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Opeth: Watershed

Geradezu beängstigende Weiterentwicklung
Wertung: 9.5/10
Genre: Progressive Death Metal
Spielzeit: 55:11
Release: 30.05.2008
Label: Roadrunner Records

Nachdem nach Schlagzeuger Martin López auch noch Gitarrist Peter Lindgren nach 16 Jahren Bandzugehörigkeit Opeth verließ, hatte ich schon Angst bekommen, dass die Schweden jetzt nichts Vernünftiges mehr produzieren würden. Irgendwie war ich sehr skeptisch, was die neue Platte und natürlich auch, was Mikaels neuen Sidekick Fredrik Akesson anbelangt.

Gott sei Dank hat sich jegliche Skepsis bereits nach dem ersten Hören des neuen Meisterwerkes der besten Band der Welt völlig in Luft aufgelöst. Wie ein kleines Kind zu Weihnachten hab ich mich gefreut, als ich die Scheibe in den Player legte und mich auf eine knappe Stunde zwischen Träumen und Abrocken gefreut.

Ob „Watershed“ wirklich wieder härter ist als „Ghost Reveries“, vermag ich nicht wirklich zu sagen, aber fest steht: Es sind schon etliche Gewitter vorhanden, auch wenn unterm Strich bei nur drei der sieben Stücke Growls verwendet werden und vor allem – wie könnte es sonst sein: „Watershed“ ist schlicht anders, völlig anders – Opeth wären schließlich nicht Opeth, wenn sie sich nicht ständig etwas Neues einfallen lassen würden. Wie auf „Ghost Reveries“ gibt es auch wieder einige psychedelische Anteile, die aber eher zurückgeschraubt wurden. Dafür gibt es viele Krautrock-Zitate und es sind die absonderlichsten Einfälle vorhanden, wie bei „The Lotus Eater“ die Kombination Blastbeats (die gab es bei Opeth bisher überhaupt noch nie) und cleaner (!) Gesang.

Aber der Reihe nach: Schon die melancholische Akustikballade „Coil“, die als Opener fungiert, weiß sehr zu gefallen und die wunderschöne Stimme der jungen schwedischen Nachwuchssängerin Nathalie Lorichs integriert sich bestens in das Stück und bringt gleich noch einen zusätzlichen Farbtupfer hinein.

Dann aber geht es richtig los: „Heir Apparent“ ist sehr düster, anfangs doomig und heavy, später jedoch ziemlich schnell. Hier kann Fredrik Akesson auch gleich mal zeigen, was er Solo-technisch auf dem Kasten hat. Den Song haben Opeth ja bereits auf dem Melloboat-Festival live vorgestellt. Natürlich fehlen auch hier nicht die typischen Akustikpassagen; teilweise mit Unterstützung von Flötenstimmen und Pink-Floyd-artigen Slidegitarren. Das Ende des Songs wird von einem epischen Part gebildet. Absolut geil!

Was jedoch bei „The Lotus Eater“ abgeht, spottet jeder Beschreibung. Wie erwähnt, wäre da die Kombination Blastbeats und cleaner Gesang; in der Mitte aber ertönt ein funkiges E-Piano-Solo, es gibt eine ganze Reihe Mellotron- und Flöten-, sowie abgedrehte, spacige Klänge, Soundwälle, die sich himmelhoch auftürmen, einfach irrsinnig! Man wundert sich jedes Mal aufs Neue, wie all diese Dinge zusammen passen können – aber das sind halt Opeth...

Und dann „Burden“: Himmlisch, diese Gesangslinien, himmlisch diese wechselnden Gitarrensoli, besonders die harmonischen Doppel-Leads am Ende – man will einfach nur die Augen zumachen und in Träumen schwelgen; die Akustikgitarre zum Schluss reißt einen allerdings aus jeglicher Träumerei. Ich will gar nicht verraten, wieso, aber die Jungs haben hier mal wieder eine völlig abgefahrene Idee gehabt. Lasst euch überraschen, ich garantiere euch, ihr werdet erst ungläubig gucken und dann loslachen...

