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Polkaholix: The Great Polka Swindle

Innovation, Groove und Köpfchen
Wertung: 9.5/10
Genre: Polka-Rock
Spielzeit: 46:20
Release: 14.09.2007
Label: Westpark Music

Wie schön übersichtlich war doch die Musikszene, bevor die böse Globalisierung den ahnungslosen Konsumenten mit einer gigantischen Welle an länderspezifischer Musik, angefangen in Asien, Afrika und den peruanischen Anden, überrollte. Ein erbarmungsloser Taifun wurde auf die Leute losgelassen, überall nahmen ausländische Musiker den bayrischen Blaskapellen die Arbeitsplätze weg und Panflöten-Terroristen kämpften um die Kontrolle deutscher Innenstädte. Richtig, wir hatten eine gemütliche, liebenswerte Musikkultur in Deutschland, bevor dieser ganze Weltmusik-Kram aufkam, bevor man sich anfing, sich für Länder zu interessieren, deren Musik in den Ohren der meisten Menschen wie Krach klingt, aber sollen wir mal einen genaueren Blick wagen?

Nehmen wir zum Anfang die Polka. Die Integrierung dieser Musik vollzog sich bereits vor mehr als 150 Jahren, als die große Walzer-Welle das Verlangen auf andere Tänze entfachte. Sicher ist diese Musikform nicht so weit gereist wie vieles, was uns heute zu Ohren kommt, doch schauen wir uns ein wenig weiter in der Geschichte um. Ab 1960 erlebte die Schlagermusik eine massive Unterwanderung der amerikanischen Musikkultur, man hörte, wie ausländische Sänger unverständliches Deutsch nuschelten, aber viel schlimmer noch, wie hiesige Musiker aus englischen „Hits“ deutsche „Schlager“ machen wollten, manche von ihnen sollen angeblich länger in der Hölle schmoren als so mancher Vergewaltiger.

Doch wird es gerade ein wenig zu politisch-moralisch, daher zurück zur musikalischen Globalisierung, oder besser noch zur Polka und der neusten Blüte dieses verwilderten Strauches. Polkaholix, eine Band, die auf der einen Seite dieses exotische Etwas ausstrahlt, welches mit Hilfe von Blechbläsern und Akkordeon in Verbindung mit weltoffener Polka erzeugt wird, andererseits aber auch so voll integriert dies Ganze zelebriert. Eine Atmosphäre zwischen deutscher Wertarbeit auf der einen Seite und einer Menge musikalischem Gefühl andererseits, entstanden im deutschen „Melting Pot“, unserer kulturell schnelllebigen Hauptstadt Berlin. So ist es nicht wirklich wunderlich, dass „The Great Polka Swindle“ mit einem Lied beginnt, welches wie so viele andere im Zusammenhang mit Berlin steht; leider war jedoch dies Rio Reiser Werk nicht der beste Start für ein sonst so fein ausgearbeitetes Album, das Arrangement ist nicht wirklich neu, nicht wirklich Polka und somit schnell zum Überspringen verurteilt. Denn nachdem sich die Band von ihrer Schattenseite gezeigt hat, kommt der wahre Glanz zutage: rare Fundstücke aus deutscher Musikkultur und eigener Feder, feinfühlige Neuinterpretationen und mächtig viel Groove zum Mitfeiern.

So entstaubt man beispielsweise einige Schlager mit dem Polka-Pinsel vom Dreck der Jahrzehnte und offenbart ihr Innerstes, macht sie zu einem Genuss für Leib und Seele, wie die 1939 entstandene Nummer „Bel Ami“ exemplarisch beweist. Aber nicht nur die innovativen Coverversionen stechen hervor, auch eigene Stücke wie „Polka Kebab“, in dem mit einer Lockerheit, der man selten begegnet, eine kurze orientalische Phrase eingeschoben wird, machen jedes dieser Charakterstücke zu einem Freudenfest für den geneigten Zuhörer.

Wenn man sich also in den einzelnen Liedern verlieren will, oder aber auch dies Lebensgefühl der 2/4-Polka genießen will, machen es die acht Musiker ihren Hörern leicht, dem Fluss der Musik bis zum Ende zu folgen. Rhythmische Finessen im simplen Taktgefüge, mitreißende Bläser und druckvolle Einspielungen lassen einen nie müde werden, und ehe man sich versieht, hat man Kraftwerk, Peter Kreuder und Raumpatrouille Orion hinter sich.

Fazit: Was manche Bands mit ihrem zwanzigsten Album noch nicht erreicht haben, ist bei den Polkaholix mit ihrem zweiten Album ebenso gut gelungen wie mit dem ersten: Innovation, Groove und Köpfchen in guter Musik mit guten Musikern umzusetzen. Nur an dem Opener sollte man vielleicht noch ein wenig arbeiten, denn wer so mit der Tür ins Haus fällt, sollte einen geduldigen Gastgeber vor sich haben.

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