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Ost+Front Ave Maria

Ost+Front: Ave Maria

Polarisierendes Debütalbum mit Kultcharakter
Wertung: 8.5/10
Genre: NDH, Industrial
Spielzeit: 47:17
Release: 10.08.2012
Label: Out Of Line

Was lange währt, wird endlich gut. So könnte man das Debütalbum von Ost+Front am besten ankündigen. Nach Namensänderung, um nicht in die rechte Ecke geschoben zu werden, und personeller Umbesetzung liegt nun endlich der lang angekündigte Silberling „Ave Maria“ vor.
Ost+Front starten im Genre „Neue Deutsche Härte“. Dort, wo ein ständiger, teils unsäglicher Vergleich mit den Szene-Riesen Rammstein erfolgt, kündigen sie sich gleich als der böse Bruder der Band mit dem rollenden „R“ an. Größenwahn? Diese Vermutung liegt durchaus nah. Schaut man aber in das blut- und rußverschmierte Gesicht, welches auf dem Cover prangt, erkennt man einen nicht ganz Unbekannten. Hinter Hermann Ostfront verbirgt sich kein anderer als Patrick Lange, der sich seine Sporen als Mitglied von Corvus Corax, Tanzwut und Schelmish verdient hat und nun in der Live-Besatzung von Oomph! angekommen ist.

An dieser Stelle wird es Zeit, die Musik sprechen zu lassen. „911“ ist der Einstieg und nach ersten zarten Synthesizertönen, rollt auch schon die Gitarrenfront über das Trommelfell. Brachial, martialisch, krachend ziehen Ost+Front ihre Bahnen und die musikalische Ähnlichkeit der „Brüder“ ist mehr als deutlich zu vernehmen. Allerdings erinnert es eher an die Zeit, als der andere Geschwisterteil noch der „Mutter“ huldigte. Und diese etwas rohere Spielweise steht dem Song ziemlich gut zu Gesicht. Wer bei dem Titelnamen schon etwas die Augenbraue nach oben zog, dem sei hiermit bestätigt, es geht tatsächlich um den 11. September. Die Berliner bieten eine differenzierte Sichtweise auf diesen Tag, lassen durchaus Raum für eigene Gedankengänge und legen damit einen ansehnlichen Start hin.

Das Video zum nachfolgenden Track „Ich liebe es“ brachte schon im Vorfeld den ersten kleineren Skandal. Trotz selbst auferlegten Jugendschutzes kamen die Bilder nicht ungesühnt an den wachsamen Augen der FSK vorbei, so liegt selbst für die FSK +18-Ausgabe nur eine zensierte Form vor. Was dem Text sicher eine ähnliche Benotung einbringen dürfte, geht es hierbei doch um sämtliche Spielarten des vollzogenen Liebesaktes, bevorzugt derer, die jenseits der gängigen Moral liegen. Provozierend ist dies allemal noch, zudem sich Ost+Front einer sehr direkten Sprachwahl bedienen. Hiermit seien nun auch die Unterschiede zur Szenennummer 1 abgehandelt und damit auch die Vergleiche abgeschlossen.

Bei „Dawaj, Dawaj“ handelt sich um eine schwere, romantisch anmutende Nummer, die nach einem genauso schweren Rotwein schreit. Schnell, schnell ist hier nicht, vielmehr wird der einstige Freund des Abends am Spieß gebrutzelt und genüsslich verzehrt, was unweigerlich eine Parallele zu dem jüngsten Kannibalismus-Fall in Wladiwostok hervorruft.

„Heimat Erde“ zeichnet sich durch einen provokativ wirkenden Titel aus. Jedoch entkräftet man textlich jegliche Fehlinterpretation und legt zudem noch ein ordentliches Nackenbrecher-Potential an den Tag.

„Ein alter Mann“ schließt sich dem an und entwickelt sich zu einem absoluten Highlight. Gedanken und Spekulationen kreisen um den alten Mann, der die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat und dies löst ein gewisses Kopfkino um jene Person aus. So erlebt der Hörer mit teils hämischem Grinsen und Sekunden später mit Zornesfalten diesen Song. Vernimmt den hymnischen wie auch vorwurfsvollen Refrain und fühlt sich bei den am Ende eingefügten kurzen, etwas verzerrten Sequenzen einer Nationalhymne endlich zur Erkenntnis gelangt. Das Ganze kann man nur als absolut gelungen betrachten und wenn man schon beim Gelungenen ist, sollte gleich noch „Nur für Dich“ angeführt werden. Dieser Titel hebt sich deutlich vom restlichen Liedgut ab. Untermauert und getragen von den Cello-Klängen gibt es hier eine böse, zynische und aberwitzige Blickweise auf Schönheitswahn und der angeschlossenen Industrie. Die Inbrunst, mit der hier vom Schneiden, Zertrümmern, Verengen und Erweitern von Körperteilen erzählt wird, lässt den Körper mit einem Schauder überziehen und das Hämmern auf dem Meißel scheint ewig im Ohr nachzuklingen.

Mit „Denkelied“ wird schließlich abgeschlossen, das Hackebeilchen von Ost+Front schlägt noch einmal zu und lädt widersinnigerweise auch noch zum Mitsingen ein.

Damit kann und muss man schon an das Fazit denken: Ost+Front polarisieren und provozieren, aber auch nur den, der keine täglichen Nachrichten aus aller Welt empfängt. Die Berliner scheinen alle Negativschlagzeilen und alle abseitigen Gelüste zu verwerten und halten damit der Gesellschaft einen zynischen Spiegel vor. Dies selten in einer vielschichtigen Lyrik, sondern meist direkt, jedoch nie in Banalität verfallend. Musikalisch sicher dicht an einer anderen Band, die aber diesen Stil auch nicht erfunden hat. Mit brachialen Riffgeschwader und hämmernden Elektro-Klängen schaffen sie einige Kracher und verstehen es ebenso, ruhige Nummern auf ihr Album zu zaubern. So mag man diese Nähe durchaus verzeihen, zumal es Ost+Front schaffen, den Hörer immer wieder in die eigene Welt zu ziehen. Das Debüt eines Altgedienten ist geglückt und verfügt jetzt schon über einen gewissen Kultcharakter, der sich nun live zu bewähren hat.    

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