Das von Fredrik Akesson mitkomponierte „Porcelain Heart“ markiert dann den mit Abstand schwächsten Song des Albums. Die Idee, das Riffing von „The Grand Conjuration“ in modifizierter Form einzubauen, ist zwar nicht schlecht und auch die ruhige Passage mit den sanften Akustikgitarren ist hübsch, aber irgendwie fällt der Song qualitativ doch deutlich vom Restmaterial ab. Er wirkt einfach uninspiriert, was schade ist, da Opeth sich so leider um die vollen zehn Punkte bringen.

„Hessian Peel“ wiederum, mit elfeinhalb Minuten längster Track des Albums, ist hingegen eines der absoluten Highlights von „Watershed“; es beginnt mit einem tiefen Bass-Orgelton und bietet dermaßen viele verschiedene Stimmungen und Stilrichtungen, wie andere Bands sie nicht mal auf zwei Alben unterbringen könnten – Opeth machen das in einem einzigen Stück: Auf melodische Gitarrenläufe folgen spacige Keyboardsounds, schließlich eine Siebziger-Jahre-Rock-Sequenz und dann leitet ein immer wieder gespielter Hammond-Orgel-Ton einen mächtigen Growl-Part ein, der in einem komplexen Break-lastigen Teil mündet. Die Genialität dieses Songs lässt sich eigentlich nicht in Worte fassen; Vorsehbarkeit gleich null, Abgefahrenheitsfaktor hundert Prozent. Wenn man jedoch erst mal durch die Struktur durchgestiegen ist, lässt einen „Hessian Peel“ nicht mehr los. Geil, geil, geil!

Das finale „Hex Omega“ schließlich erinnert von der Stimmung her etwas an „Weakness“ von „Damnation“: Beklemmend ist wohl das richtige Wort hierfür. Behutsam wird das Stück aufgebaut, bis sich das Leitthema am Ende in einer Art Ausbruch entlädt.

Klares Fazit: Opeth stagniert glücklicherweise keineswegs, trotz des Ausstiegs zweier langjähriger Bandmitglieder. Was Martin Axenroth auf „Watershed“ abzieht, sucht seinesgleichen. Er ist kein Martin López, der noch mehr verschiedene Einflüsse (beispielsweise Latin) hatte und sicherlich noch etwas Jazz-orientierter spielte, aber er ist selbstverständlich ein großartiger Drummer und wohl der beste Ersatz, den Opeth finden konnten. Und dass er auch jede Menge Feeling besitzt, beweist er beispielsweise bei „Hex Omega“.

Die Band jedenfalls macht weiterhin das, worauf sie Lust hat, das merkt man anhand zahlreicher, völlig gelungener Experimente, an denen auch Tastendrücker Per Wiberg einen großen Anteil hat. Die Keyboards wurden noch überlegter und noch vielfältiger eingesetzt als auf „Ghost Reveries“ und nach meinem Eindruck auch noch stärker ins Gesamtbild eingebunden. Da werden natürlich wieder viele was dran zu meckern haben, aber Opeth haben sich nun einmal weiterentwickelt und außerdem auch in diesem Bereich einen der besten Leute der Szene. Wiberg versteht es einfach glänzend, die Keyboards sowohl in Death-Metal-Sequenzen, als auch in ruhigen Parts zum Versinken effektiv einzubringen. Hier wird nicht unnötig herumgefrickelt, hier wird nichts mit Kitsch-Sounds zugekleistert: Er spielt immer der jeweiligen Atmosphäre dienend.

Die Produktion halte ich ebenfalls für äußerst gelungen (auf jeden Fall besser als die von „Ghost Reveries“) und anhand der zahlreichen Gesangs- und Gitarreneffekte merkt man, dass die Band eine ganze Menge von Steven Wilson gelernt hat. Auch die Details, die sich wie immer erst nach mehreren Durchläufen offenbaren, haben es selbstverständlich wieder in sich: Hier ertönt bei einem wiederholten Thema plötzlich ein zweite Stimme beim Gesang, dort wird über die erste Gitarre ein zweites Harmonie-Voicing gelegt und und und...

Wegen des schwächeren „Porcelain Heart“ reicht es zwar nicht zur vollen Punktzahl, aber neuneinhalb Zähler muss man definitiv vergeben.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann