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Opeth: Heritage

Ein Wendepunkt in der Karriere der Schweden
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Rock
Spielzeit: 57:04
Release: 16.09.2011
Label: Roadrunner Records

Im Nachhinein betrachtet müsste eigentlich das neue Album „Heritage“ den Namen des Vorgängers „Watershed“ tragen, markiert es diesmal doch tatsächlich einen spektakulären Wendepunkt in der Geschichte von Opeth – einen weit größeren als den, der damals zwischen „Morningrise“ und „My Arms, Your Hearse“ vollzogen wurde. Im Vorfeld wurde bereits gemunkelt, das Album solle sehr ruhig werden und keine Growls enthalten, was diejenigen, die Mastermind Mikael Åkerfeldt und seinen immer stärker ausgeprägten Faible für obskure Kraut-, Psychedelic- und Prog-Rock-Bands der Sechziger und Siebziger kennen, vielleicht gar nicht mal so sehr überrascht.

Dass die Schweden schon immer das getan haben, was sie wollten, und nie auf Verkaufszahlen schielten oder sich den Zwängen des Musikbusiness unterwarfen, wird mit „Heritage“ erneut mehr als deutlich. Es mag wieder Idioten geben, die der Band Ausverkauf vorwerfen werden, weil die Death-Metal-Wurzeln komplett gekappt wurden, doch gerade weil auf das berühmte, Opeth-typische Trademark des Wechselspiels zwischen Todesblei und zerbrechlicher Akustik verzichtet wird, ist „Heritage“ ein mutiges Album – na ja, manche lernen es sowieso nie.

In jedem Fall durfte man auf die Platte so gespannt sein wie auf kaum ein anderes Release in diesem äußerst proggigen Jahr 2011. Spätestens wenn man das recht ungewöhnliche Cover mit seinen biblischen und sonstigen versteckten Anspielungen, das in einem sehr psychedelischen Stil gehalten ist, betrachtet, kann man zu der Schlussfolgerung gelangen, dass bei der Band auch musikalisch ein Umbruch stattfand. Und tatsächlich wird nicht nur das Artwork, sondern auch die auf „Heritage“ dargebotene Musik bei so manch altem Fan garantiert ein dickes Fragezeichen auf die Stirn zaubern. Sicherlich dürften die meisten Opeth-Anhänger wegen des schon immer sehr eigenwilligen und außergewöhnlichen Stils recht open-minded sein, dennoch könnte es sein, dass sich mit der Verabschiedung der Combo von Todesmetall-Elementen auch einige frühere Fans abwenden.

Obwohl Åkerfeldt sich zunächst sträubte, schon vor dem offiziellen Veröffentlichungsdatum Material online zu stellen, ließ er sich letzten Endes doch breitschlagen, denn „The Devil’s Orchard“, das erste „richtige“ Stück nach dem Opener und Titeltrack (einem rein instrumentalen, kurzen Klavierstück, bei dem der neue Tastendrücker Joakim Svalberg gleich eine kleine Kostprobe seines Könnens abliefern darf – sämtliche Keyboardspuren bei den anderen Songs wurden noch von Per Wiberg eingespielt), war bereits zuvor im Internet zu hören und bildet einen guten Ausblick auf „Heritage“. Rockiges trifft auf Psychedelisches, die Hammond wummert, der Songaufbau ist genauso spannend wie schlüssig, der Chorus einprägsam. Lediglich die im weiteren Verlauf des Albums noch sehr dominanten Akustikgitarren kommen erst beim folgenden „I Feel The Dark“ erstmals richtig zum Vorschein. Dem Mainriff, das hier auf der Akustikklampfe dargeboten wird, haftet etwas wundervoll Leichtfüßiges an, der Song ist erneut sehr interessant und facettenreich. In der Mitte setzen dann E-Gitarren ein und es wird härter – früher wären an solch einer Stelle nun wohl Growls ertönt, doch man muss zugeben, es funktioniert auch ohne.

Es ist halt immer die Frage, ob man sich darauf einlassen kann. Wusste man vorher schon, welche Richtung Mikael Åkerfeldt und seine Jungs anpeilen und hatte man selbst schon immer ein bisschen etwas für Siebziger-Jahre-Mucke übrig, sollte man mit der veränderten Ausrichtung der Stockholmer klarkommen. Es ist ja auch nicht so, dass man die Band überhaupt nicht mehr wiedererkennen würde; einige Passagen erinnern gar an die ganz alten folkigen Opeth der beiden ersten Alben (beispielsweise das unheimlich schöne Schluss-Instrumental „Marrow Of The Earth“), andere Stellen wiederum lassen an „Damnation“ denken, doch es wird eben auch Neuland betreten. So wartet das reichlich komplexe „Famine“ (für meine Begriffe der am schwersten zugängliche und sperrigste Track) mit teils sehr schrägen Flötenklängen auf, die der Kauzigkeit von Jethro Tull nicht unähnlich sind, und die Percussion-Einschübe haben noch mehr rituellen Charakter als jene bei „The Grand Conjuration“.

In der Mitte der Langrille wird es nach dem ziemlich rockigen „Slither“, das Rainbow und Led Zeppelin quasi atmet, sehr ruhig: „Nepenthe“ besticht durch zum Sterben schöne Gesangslinien (dabei gibt es nur sechs Zeilen Text) und einen hypnotischen Groove am Ende, über dem verträumte Gitarrenklänge schweben, und bei „Häxprocess“ beweist Mikael Åkerfeldt am Ende einmal mehr eindrucksvoll, dass Feeling so viel wichtiger ist als Technik – einzigartig, was er seinem Instrument für emotionale Töne entlockt.

Ein weiteres, großes Highlight stellt zweifelsohne „Folklore“ dar, das zunächst mit einer eingängigen Melodie, die von einer lässig groovenden, zwischen 6/8- und 7/8-Takt wechselnden Rhythmussektion untermalt ist, beginnt, um in der Mitte rein akustisch zu werden, und sich letztlich zu einem epischen, geradezu majestätischen Finale zu steigern. Auch das kurze „Lines In My Hand“ glänzt mit einem herrlich fluffigen, akustischen Gitarren-Mainriff und steigert sich zum Ende hin mehr und mehr.

Eine abschließende Beurteilung zu finden, ist nicht einfach. Für mich handelt es sich um ein weiteres vorzügliches, hervorragend produziertes Opeth-Meisterwerk und dass Mikael und seine Mannen musikalisch über jeden Zweifel erhaben sind, wird wohl auch der größte Kritiker einräumen müssen. Bei einer derart starken Veränderung wird es allerdings wie erwähnt genügend Leute geben, die ein Problem damit haben. Trotzdem ist das alles wohlüberlegt und der Stilbruch letztlich nicht so radikal, wie er zunächst einmal erscheint. Bringt man etwas Geduld mit, wird man mit einem packenden, faszinierenden und spannenden Album belohnt, das voller schöner Einfälle und Melodien steckt. In der limitierten Auflage gibt es mit „Pyre“ und „Face In The Snow“ übrigens noch zwei Bonustracks, auf die mangels Vorhandensein in der Promoversion leider nicht eingegangen werden kann.

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