Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Orphaned Land: Unsung Prophets & Dead Messiahs

Komplexer und sperriger als der Vorgänger – aber ebenso stark
Wertung: 8,5/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 63:33
Release: 26.01.2018
Label: Century Media

Über vier Jahre haben sich Orphaned Land Zeit gelassen für den Nachfolger des 2013er Werks „All Is One“ – allerdings hatten die Israelis auch einen schmerzlichen personellen Verlust in jener Zeit hinnehmen müssen: Nachdem ein Jahr vor dem Release des letzten Albums bereits Gitarrist und Gründungsmitglied Matti Svatitzki die Band verließ, hat mittlerweile auch der zweite langjährige Klampfenmeister Yossi Sassi seine Koffer gepackt. Chen Balbus, der seinerzeit Svatitzki ersetzte, ist nun auch für die orientalischen Saiteninstrumente wie Oud und Bouzouki zuständig, während für Sassi Idan Amsalem als neuer Mann in die Band kam.

Live wird sich das neue Gitarrentandem in puncto Zusammenspiel zwar erst noch beweisen müssen, auf Platte hört sich das aber schon mal sehr rund an. Muss es auch, denn das  Quintett tendiert bekanntermaßen zum Bombast und lotet diese Grenzen immer weiter aus. Auf „All Is One“ gab es teilweise eine ordentliche Wand an Streichern, Chören und exotischen Instrumenten – auf „Unsung Prophets & Dead Messiahs“ setzt man noch mal einen drauf und legt nach dem songschreiberisch eher simpel gestrickten Vorgänger wieder komplexere Kompositionen an den Tag. Spricht man von einer Art Mixtur aus der Ausrichtung des vorigen Longplayers sowie der vertrackten 2010er Platte „The Never Ending Way Of ORWarriOR“ ist das sicherlich nicht die schlechteste Umschreibung.

Klar dass die Band selbst von ihrem stärksten und ambitioniertesten Werk spricht und schon der bedeutungsschwangere Titel scheint Großes zu suggerieren – das lose Konzept, das sich aus den Ideen, Schriften, Reden und Zitaten philanthropischer Philosophen, Schriftsteller und Politiker speist, ist in der Tat ein ehrgeiziges Projekt und will erst einmal adäquat umgesetzt sein. Das als erster Appetizer veröffentlichte „Like Orpheus“ ist so gesehen nicht wirklich repräsentativ für das Album – der Song, ein Duett mit Blind Guardian-Frontmann Hansi Kürsch, erwies sich als echter Ohrwurm, der richtig gut reinläuft und sich auch auf „All Is One“ hätte befinden können.

Das eröffnende „The Cave“ (textlich bezogen auf Platons Höhlengleichnis) ist da von ganz anderem Kaliber und bietet kraftvolles Riffing, orientalischen Streicherpomp, Chöre und Gitarrensoli und macht in Sachen Opulenz sogar Symphonic-Metal-Bands à la Epica und Nightwish Konkurrenz. Für manch einen mag das redundant wirken, doch tatsächlich ist es erstaunlich, wie gut der Song trotz dieses ausladenden Arrangements fließt und trotz acht Minuten Länge verhältnismäßig kurzweilig erscheint, möglicherweise, weil trotzdem fast die ganze Zeit ziemlich munter aufs Gaspedal getreten wird.

Überhaupt haben die Israelis gleichzeitig auch wieder mehr Härte ins Spiel gebracht. So dominieren im folgenden, treibenden „We Do Not Resist“ ganz klar die Growls, die auch über die gesamte Albumdistanz wieder häufiger zum Zuge kommen als auf „All Is One“. Inhaltlich markiert die Nummer gleich einen Schlüsselmoment: Denn, wie Einstein einst weise bemerkte, sind das Schlimmste auf der Welt nicht die, die Böses tun, sondern diejenigen, die dies durch Nichtstun ermöglichen, was der Titel impliziert. Ein ewiges Thema, das sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte zieht. Kein Wunder also, dass die Band immer noch wütend ist – auf Regierungen, die Medien und die tägliche Gehirnwäsche, der wir unterzogen werden, wie Sänger Kobi Farhi betont.

Auch im etwas verqueren „Only The Dead Have Seen The End Of War“ (kann ein Songtitel deprimierender sein?) werden dem Hörer Growls um die Horchlappen gehauen, mit At The Gates-Frontmann Tomas Lindberg gibt sich ein weiterer prominenter Gast die Ehre, während sich Kobi bei „My Brother’s Keeper“ eher an rauem Sprechgesang versucht, der sich ebenfalls sehr gut macht – schon toll, wie er verschiedene Facetten seiner Stimme ausprobiert und dabei stets eine ausgezeichnete Figur abgibt.

Dies trifft sicherlich besonders auf das Herzstück der Platte, das schwelgerische Neun-Minuten-Epos „Chains Fall To Gravity“ zu, das mit himmlischen Gesangslinien glänzt und des Weiteren ein wunderschönes Gitarrensolo von Altmeister Steve Hackett bietet. Eine absolut fantastische Komposition, sicherlich ein Highlight in der kompletten Band-Discographie. Schwelgerisch ist ein Attribut, das sich auch auf den Doppelpack „In Propaganda“/„All Knowing Eye“ anwenden lässt – wiederum mit herrlichen Gesangsmelodien ausgestattet sowie in letzterem mit entfesseltem Gitarrenspiel.

Musikalische Vielfalt wird auch weiterhin groß geschrieben im Hause Orphaned Land: Bei „Take My Hand“ wird zwischen vertracktem Groove in der Strophe und elegischem Gesang im Refrain gependelt, „Yedidi“ stellt die quasi ausschließlich auf orientalischen Folk ausgerichtete Nummer dar (an der so mancher daher vielleicht etwas länger zu knabbern hat), „Left Behind“ ist neben „Like Orpheus“ die Hit-lastigste Nummer und das in schleppendem Tempo gehaltene „Poets Of Prophetic Messianism“ wird von erhabenen Chören getragen – sicherlich pathetisch, dennoch beeindruckend.

Dies lässt sich auch auf das ganze Album übertagen: Da ist natürlich viel Pathos vorhanden, aber eben auch viel Herzblut. „Unsung Prophets & Dead Messiahs“ beeindruckt mit großer Musikalität und Vielseitigkeit sowie einer transparenten Bogren-Produktion, man muss allerdings Geduld aufbringen und sich reinhören. Doch das galt für die Jungs aus Israel ja eigentlich schon immer. Auf jeden Fall schön, dass diese Band im Kampf um Frieden und gegenseitigen Respekt niemals aufgibt, so hoffnungslos die Lage des Öfteren auch erscheinen mag.

comments powered by Disqus

Zwei Metal-Größen in ausgezeichneter Verfassung

Drei sympathische Bands sorgen für einen stimmungsvollen Sonntagabend

„Ich habe mich bemüht, dass das Album als solches der eigentliche "Star" ist“

Die High- und Lowlights der Redaktion im vergangenen Jahr

Von ausgelassener Stimmung, Perfektion und einer fetten Panne