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Original Silence: The Second Original Silence

Improvisiertes Chaos aus Noise und Free Jazz
keine Wertung
Genre: Free Jazz, Noise Rock, Experimental
Spielzeit: 56:53
Release: 20.02.2009
Label: Smalltown Superjazzz

Death Jazz – so bezeichnen Original Silence ihren Sound. Als „Mischung der Intensität des Hardcore-Punk mit dem Improvisationsgeist eines John Coltrane“ beteichnete die englische Zeitung „The Guardian“ den Stil einmal. Der Band scheint das zu gefallen.

Auf ihrem zweiten Album - sinnigerweise mit „The Second Original Silence“ betitelt – wirft die sie Free Jazz, experimentelle Sounds und Noise Rock in einen großen Kessel, um anschließend kräftig umzurühren. Und passend zur Küchenmetapher erweisen sich die Mitglieder von Original Silence als regelrechte Starköche: Kein Geringerer als Sonic Youth-Gitarrist Thurston Moore ist mit von der Partie; außerdem ein gewisser Mats Gustafsson am Saxofon, der Kennern als eines der Aushängeschilder des schwedischen Free Jazz bekannt sein dürfte. Auch die übrigen Mitglieder des Sextetts sind allesamt keine unbeschriebenen Blätter im Jazz-/Experimentalsektor, weshalb Original Silence getrost als echte Supergroup bezeichnet werden kann.

Wie sich das für Free Jazz gehört wurde „The Second Original Silence“ nicht nur live aufgenommen, sondern selbstverständlich auch vollständig improvisiert. Nur vier Songs (sofern man überhaupt von „Songs“ sprechen kann) bei etwa 57 Minuten Spielzeit; alle rein instrumental, der längste über 22 Minuten lang, der kürzeste immer noch knapp siebeneinhalb Minuten. Den konzentrierten Genrefreund freut es, Struktursuchende lassen die Finger weg. Womit wir bereits beim grundsätzlichen und unausweichlichen Dilemma sowohl des Free Jazz als auch des Noise Rock und des Experimentellen sowieso wären: Was für den einen eine gewaltige künstlerische Leistung ist und ihm glückselige Stunden vor der Stereoanlage beschert, ist für den anderen genau der Krach, den der Noise Rock schon im Namen trägt. Es sei also vorab schon einmal gesagt: Was hier gespielt wird, ist in hohem Maße absolute Geschmackssache. Aber genug der langen Vorrede; was geben die vier Songs des Albums her?

Eröffnet wird die Platte mit ihrem kürzesten Song „Argument Left Hanging – Rubber Cement“. Gitarre und Schlagzeug leiten ihn mit einem kurzen, rhythmischen Intermezzo ein, ehe sich ein unnachgiebig groovender Basslauf dazugesellt, der den Track vorwärts trägt. Nach zwei Minuten ertönt Mats Gustafssons quäkendes Saxofon, das sich mit den immer zahlreicher werdenden anderen Instrumenten ein erbittertes Duell liefert, ehe das Ganze gegen Ende in ein lärmendes Finale kippt.

Das 22-Minuten-Monster „A Sweeping Parade Of Optimism – Blood Streak” beginnt mit des Lärmschlägers liebstem Spielzeug: dem Atari-Videospiel-Sound. Schon nach kurzer Zeit wird dieser aber von nervösem Schlagzeug, dumpfem, verzerrtem Bass und kreischender Gitarre in den Hintergrund gedrängt. Genau Hinhören ist hier die Devise, denn hinter den Wänden aus Lärm und Gitarrenfeedback verbergen sich immer wieder flüchtige Grooves, die danach schreien, gefunden zu werden. Schlagzeug und Bass bekommen im Lauf des Songs immer wieder Gelegenheit, sich kurz hervorzuheben, ehe der Noise wieder über den Hörer hereinbricht. Über die gesamte Länge hält die Band die Spannung aufrecht, erschafft sphärische Klänge, hektische und schleppende Passagen sowie immer wiederkehrende chaotische Klangwelten; alles läuft nahtlos ineinander wie die Farben eines wirren Malers.

Der dritte Track mit dem klangvollen Namen „High Trees and a Few Birds - The Doll's Reflection” baut 18 Minuten lang in kleinen Schritten eine höllische Kakophonie auf, die sich immer wieder energiereich entlädt, um wieder in sich zusammenzufallen. Die Bandbreite der erzeugten Sounds reicht dabei von Nebelhörnern über Hubschrauberrotoren bis zu Vogelgezwitscher. Stellenweise finden sich auch Pausen, in denen einfach nur Stille herrscht und die die beklemmende Spannung des Songs bis zum Schluss aufrecht erhalten.

Der vierte und letzte Titel „Crepescular Refractions - Mystery Eye“ bietet schließlich auf achteinhalb Minuten noch einmal eine Zusammenfassung des Original Silence Sounds: ein quäkendes, durchgeknalltes Saxofon, intensive Steigerungen von völliger Stille bis hin zu ausufernden Lärmeskapaden, rhythmisch groovende Parts und völlig freie Abschnitte, Hektik und Gelassenheit. Plötzlich und unerwartet wie die Musik selbst endet die Scheibe dann auch: Einfach so, mitten in einem von Schlagzeugfills geprägten rhythmischen Spiel zwischen den Instrumenten trötet Mats Gustafsson einen letzten Ton aus seinem Sax. Das war's.

„The Second Original Silence“ entzieht sich jeglichen Kriterien, die eine Wertung ermöglichen würden. Das Kunst/Lärm-Dilemma ist hier so offensichtlich und die Frage des Gefallens so sehr vom eigenen Geschmack abhängig, dass eine Bewertung in Punkten der Platte nicht gerecht würde, weshalb ich mir eine solche auch spare.

Das Album sei aber all jenen empfohlen, für die Musik nicht unbedingt etwas mit Harmonie, durchgängigem Rhythmus, Struktur und Melodie zu tun haben muss, sondern die auch die Ästhetik des Lärms und das kollektive Improvisationskönnen einer eingespielten und kreativen Band zu schätzen wissen. Wer sich auf dieses kontrollierte, akustische, kollektiv erzeugte Chaos einlassen kann und will, wird mit einer breiten Palette an Sounds, Emotionen und Hörempfindungen belohnt. Wer sich dazu nicht durchringen kann, nimmt aber wahrscheinlich wirklich nur Lärm wahr.

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