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Porcupine Tree: Anesthetize

Gehört in jede Musik-DVD-Sammlung
keine Wertung
Genre: Progressive-/Psychedelic-/Alternative Rock
Spielzeit: 130:00
Release: 21.05.2010
Label: KScope

„Anesthetize“ markiert die zweite DVD von Porcupine Tree nach dem 2006 erschienenen Silberling „Arriving Somewhere“, und so qualitätsverwöhnt man bei dieser Band auch ist, was ihre Veröffentlichungen angeht – Mastermind Steven Wilson ist schließlich bekannt als Perfektionist, der nichts dem Zufall überlässt –, muss man doch jedesmal wieder in Ehrfurcht davor erstarren, was die Briten auf die Beine stellen.

Der Live-Mitschnitt vom Oktober 2008 im niederländischen Tilburg übertrifft in Sachen Sound, Performance und Kamerafahrten die ebenfalls schon brillante Aufzeichnung aus Chicago während der „Deadwing“-Tour tatsächlich noch, obwohl – oder wohl eher: gerade weil – diesmal auf psychedelisch-atmosphärisch anmutende Stilmittel wie schwarz-weiß gefilmte und/oder grobkörnige Sequenzen verzichtet wurde. Dafür gibt es einige spektakuläre Kameraperspektiven, wie zum Beispiel beim 18-minütigen „Anesthetize“ (dem Herzstück des damals aktuellen und komplett und am Stück dargebotenen „Fear Of A Blank Planet“-Albums, das wohl nicht umsonst als Titel für die DVD ausgewählt wurde), wo man beim Drum-Intro von oben immer die Sicht auf die jeweils gerade angeschlagene Tom hat, was eine enorme Wirkung hat. Dennoch wurde hier keineswegs übertrieben; zwar gibt es viele Schnitte, diese sind jedoch stets im Einklang mit der Musik gehalten und nicht zu häufig gesetzt wie bei so vielen anderen DVD-Veröffentlichungen heutzutage.

Die Setlist ist in gewisser Weise recht speziell gehalten – wie erwähnt wird das geniale, von der ersten bis zur letzten Sekunde völlig überzeugende „Fear Of A Blank Planet“ in seiner ganzen Pracht zum Besten gegeben, angefangen vom mitreißenden Titeltrack über die ergreifende Ballade „My Ashes“, das überlange „Anesthetize“, welches alle Elemente Porcupine Trees exzellent zusammenfasst, das sich mehr und mehr steigernde, zerbrechliche „Sentimental“, das sehnsüchtige, mal melancholische, mal brachiale „Way Out Of Here“, bis hin zum finalen, mit wuchtigen Drums ausgestattete „Sleep Together“. Die Performance ist noch um einiges intensiver als auf dem Studioalbum, es ist immer wieder faszinierend, wie die Engländer ihre aufwendigen Arrangements auch problemlos auf der Bühne umsetzen können, ohne großartig Samples verwenden zu müssen – jeder, der die Band schon einmal live gesehen hat, wird mir da zustimmen. Auch die tolle Videoshow auf der Leinwand trägt ihren Teil zur Intensität bei, um diese wirklich richtig genießen zu können, ist ein Konzertbesuch allerdings unumgänglich.

In der zweiten Hälfte wird ebenfalls Wert darauf gelegt, möglichst keine Stücke zu spielen, die schon auf der ersten DVD zu hören und zu sehen sind (letztlich ist „Halo“ auch das einzige, was bereits auf „Arriving Somewhere“ zu finden ist). Beinahe die komplette „Nil Recurring“-EP, die ja so etwas wie die „Resteverwertung“ des „Fear Of A Blank Planet“-Materials war (trotz dieses unschön klingenden Wortes ist natürlich klar, dass es sich hier um exquisite Kompositionen handelt, für die andere Bands immer noch töten würden), wird gezockt (abgesehen vom Titeltrack), außerdem wird etwas tiefer in der Vergangenheit gewühlt – so kommen mit „Dark Matter“, „Sever“ und „Sleep Of No Dreaming“ immerhin drei Stücke von „Signify“ zum Zug. Schade, dass auf Songs der grandiosen Scheiben „Stupid Dream“ und „Lightbulb Sun“ komplett verzichtet wird, aber das ist sicherlich Meckern auf hohem Niveau. Vielleicht liegt ja doch noch irgendwo Videomaterial vom „Warszawa“-Gig herum, das mal verwendet wird, man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben...

Dass der Sound seinesgleichen sucht, braucht wohl nicht näher erwähnt zu werden. Es tönt dermaßen transparent aus den Boxen – und das, ohne dass die Live-Atmosphäre verloren gehen würde –, dass man das Gefühl hat, die Jungs würden im eigenen Wohnzimmer spielen. Selbstredend ist der Auftritt völlig makellos und ohne Fehler vorgetragen – Steven Wilson bewegt sich charismatisch wie immer über die Bühne, Colin Edwin zockt cool und mit dem üblichen bekifft anmutenden Grinsen seine Basslines herunter, Richard Barbieri entlockt seinen Keyboards Soundwälle, die einen in andere Welten zu entführen scheinen, Live-Dauergast John Wesley brilliert an Gitarre und Backing Vocals und Gavin Harrison dürfte zur Zeit eh einer der besten Rockdrummer überhaupt sein.  

Es kann hier einfach keine zwei Meinungen geben: „Anesthetize“ gehört in jede gut sortierte Musik-DVD-Sammlung. Bonusmaterial gibt es keines, aber wer braucht das bei einem so großartigen Gig schon? Nach dem Anschauen muss man sich sowieso erst mal zurücklehnen und tief durchatmen. Wer schnell genug war, kann sich außerdem an der Special Edition erfreuen, die neben der DVD das Konzert noch mal als Blu Ray und Doppel-CD beinhaltet, sowie ein Booklet mit vielen Fotos enthält. – Kaufen, kaufen, kaufen!

P.S.: Man darf sich jetzt schon auf die nächste DVD freuen, die garantiert bald kommt, da auf der letzten Tour das neue Album „The Incident“ ebenfalls in voller Länge gespielt wurde.

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