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Oceans Of Slumber: Winter

Jeder Fan von Prog Metal mit Ausflügen in extreme Gefilde muss hier zuschlagen!
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 59:58
Release: 04.03.2016
Label: Century Media

Wenn man sich ansieht, dass die Texaner Oceans Of Slumber auf ihrer im letzten August veröffentlichten EP „Blue“ Stücke von musikalisch völlig verschiedenen Acts wie Candlemass, Emperor, Led Zeppelin und Pink Floyd neu interpretiert haben, kann man schnell zu dem Schluss gelangen, dass diese Band sehr viele unterschiedliche Einflüsse ihr Eigen nennt und äußerst vielfältig agiert – auch ohne die 2013er Debüt-Full-Length „Aetherial“ gehört zu haben. Seitdem hat sich im Hause Oceans Of Slumber ohnehin eine signifikante personelle Änderung am Mikro ereignet: Dort befindet sich nun nicht mehr Ronnie Allen, also eine männliche Stimme, sondern mit Cammie Gilbert eine weibliche, und ohne etwas gegen Ronnie sagen zu wollen: Diese Verpflichtung war ein echter Volltreffer, wie sicherlich auch alle Besitzer oben erwähnter EP ohne Zögern bestätigen werden.

Cammies Auftreten auf der Bühne ist ebenso charismatisch und sexy wie ihre Stimme, die schlicht mit einem so wundervollen Timbre gesegnet ist, dass es einem teilweise die Sprache verschlägt. Sie säuselt, wispert und singt und verführt den Hörer mit betörenden Gesangspassagen, die mit der unglaublich dynamischen, sämtliche Extreme auslotenden Musik wie von selbst verschmelzen und darüber hinaus einen interessanten Kontrast zu den harschen Vocals von Gitarrist Sean Gary und Bassist Keegan Kelly bilden. Kein Wunder, dass sich ein großes Label wie Century Media umgehend die Dienste dieser außergewöhnlichen Combo gesichert hat.

Der Opener und Titelsong zeigt sogleich auf, wohin die Reise geht: Ein stetiges Auf und Ab steht hier auf dem Programm, ein ruhiger Beginn wird gefolgt von dramatisch-heftigen Eruptionen mit todes- bzw. schwarzmetallischem Anstrich, getragen vom technisch versierten Drumming des Schlagwerkers Dobber Beverly, die bis zum ultimativen Blastbeat-Ausbruch immer mehr an Härte gewinnen und dennoch immer wieder auch von sanfteren Clean-Passagen durchbrochen werden. Auch wenn sich diese Beschreibung zunächst danach anhören mag, handelt es sich jedoch keineswegs um künstlich zusammengeflickte Parts, da die Übergänge so smooth wie ineinander greifende Zahnräder vollzogen wurden. Fesselnde Harmoniewechsel sorgen zudem für tolle Spannungsbögen und halten das Stück zusammen.

Songs wie „Devout“, das temperamentvoll groovende „Suffer The Last Bridge“ oder das streckenweise alles platt walzende „Apologue“ (hier kommen sogar Grindcore-Elemente zu Tage) hauen in eine ähnliche Kerbe, während „…This Road“ mit wesentlich mehr Melancholie daherkommt. In letztgenanntem findet sich etwa in der Mitte ebenfalls eine Steigerung hin zu mehr Härte, unterlegt von proggig angehauchten Gitarrenläufen, hier allerdings wird auf Growls verzichtet, sodass vornehmlich Cammies Engelsstimme im Vordergrund steht. Besonders die stets wiederkehrende, mit hoher Intensität hinausgeschmetterte Zeile „I wish there was a way“ am Ende setzt sich fest und rüttelt auf.

Auch die bittersüßen Elegien „Sunlight“ (bedrückend und spannungsgeladen) und „Turpentine“ (etwas optimistischer und lockerer) leben neben der kraftvollen Instrumentierung von Cammies grandiosen Vocals. Die „Ooh-ooh-ooh“-Gesänge sind ebenso schön wie eingängig und machen die Nummern zu so etwas ähnlichem wie Single-kompatiblen Tracks. Trotz dieser etwas leichter ins Ohr gehenden Kompositionen ist das Material insgesamt hochkomplex und schon aus diesem Grund war es keine schlechte Idee, ein paar kurze Zwischenspiele zu integrieren. „Lullaby“ wurde nur mit sanften Bassläufen sowie dezenten Keyboardfarbtupfern ausgestattet, ansonsten betört hier lediglich einmal mehr Cammie mit zerbrechlicher, zum Heulen schöner Stimme, während „Laid To Rest“, „Good Life“, „How Tall The Trees“ und der Albumabschluss „Grace“ reine Instrumental-Interludes darstellen. Besonders letzteres, ein von klassischer Musik geprägtes Pianostück, schindet mit eleganten Läufen und seiner handwerklichen Brillanz jede Menge Eindruck.

Unbedingt erwähnenswert ist außerdem das Cover des The Moody Blues-Megahits „Nights In White Satin“ (1967), das mindestens so gut wie die Interpretationen auf „Blue“ aufzeigt, wie man originell und mit eigener Note covert: Es wäre wohl interessant zu wissen, was Moody-Blues-Frontmann Justin Hayward, der den Song seinerzeit komponierte, von dieser Version hält, bei der diese nette, hübsche und harmlose Ballade zu einem Metal-Monstrum mit Blastbeats mutiert.

Aus dieser Band könnte eine große Nummer werden. Cammie Gilberts Stimme und Charisma dürften sicherlich für einen zusätzlichen Push in dieser Richtung beitragen, aber sie ist es natürlich nicht allein, da die Amerikaner auf „Winter“ vor allem auch mit originellem, abwechslungsreichen Songwriting und handwerklichem Können aufwarten. Hier muss jeder Fan von Prog Metal mit Ausflügen in extreme Gefilde zuschlagen.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann