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Nucleus Torn: Street Lights Fail

Braucht Zeit und die richtige Gemütsverfassung
Wertung: 8.5/10
Genre: Avantgarde/Progressive Rock
Spielzeit: 38:41
Release: 15.08.2014
Label: Prophecy Productions

Mit der letzten Langrille „The Golden Age“ kehrte Nucleus Torn-Mastermind Fredy Schnyder wieder zu härteren Tönen zurück, nachdem die Band bei „Andromeda Awaiting“ fast ausschließlich auf ruhige Klänge setzte. Wobei hinzugefügt sei, dass „The Golden Age“ ein Prequel zur zuvor veröffentlichten Albumtrilogie „Nihil“, „Knell“ und eben „Andromeda Awaiting“ bildete, mit vorliegendem „Street Lights Fail“ nun jedoch ein neues Kapitel in der Geschichte der Schweizer aufgeschlagen wird. Musikalisch haben Schnyder und seine Mitstreiter ja schon immer das getan, worauf sie Lust hatten, insofern konnte man diesmal besonders gespannt sein, was für Überraschungen die Eidgenossen wohl anno 2014 mit dem ersten Teil eines angekündigten Albumduos aus dem Hut zaubern würden.

Die Ankündigung, ein „Fanal gegen die unerträgliche Langeweile beim Hören vorhersehbarer Musik“ zu starten, klang sicherlich reichlich vollmundig, aber wer diese Band kennt, weiß, dass man so eine Aussage durchaus ernstnehmen sollte und sich da mehr hinter verbirgt als nur heiße Luft, denn Fredy Schnyder ist zweifellos ein Visionär und großartiger Musiker. Die größte Neuerung dürfte sein, dass der Gesang bei dieser Scheibe ausschließlich von Eluveitie-Drehleierspielerin und -Sängerin Anna Murphy übernommen wurde, nachdem sie sich auf der vorigen Platte die Vocals noch mit Patrick Schaad und Maria D’Alessandro geteilt hatte, die nun nicht mehr dabei sind.

Wie es sich so zuträgt, wird der eine Fan das begrüßen, der andere eben nicht so begeistert sein – was die Atmosphäre auf der Scheibe angeht, ist dieser Schritt aber auf jeden Fall nachvollziehbar. Doch dass ein Mann wie Fredy Schnyder bei dem was er tut einen genauen Plan hat, liegt bei seinem Können natürlich nahe. Anna hat eine sehr spezielle und an sich nicht sonderlich voluminöse Stimme, aber man darf – notfalls nach einer kleinen Gewöhnungsphase – letztlich doch konstatieren, dass sie gut zu Musik und Stimmung passt.

Lediglich drei Tracks befinden sich auf der CD, doch auch das ist ja nun wahrlich nichts Ungewöhnliches im Hause Nucleus Torn. Immerhin gibt es (wie allerdings auch schon bei „The Golden Age“) Titelbezeichnungen, was bei der Gruppe alles andere als Usus ist. Das erste Stück nennt sich schlicht „-“, was immerhin eine kleine Variante zu den sonstigen römisch bezifferten Titeln darstellt. Hier kann sich jeder sofort überzeugen, dass die oben zitierten Worte ihre absolute Berechtigung haben; nach einer leichten „Geräuschkulisse“ geht es mit verloren anmutenden, traurigen Piano- und Flötenklängen ruhig los und man findet sich gleich in der typischen, einzigartigen Klangwelt von Nucleus Torn wieder. Anna trägt zunächst eher gesprochenen Text vor, bevor sie mit verletzlichem, zerbrechlichem Gesang aufwartet, dem alsbald eine Steigerung mittels Schlagzeugeinsatz und Cembaloakkorden folgt.

Anders ausgedrückt: Vorhersehbar ist hier in der Tat gar nichts, und dass dies für die wesentlich längeren folgenden Stücke „Worms“ (19 Minuten) und „The Promise Of Night“ (zwölf Minuten) umso mehr gilt, lässt sich denken. Vor allem bei „Worms“ geht es teilweise recht heftig zur Sache, die Gitarren braten ab und an ganz schön amtlich, insgesamt sind hier allerdings jede Menge Breaks und in ihrer Dynamik oft vollkommen unterschiedliche Parts anzutreffen, sodass man als Hörer an der Nummer schon ganz schön zu knacken hat. Genau das aber war ja auch Fredy Schnyders Ziel; man soll sich mit der Materie befassen, das hier ist nun mal nichts, das man nach zwei-, dreimal Hören mitgrölen kann.

Genau deswegen ist „Street Lights Fail“ eine weitere sehr spannende NT-Platte geworden, die nach und nach erschlossen werden will und für die man bei der streckenweise arg beklemmenden Atmosphäre in der richtigen Stimmung sein muss und Zeit braucht. Es ehrt Schnyder, wie er immer wieder neue musikalische Ansprüche an sich und seine Mitmusiker stellt, vor allem weil das Material trotz aller Komplexität keineswegs prätentiös wirkt, denn es wird schließlich nicht wild herumgefrickelt. Sounds sind wichtiger als Technik und es ist toll, mit der Zeit die ganzen enthaltenen Ideen richtig einordnen und somit die Strukturen enthüllen zu können. Nächstes Jahr soll der zweite Teil „Neon Light Eternal“ herauskommen und es dürfte interessant sein zu sehen, was Multiinstrumentalist Schnyder sich dafür wieder ausgedacht hat.

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