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Opeth: Pale Communion

Die logische Weiterführung von "Heritage"
Wertung: 9/10
Genre: Progressive/Psychedelic Rock
Spielzeit: 55:44
Release: 22.08.2014
Label: Roadrunner Records

„Heritage“ war ganz zweifellos das umstrittenste Album in der Geschichte von Opeth, da dürften sich alle einig sein. Die Abkehr von jeglichen Death-Metal-Elementen war mutig und gewagt, denn naturgemäß war damit der Verlust eines nicht unerheblichen Teils der Fanbasis verbunden. Umso gespannter durfte man sein, was Mikael Åkerfeldt und seine Jungs nun beim nächsten Album machen würden – schon nach einer Platte doch wieder Growls einzuführen, wäre nicht sehr glaubwürdig gewesen und hätte die Anhängerschaft somit wohl nur noch mehr aufgebracht, obwohl die meisten, wenn sie wirklich ehrlich sind, sich wohl genau dies gewünscht hätten. 

Tatsächlich sind konsequenterweise auch auf „Pale Communion“, der nun schon elften Full-Length-Platte der Schweden, keine todesmetallischen Vocals anzutreffen; wenn man die Essenz der Scheibe in einem Satz beschreiben wollte, müsste man konstatieren, dass sie die logische Weiterführung von „Heritage“ darstellt. Wenn man Mikael Åkerfeldt kennt, war einem auch bewusst, dass es irgendeine Weiterentwicklung geben würde, die Frage war nur, wie genau diese aussehen oder besser gesagt: sich anhören würde.

Schon der Eröffnungstrack „Eternal Rains Will Come“ deutet an, dass es auf dem neuen Album noch mehr Hammondorgel und noch weitaus ausladender mehrstimmigen Gesang gibt. Letzteres erscheint nur logisch, denn mit dem Verzicht auf Growls bleibt automatisch mehr Raum für klaren Gesang, mit dem der Frontmann nun noch mehr experimentiert und den er mehr und mehr weiterzuentwickeln gedenkt. Erneut wird dadurch deutlich, dass Opeth letztlich Åkerfeldts Band ist, sein Ventil, um seine musikalischen Visionen umzusetzen.

Manch einer mag der Ansicht sein, dass der Sänger und Gitarrist sein Faible für die Musik der Sechziger und Siebziger doch bitte solo ausleben und bei Opeth lieber weiterhin das Wechselspiel auffahren sollte, das die Band so bekannt gemacht hat. Ähnlich wie Steven Wilson seine Solokarriere und Porcupine Tree eindeutig trennt. Sicherlich ist diese Sichtweise nachvollziehbar, nur sind a) die anderen Mitglieder anscheinend ja bereit, den Weg Åkerfeldts mitzugehen, sonst wären sie – wie damals Per Wiberg – schon ausgestiegen (bei Wilson herrschen andere Umstände vor, so soll ein Porcupine-Tree-Mitglied mit Jazz angeblich nichts anfangen können) und b) hat Mikael derzeit gar keine Lust auf Todesstahl, weswegen man sich dann schon die Frage stellen müsste, ob es Sinn machen würde, irgendetwas Halbgares zu schreiben, nur um den Fans zu geben, was sie haben wollen.

Wie bei „Heritage“ sind trotzdem jede Menge Passagen vorhanden, die zweifelsfrei Opeth durch und durch sind – besonders die wie immer herausragenden, wundervollen Akustiksequenzen, bei denen man sich bei dieser Combo eigentlich immer darauf verlassen kann, dass sie einen tief in der Seele berühren. Dennoch dürfte der vorab bereits bekannte Track „Cusp Of Eternity“ derjenige sein, der am besten auch auf die Vorgängerplatte gepasst hätte, bildet er doch so etwas wie den Bruder zu „Slither“ auf „Heritage“, so stark ist auch hier der Rainbow-Einschlag; dank des mit eingängigen, elegischen Gesängen versehenen Refrains ist er aber eher der noch stärkere Song.

Ansonsten spielen wie erwähnt Hammondorgel und mehrstimmige Vocallines eine noch größere Rolle, was sich zunächst in den herrlichen Gesangsmelodien des Openers manifestiert und letztlich durch die gesamte Platte zieht. „River“ beispielsweise besitzt anfangs einen ordentlichen Singer/Songwriter- bzw. Steven Wilson-Einfluss und ist ein wunderbar geeignetes Beispiel für die neuen Opeth, andererseits aber auch in gewisser Weise typisch für die Formation: Altfans werden mit der relaxten ersten Hälfte womöglich gar nichts anfangen können, andererseits kommt die zweite Hälfte wiederum erstaunlich hart daher – in jedem Fall können die Schweden also immer noch mit unerwarteten Wendungen überraschen.

Davon bietet auch das mit elf Minuten längste Stück „Moon Above, Sun Below“ (ziemlich abgefahren-psychedelischer, cooler Titel by the way) jede Menge. Wer meint, Opeth hätten es mit dem (vorübergehenden?) Abschied vom Death Metal verlernt, spannende Epen voller Abwechslung zu schreiben oder würden nicht mehr nach Opeth klingen, sieht sich auch hier definitiv getäuscht. Das schleppende Finale hat gar ein bisschen was vom Ende von „Harlequin Forest“. 

Mit „Goblin“ versteckt sich in der Tracklist außerdem ein sehr funkiges Instrumental mit Camel-Referenzen, bei dem man sich tatsächlich ganz gut ein tanzendes Rumpelstilzchen vorstellen kann und das entsprechend Laune macht, und in Form des geheimnisvollen, brillanten „Voice Of Treason“, bei dem die vielen kleinen Details das gewisse Etwas ausmachen (Sitar-mäßig klingende Fills beim Chorus zum Beispiel), und dem ruhigen, Storm Corrosion-Flair atmenden „Faith In Others“ hat man sich die beiden vielleicht besten Stücke für den Schluss aufgehoben.

Für meine Begriffe hat das neue Werk der Stockholmer gegenüber „Heritage“ leicht die Nase vorn, da das Songwriting stimmiger und das gesamte Album trotz weiterhin immenser Dynamikwechsel homogener wirkt. Das Ganze klingt nach dem Richtungswechsel beim Vorgänger vor drei Jahren reifer und kohärenter. Diese Einschätzung mag angesichts des glatten Neuners für „Heritage“ seinerzeit seltsam wirken, aber die neun Punkte waren auch einer zu viel. Doch jeder Musikjournalist, ob nun Hobbyschreiber wie wir oder die Großen, die dafür bezahlt werden, kennt es wohl, dass er manchmal daneben liegt – hin und wieder auch drastischer als nur einen Punkt.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann