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Ozzy Osbourne: Ordinary Man

Deutlich stärker als die letzten Platten der Legende
Wertung: 8/10
Genre: Heavy Metal / Hard Rock
Spielzeit: 49:21
Release: 21.02.2020
Label: Epic Records

Seien wir ehrlich: Die letzten beiden Ozzy-Alben „Black Rain“ (2007) und „Scream“ (2010) waren jetzt nicht der große Wurf, bereits beim 2001 erschienenen „Down To Earth“ musste man einige Abstriche machen – da erwartet man geschlagene zehn Jahre nach „Scream“ sicherlich keine Großtaten. Die hat der Prince Of Darkness sowohl mit Black Sabbath als auch solo in seinem Leben schon zu Genüge abgeliefert, beweisen muss er ohnehin niemandem mehr etwas.

Natürlich wird es immer Spötter geben, die sagen, dass der Mann doch nie so weit gekommen wäre, wenn er sich nicht stets mit herausragenden Musikern umgeben hätte, denn allein habe er doch garantiert nie einen Text oder gar einen kompletten Song geschrieben. Mag alles sein, doch man muss ja auch ein Näschen für die richtigen Leute in seiner Band haben – und das hatte er immer. Ob Randy Rhoads, Jake E. Lee, Zakk Wylde oder Gus G. – allein die Gitarrenfraktion ist Namedropping par excellence.

Auch für seine elfte reguläre Scheibe (das „Under Cover“-Album von 2005 nicht eingerechnet) hat sich Ozzy mit einer umfassenden Entourage an Mitmusikern umgeben, die sich zum Teil wie das Who-is-who der harten Szene liest: die beiden Guns N’ Roses-Recken Duff McKagan und Slash an Bass und Gitarre (letzterer mit Gastsoli), Red Hot Chili Peppers-Drummer Chad Smith hinter der Schießbude sowie Alternative Rock-Ikone Tom Morello mit Gastbeiträgen an der Klampfe, nebst einem ganzen Rattenschwanz an weiteren Muckern.

Hervorstechend in erster Linie ist jedoch die Personalie Andrew Watt (den einige vielleicht noch von California Breed kennen, einer kurzlebigen Band, welche er u.a. mit Glenn Hughes betrieb, die jedoch lediglich ein Album aufnahm), der den Großteil der Gitarrenparts (in denen er sich teilweise echt austobt und seinen Vorgängern in kaum etwas nachsteht) und die Produktion übernahm. Der Kerl ist keine 30 Jahre alt, hat allerdings hier absolut souveräne Arbeit erledigt: Sound und Arrangements sind über jeden Zweifel erhaben, doch vor allem kann „Ordinary Man“ kompositorisch endlich wieder relativ konstant überzeugen.

Bereits im letzten Jahr wurden die Singles „Under The Graveyard“ und „Straight To Hell“ vorab veröffentlicht und während letztgenannter einen zunächst standardmäßig erscheinenden Riffrocker markiert, der allerdings stetig wächst, schürte vor allem „Under The Graveyard“ Hoffnungen auf eine starke Scheibe: Fluffige Akustikgitarren in der Strophe und kontrastierend ein härterer Refrain mit maximaler Eingängigkeit und äußerst effektiven „Ohoho“-Gesängen, die live für jede Menge hochgereckter Fäuste sorgen dürften. Kunstvoll dabei geradezu, dass die Nummer Spaß macht, gleichzeitig aber mit einem ordentlichen Batzen Melancholie versehen wurde – der Text ist alles andere als fröhlich.

Lyrisch tiefschürfend präsentiert sich ebenfalls der schwelgerisch-balladeske Titeltrack, bei dem der Madman mit keinem Geringeren als Pop-Superstar Elton John ein Duett zum Besten gibt; es wird sich mit den Fehlern der Vergangenheit auseinandergesetzt, jedoch auch zugegeben, dass man eben nicht als „gewöhnlicher Mann“ sterben will. Stimmungsmäßig noch deutlich wehmütiger als „Under The Graveyard“, liegt hier sicherlich ein in dem Sinne „kommerzieller“ und „poppiger“ Song vor, den die bornierte Szenepolizei bestimmt ablehnen wird, der sich aber erneut mit einem tollen Refrain hervortut und trotz oder wegen seines Bombasts schlicht gut gemacht ist.

Auch das wieder deutlich rockigere, tanzbare „Scary Little Green Men“ punktet mit einem fantastischen Ohrwurm-Chorus, ähnlich wie „Today Is The End“ – man darf mit Fug und Recht davon sprechen, dass die starken Gesangslinien und Refrains dieses Album ganz klar zu einem der besseren in Ozzys Diskographie erheben, gipfelnd im Süchtigmacher „All My Life“ – ohne Scheiß für meine Begriffe Ozzys bester Track seit mindestens zwanzig Jahren und zum Ende mit den spektakulären Leadgitarren ein wenig an „Tonight“ erinnernd (ohne mit diesem Vergleich ein Sakrileg begehen zu wollen).

Hinzu kommt eine erstaunliche stilistische Offenheit und Dynamik, wobei die experimentellen Stücke eher misslungen sind: Das punkig-rotzige, schnelle „It’s A Raid“ mag Feuer im Arsch haben, wirkt aber letztlich uninspiriert und unausgegoren (wenigstens bringt einen die Zeile „I ran out of cigarettes… FUCK!“ zum Schmunzeln) und das finale „Take What You Want“ mit den Rappern Post Malone und Travis Scott ist eigentlich ein guter Song, aber man muss halt auf R’n’B und Autotuning stehen (und ich hasse beides zutiefst), um das abzufeiern. Trotzdem Respekt für den Mut, so was einfach mal durchzuziehen.

Weniger gelungen ist auch „Eat Me“, obwohl man Ozzy hier immerhin mal wieder Mundharmonika spielen hört und das Mainriff ist prinzipiell brauchbar; so gesehen handelt es sich zumindest um keinen Ausfall. Auch die Ballade „Holy For Tonight“ mit ihren betörenden Streichern und dem zerbrechlichen und trotzdem wiederum recht eingängigen Refrain ist trotz leichter Kitschanleihen grundsätzlich ein schönes Stück Musik geworden und steht ein wenig in der Tradition von Songs wie „So Tired“ oder „Goodbye Romance“.

Zwei Ausfälle, ein bisschen Durchschnitt, aber auch viel teilweise richtig geiles Material führen summa summarum zu einem überraschend guten Album, das man so sicher nicht erwartet hätte. Ja, Ozzys Gesang ist ordentlich glattgebügelt worden und angesichts der kolossalen Anzahl an Leuten, die hier mitwirkten, kann man das ein „Produzentenalbum“ nennen, aber was soll’s? Man sollte sich freuen, dass Ozzy noch da ist und Musik macht, anstatt überall nach Fehlern und Gründen zum Meckern zu suchen. Die Platte macht Spaß und das zählt schlussendlich.

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