es gut, dass Psychotic Waltz sich Zeit gelassen haben, an ihren Kompositionen zu feilen, denn auch wenn hier kein Jahrhundertalbum à la „A Social Grace“ oder „Into The Everflow“ vorliegt, spannt „The God-Shaped Void“ geschickt den Bogen zu den damaligen Alben, ohne bloß plump Altes aufzuwärmen.

Die Herren sind also zurecht stolz auf ihr neues Werk, das zwar keine irrsinnigen Break-Ungeheuer wie seinerzeit „In This Place“ oder „Out Of Mind“ oder ein unfassbares Überepos der Marke „Into The Everflow“ zu bieten hat, dennoch clever Elemente aus allen Phasen der Band aufweist und deswegen vielfältig und doch aus einem Guss erscheint. Die musikalischen Fähigkeiten des Fünfers sind auch heute noch unerreicht und laden zu zahlreichen Durchläufen ein, um sämtliche versteckten Details der aufwendigen und ideenreichen Arrangements zu erfassen. Die spektakuläre, brillante Gitarrenarbeit von Dan Rock und Brian McAlpin, das immer noch unfassbar tighte Rhythmusfundament von Ward Evans und Norm Leggio an Bass und Schlagzeug und ein nach wie vor ätherisch singender Frontmann, dessen Stimme sich wie ein weiteres Instrument an die Musik schmiegt, faszinieren und funktionieren auch 2020 wie am ersten Tag.

Kleiner Hinweis: Leider fehlt in der Promoversion der Track „Season Of The Swarm“, der daher logischerweise nicht in die Wertung einfließt; komische Labelpolitik, Songs, die sich inmitten der Tracklist befinden (also offenbar eigentlich regulär zum Album gehören), als Bonustracks zu deklarieren und somit in einigen Versionen zu entfernen...

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