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Oysterband: Meet You There

Die Platte zeigt sehr schön, was man aus Traditionen machen kann.
Wertung: 6.5/10
Genre: Folkrock
Spielzeit: 46:13
Release: 30.03.2007
Label: Westpark Music

Was macht den Reiz eines Songs aus? Was ist es an einem Album, das uns fesselt? Groove, Emotionen, Vitalität, Innovation, Ästhetik… Die Faktoren für kurzweilige Musik umfassen ein ungeheures Spektrum und der Genuss von Musik ist vergleichbar mit einem sonnigen Tag im Park. Entspannend, belebend, ereignisreich oder einfach nur dieses erfüllende Gefühl verbreitend ist Musik für viele Menschen ebenso essentiell wie frische Luft, grüne Bäume und eine sonnige Wiese. Einige dieser Faktoren kann man auch bei „Meet you there“ aufleuchten sehen, denn nach 30 Jahren im Geschäft haben die Engländer ein wunderbares Gefühl für runde, eingängige Songs und stimmige Instrumentierungen. Im Gegensatz zu ihren früheren Veröffentlichungen haben sie sich aber auch einen ruhigeren Stil zugelegt, das Alter macht sich auf mannigfaltige Weise bemerkbar.

Die Streicher sind dezenter geworden, ein Cellist ist halt kein Fiddler, und das rockige Akkordeon hat Platz gemacht für ausladenden mehrstimmigen Gesang. Man merkt, dass die Zielsetzung der Gruppe sich geändert hat, wo früher eine Nachricht ans Volk gebracht werden musste, ist heute eher die Betonung auf das Gefühl gelegt. Auf wogende Erzählungen vom Inselleben, auf Lebenserfahrung und diesen speziellen englischen Gedanken, den „British way of life“. Und doch sind die fünf nicht versteift auf dieses alte Bild des kolonialen Weltreiches, sondern bauen kulturelle Brücken zu Gleichgesinnten im großen Dunstkreis des Folk.

Dies wurde angenehm sichtbar durch ihr Projekt „The Big Session“, bei dem sie grandiose Musiker um sich scharten, um ein Folk-Orchester zu präsentieren, welches live seinesgleichen sucht. Der vor drei Jahren abgelieferte Konzertmitschnitt kommt mit einer Kraft, Vitalität und Spielfreude herüber, dass sich die fünf für ihre diesjährige Veröffentlichung ein wirklich hohes Ziel gesteckt hatten. Seit ihrem letzten Longplayer ist nun auch schon wieder ein halbes Jahrzehnt vergangen und die elf Songs erzählen auch von der Bedachtheit, mit der man hier ans Werk gegangen ist. Hast war gestern, heute beruft man sich auf Erfahrung, schreibt Musik, die über die standardisierte Radiolänge hinausprescht, da man keine Grenzen braucht. Problem dabei ist leider nur, dass die Grenzen des Abwechslungsreichtums hier arg strapaziert werden. Nicht wirklich überreizt, doch kommt beizeiten schon mal der Gedanke an mehr Vielfalt auf, an ein wenig stimmungsgeladende Umgestaltung der Stücke.

Hier war die Big Session ein genialer Zusammenschluss, da die unterschiedlichen Charaktere ihren ganz eigenen musikalischen Ausdruck mitbrachten und so ein unglaubliches Spektrum an stimmigem Stilmix gedeihend hervorspross. Was auf „Meet you there“ noch wünschenswert gewesen wäre, ist eine Frauenstimme. Die Musik ist irgendwie sehr testosteron-durchtränkt; wunderbare Stimmung wie in einem Pub in Leeds, doch würde hier ein wenig weibliche Präsenz Unglaubliches bewirken können.

Mein Fazit: Die Platte zeigt sehr schön, was man aus Traditionen machen kann, als welch fruchtbares Land sich die Vergangenheit präsentiert. Doch ist es wie ein Blick in eine Galerie, ein Nachstellen der Schönheit, ein Eifern nach einer vollkommenen Statue, die alle Ideale erfüllt, doch nicht die Natürlichkeit seines Vorbildes birgt. Der englische Folkschatz ist noch lang nicht komplett erschlossen und es wäre schön gewesen, ein entstaubtes Juwel auf diesem Album hören zu dürfen, Musiker und Ideenreichtum für interessante Interpretationen stehen ja offensichtlich bereit. Was bei der Oysterband langsam sichtbar wird, ist das, was man als „Stones-Phänomen“ bezeichnen könnte: Eine alternde Gruppe von hochkarätigen Musikern, die ihre Jugendlichkeit gegen die Erfahrung des Alters eingetauscht haben, geniale Konzerte spielen, doch im Studio nicht mehr ihre älteren Werke übertreffen können.

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