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Noblesse Oblige: Privilege Entails Responsibility

Auch Musik-Adel verpflichtet: Die Londoner Elektro-Extremisten experimentieren fröhlich weiter
Wertung: 8/10
Genre: Alternative, Elektro, Indie
Spielzeit: 79:59
Release: 25.09.2009
Label: Repo Records

Fans der britischen Elektro-Kinder Noblesse Oblige dürfen zu einem Luftsprung ansetzen: Nachdem das Debütalbum der beiden Künstler Valerie Renay und Sebastian Lee Philipp seit seinem Erscheinen im United Kingdom 2006 vergriffen war, kommt es jetzt als aufgemöbeltes Re-Issue auf den Markt. Zwölf experimentelle Elektro-Songs plus zehn Bonustracks, darunter Remixe von Ex-KMFDM-Mitglied En Esch und den Düsseldorfern Musiccargo.

Gesungen wird, ganz international, auf Deutsch, Französisch und Englisch, was der Platte einen sehr speziellen Touch gibt. Außerdem scheinen die beiden Protagonisten, die sich 2004 kreativ zusammentaten, vor keiner musikalischen Barriere zurückzuschrecken; EBM-Stampfer vermischen sich mit Gothic-Chic, gepaart mit tanzbaren Club-Sounds, die fast schon poppig fröhlich daherkommen. Da fällt die Kategorisierung des Albums recht schwer, wenn man es nicht gerade als "Experimental" bezeichnen will - einen Versuch ist es dennoch wert.

Nach einem von Elektro-Beats dominierten und mit Streichern unterlegten Intro nimmt uns Sängerin Valerie direkt mit auf einen kleinen Ausflug zum Thema "Bedeutungsvolle Lyrics". Der Song ist gut tanzbar und das muss er auch sein, wenn Valerie freimütig bekennt "I´m a bitch, bitch, bitch" - schließlich muss man sich adäquat zu diesem Text bewegen können. Dass die Frau mit der dunklen Stimme ihre eigene Exkursion geschwänzt hat, ist offensichtlich: klar kalkulierte Provokation, die im Falle von "Bitch" recht billig ausfällt.

Auch im folgenden "Offensive Nonsense" erklären die beiden Sänger, dass ihnen Religionsunterschiede ziemlich egal seien - hassen würden sie sowieso jeden, ob Moslem, Christ oder Jude. Dass die beiden hier professionelle Selbstverarsche betreiben, zeigt schon der Songtitel und macht die beiden gleich eine Spur sympathischer. Auch die elektronisch bearbeiteten Polka-Rhythmen zu Anfang heben die Stimmung.

Dass Provokation durchaus funktionieren kann, wissen wir nicht erst seit Rammstein: "Daddy (Don´t Touch Me There)" ist ein wundervoll verstörender Song, getragen von traurigen Synthesizern. Die beiden Vokalisten mimen die Inzestopfer, Sebastian klingt phasenweise wie Alexander Kaschte von Weena Morloch bzw. Samsas Traum. So funktioniert´s richtig und Noblesse Oblige haben die Aufreger sicher.

Das ruhig anklingende "Nervous" setzt auf eine bluesig-melancholische Stimmung, wobei die Peitschenhiebe im Intro mich doch etwas irritieren. Gitarre und Gesang steigern sich im Verlauf, bis man die Wut und Verzweiflung direkt spüren kann. Auch "Was Keine Zeit Zerstöret" entwickelt sich zu einem seltsam eindringlichen Stück. Sebastian spricht den Text, der von Hoffman von Fallersleben entliehen wurde, größtenteils - dazu kommen Schreie im Hintergrund, die man zuerst kaum wahrnimmt und die einem wieder verdeutlichen, wie solche Kleinigkeiten die Stimmung eines Songs beeinflussen können.

Die Platte schafft es neben der konstant beibehaltenen Experimentierfreudigkeit, zwei so unterschiedliche Stücke wie den düsteren EBM-Brocken "Fashion Fascism" und den deutsch-französischen Chanson "Quel Genre De Garcon" nebeneinander zu stellen, ohne dass eines von beiden die Gesamtstimmung der Platte stört. Im Gegenteil, die unterschiedlichen Stile haben genug Reibungsfläche, um die Musik von Noblesse Oblige erst spannend zu machen.

Bis hierhin ist alles super, mit den Bonustracks ist das allerdings so eine Sache. Das Eric Burdon-Cover "When I Was Young", das eventuell einigen aus dem Film "L´Amour Toujours" bekannt sein dürfte, läutet die Riege der zusätzlichen Songs vielversprechend ein. Mit seinem verstörenden Gitarrensound und der gruseligen Grundstimmung würde es wunderbar in einen Tarantino-Film passen. Stephanie von Monacos "Ouragan", gesungen von Valerie, macht mich mit einem alle paar Sekunden auftauchenden Tinnitus-Ton fast wahnsinnig, ist aber ansonsten nicht schlecht, weil eher düster gehalten.

Dass es immer eine Spur düsterer geht, zeigt uns der Grieche Avius, der für eine Neuinterpretation von "Daddy (Dont´t Touch Me There)" an Bord geholt wurde. Herausgekommen ist ein stampfender Clubhit und der eindeutig beste Remix der ganzen Platte. Trotzdem frage ich mich ernsthaft, was zwei relativ ähnlich klingende Remixe von "Daddy" auf der CD verloren haben - ebenso wie zwei neue Versionen von "Bitch"; bei ersterer klingt Valerie verdächtig zugedröhnt, was aber am Verzerrer liegen könnte, bei der zweiten Variante wird endgültig klar, dass man den Song nicht besser machen kann, weil er von vornerein nicht besonders prickelnd war.

Mit "Tanz, Mephisto!" mischen Noblesse Oblige selbst den Song neu auf, der in seiner ursprünglichen Version auf der 2008er "In Exile"-Platte erschienen war, ebenso wie "Duel", aus dem Dank Mark Reeders Hilfe ein absolut genialer Clubhit mit französischem Gesang geworden ist.

Bei der Bewertung dieser Scheibe muss differenziert werden: Das ursprüngliche Album mit all seinen Stilmixen und Experimenten ist absolute Klasse. Allerdings haben sich die Londoner mit der Masse der Bonustracks selbst ins Knie geschossen. Das hat nur noch wenig mit Fremdinspiration durch befreundete Künstler zu tun, sondern dient augenscheinlich nur dem Zweck, möglichst viele Bonus-Tracks auf eine CD zu stopfen. Mit fast 80 Minuten Spielzeit schöpft die Band hier tatsächlich aus den Vollen. Ich verbleibe in freudiger Erwartung auf das für 2010 geplante Album, und wünsche mir auf selbigem schlicht und ergreifend weniger Remixe.

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