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Pain Of Salvation: In The Passing Light Of Day

Eine emotionale Achterbahnfahrt
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 71:46
Release: 13.01.2017
Label: InsideOut

Als Daniel Gildenlöw Ende letzten Jahres ankündigte, dass die kommende Pain Of Salvation-Platte wieder härter werden, sich also an den metallischen Wurzeln der Band orientieren würde, dürften viele alte Fans lauthals gejubelt haben. Die beiden „Road Salt“-Alben stießen nicht überall auf Begeisterung, auch wenn ihnen objektiv wohl niemand die musikalische Klasse absprechen konnte. Die Veröffentlichung des zweiten Teils liegt schon weit über fünf Jahre zurück und in dieser Zeit hat sich auch im Bandcamp der Schweden einiges getan.

So wurde Gildenlöw 2014 von einer Infektion heimgesucht, die sich als so schwerwiegend entpuppte, dass es ihn beinahe das Leben gekostet hätte. Insofern kein Wunder, dass „In The Passing Light Of Day“ wieder härter und düsterer werden sollte. Die Konzeptscheibe über einen Mann, der sich dem Angesicht des Todes gegenüberstehen sieht, transportiert konsequenterweise eine bedrückend dunkle Grundstimmung und ist voller Emotionen; von resignierend über zornig bis zu leicht hoffnungsvoll wird eine breite Palette abgedeckt. Fröhliche Musik hat der Fünfer zwar noch nie wirklich fabriziert, doch erreicht das nunmehr neunte Studioalbum (die Akustikscheibe „Falling Home“ von 2014 mal ausgeklammert) in dieser Hinsicht noch mal eine neue Dimension.

Die vorab herausgebrachte Single „Meaningless“ verstörte schon allein durch das mit nekrophilen Elementen durchsetzte Video, vom musikalisch schwermütigen Ambiente mal ganz abgesehen. Dennoch ist es verständlich, dass dieser Song als erstes ausgekoppelt wurde – der anklagende Refrain jedenfalls bleibt ziemlich gut hängen. „Reasons“, das zweite Stück, für das die Truppe ein Video drehte, ist indessen ein gutes Beispiel dafür, wie Pain Of Salvation es nicht zum ersten Mal sehr gut hinbekommen, Komplexität und Eingängigkeit miteinander zu verbinden. Der Track kommt rhythmisch äußerst vertrackt daher, besitzt jedoch gleichzeitig ebenfalls durchaus Mitsing-kompatible Momente, oder wie Produzent Daniel Bergstrand es im Vorfeld recht anschaulich beschrieb: „Man kann nicht widerstehen mitzusingen, gleichzeitig aber treibt einen der Song aufgrund der ungewöhnlichen Rhythmen in den Wahnsinn.“

Dies lässt sich auf den Großteil des Materials übertragen, leicht macht es einem die Band auch diesmal nicht. Dass die Platte härter als die unmittelbaren Vorgänger geworden ist, lässt sich tatsächlich nicht bestreiten, ein zweites „Remedy Lane“ sollte trotzdem niemand erwarten – doch wer hat das schon? Stillstand dürfte für Pain Of Salvation ein Fremdwort darstellen, vielmehr haben die Skandinavier die zurückgewonnene Härte mit zuletzt häufiger verwendeten Stilmitteln gekoppelt, wie zum Beispiel Holzbläser-Sequenzen – vor allem die Oboe mit ihrem schmeichelnden, elegischen Klang spielt eine nicht unerhebliche Rolle. Im zutiefst depressiven „If This Is The End“ hingegen kommen unter anderem eine Slide-Gitarre und ein Akkordeon zum Zuge, das marschierende, im Refrain trotzig-aufbrausende „The Taming Of A Beast“ basiert auf einem simplen E-Piano-Lauf.

Dynamik und Vielseitigkeit, überraschende Wechsel, die aber doch bedacht und effektiv gesetzt wurden, zeichnen die Formation auch im noch frischen 2017 aus. Allein der über zehnminütige Opener „On A Tuesday“ beeindruckt mit enorm viel Abwechslung: Mit einem treibenden Riff inklusive intensiver Spannungspause wird die Nummer eröffnet, um sich dann in völlig unerwartete Richtungen zu entwickeln und schließlich mit einer sich stetig wiederholenden, aber bedrückenden und ergreifenden Tonfolge zu enden.

„Full Throttle Tribe“ wartet wiederum mit recht typischer PoS-Polyrhythmik auf, besitzt aber erneut einen sehr ohrwurmigen Chorus und sowohl ruhige als auch sehr wütende Sequenzen – das Finale dieses Tracks erinnert einmal mehr daran, dass Daniel Gildenlöw dem Tod offenbar gerade so von der Schippe gesprungen ist. Was die rhythmische Struktur anbelangt, eine sehr charakteristische Nummer, dabei aber natürlich kein bloßes Aufwärmen von Altbekanntem. Auch „Angel Of Broken Things“ arbeitet mit polyrhythmischen Elementen, mutet durch den Einsatz der Akustikgitarre insgesamt aber ruhiger an, wobei in der Mitte ein geradezu verzweifelter Ausbruch erfolgt, über dem ein absolut grandioses Gitarrensolo schwebt.

Klares Highlight markiert der viertelstündige Titeltrack ganz am Ende der Scheibe, der sich ganz behutsam aufbaut und ebenso zerbrechlich und verletzlich wie auch aufwühlend geraten und überdies aufs Neue mit einem fantastischen Refrain gekrönt ist. Voller trister Schönheit ist das mit Streichern, Holzbläsern und sanfter Gitarre ausgestattete Finale, das einen mit Tränen in den Augen zurücklässt.

Pain Of Salvation haben sich mit ihrem neuen regulären Studioalbum viel Zeit gelassen, das Resultat imponiert jedoch einmal mehr. Die Extreme sind so krass wie vielleicht noch nie; das Album liegt teilweise sehr schwer im Magen, rüttelt auf, ist harsch, morbid und brutal, aber auch voller wunderschöner, fragiler Momente. Zu jeder Sekunde ist es berührend und schonungslos offen. Eine emotionale Achterbahnfahrt und damit genau das, was Daniel Gildenlöw in jüngster Zeit durchleben musste – wie übrigens auch an seiner leidenden wie leidenschaftlichen Gesangsperformance zu merken. Die direkte, erdige und in den harten Augenblicken wuchtige Produktion von Daniel Bergstrand passt dazu wie angegossen.

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