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Nina Hagen: Personal Jesus

Natürlich ein überraschendes Album, aber anders, als man denkt
Wertung: 8/10
Genre: Gospel Country Blues Rock
Spielzeit: 43:10
Release: 16.07.2010
Label: Universal

Grüß Gott, die Godmother of Punk ist zurück: Nina Hagen. Hört sich seltsam an, ist aber passend, denn die Punkomi widmet sich auf ihrem neuen Album den gottpreisenden Themen. Ein Gospel-Album und schon kommen gewisse Sorgen auf. Logisch, sie wird mit ihrer unnachahmlichen Stimme und ihrer Verrücktheit wieder für einen Skandal sorgen und das Ganze ins Groteske ziehen. Nun ja, wen wundern diese Gedanken, hat sie doch schon einige Phasen in ihrem Leben durchgemacht. Als Ziehtochter von Wolf Biermann aus der DDR ausgegliedert (!), zum Punk konvertiert. Inzwischen als Schmink-Vorbild von Daniela Katzenberger bezeichnet, in einer Sekte gewesen, Jurykandidatin der fünften Popstars-Staffel, diverse Skandale im Fernsehen. Wer erinnert sich nicht an Nina, wie sie als Wahlkämpferin für die Grünen in „Menschen bei Maischberger“ die Mitbegründerin der Grünen attackierte: „Ich finde es furchtbar, was diese dicke Frau mit mir macht. Jutta Ditfurth ist eine blöde, blöde Kuh. Mit dir werde ich nie wieder reden in der Öffentlichkeit!“

Aber kommen wir zurück zum neuen Album, das beginnt mit „God`s Radar“: Weißer Gospel der absolut gelungenen Art. Man schnippt automatisch mit den Fingern im groovenden Takt mit. Nina hält sich mit stimmlichen Extravaganzen zurück und man ist ein wenig verwundert. Das aber im positiven Sinne, denn man hat den Eindruck, als würde die Lady mit mehr Ehrfurcht zur Sache gehen und dem Ganzen dann doch einen seriöseren Anstrich zu geben.

„I`ll Live Again“ zeigt ein wenig von der Freude, die ihr beim Singen dieser Songs kommt. Coole Nummer, hat zwar nichts mit Punk oder hardrockenden Rhythmen zu tun, aber gefällig ist das auf jeden Fall. Wer hätte so etwas von Nina Hagen erwartet? Dann kommen wir zum medialen Höhepunkt des Albums, dem Titelsong. Wie auch alle anderen Songs ist natürlich auch dieser keine eigene Kreation, es handelt sich hier um ein Cover von Depeche Mode. Das Ganze in Bluesrock-Tradition ausgelegte Stück gewinnt so deutlich mehr Tiefe, aber wirklich besser als das Original wird der Track sicher nicht.

„Nobody`s Fault But Mine“ ist dann ein stampfender Countrysong geworden. Gerade durch ihre raue, verlebte Stimme gewinnt der Song sowas von Feeling, das glaubt man gar nicht, wenn man ihn nicht gehört hat. Nie und nimmer hätte ich solch eine Leistung der 55-jährigen Sängerin erwartet. Das ist wirklich allererste Güte. Hört euch mal das Ende über laute aufgedrehte Kopfhörer an, da ist Gänsehaut garantiert.

Im Vergleich dazu beginnt sie bei „Down At The Cross“ fast schon ein wenig dünn. Sehr stark, wie sich der Song so durchschlängelt. Eine tolle Gesangslinie gipfelt irgendwann im Chor und man fühlt sich wie eingelullt. Country ist dann bei „Just A Little Talk With Jesus“ angesagt. Unglaublich, wie wandelbar sie sich doch in eigentlich unbekannten Musikgenres gibt.

„Mean Old World“ versucht sich dann an bluesartigem Gospel-Gesang mit nur einer Stimme, wenn man das überhaupt so schreiben kann. Weiter geht’s mit einem Elvis Presley-Song mit dem Titel „Help Me“: Stark gemacht, auch wenn der King überrascht wäre, was man aus seinem Song machen konnte.

„Take Jesus With You“ geht dann deutlich beschwingter vor. Der Kopf nickt unweigerlich mit und das Bein beginnt zu zucken. Das wird dann aber noch mit dem New Orleans-Stampfer „On The Battlefield“ getoppt. Cool, wie Nina hier nicht mit ihrem Charme geizt. Sie ist und bleibt eine Vollblutmusikerin, egal, welchen Weg sie gerade verfolgt. Hier ist keine Punknudel oder auf Skandale gepolte Frau unterwegs, sondern einfach nur ein deutsches Original mit toller Stimme.  

„Run On“ ist dann eigentlich so etwas wie der Bodensatz des Albums. Elvis Presley auf Geschwindigkeit, das ist sicher nicht jedermanns Sache. Aber neben den ganzen christlichen Texten, in denen Nina sich wiederzufinden sucht, gibt es dennoch ein Stück, das die politische Frau Hagen darstellt: „All Your Facists (bound to loose)“, welches in fröhlichem Countryrock-Style präsentiert wird. Eigentlich schon eine kleine Provokation, dieses Happy Music-Feeling dem brauen Pöbel entgegen zu schleudern. Das ist halt Ninas unvergleichliche Art, wer denkt da nicht noch zurück an ihren Talkshowauftritt mit Joachim Bublath, der nicht ganz ihre Meinung hatte.

Das große Finale wird dann mit dem ruhigen „Sometimes I Ring Up Heaven“ bestritten. Gelungener verhaltener Blues, sehr sehr stark gespielt. Nina legt schön viel Gefühl in ihre Stimme und lässt die Gänsehaut sprießen. Ein mehr als gelungener und auch wieder überraschender Abschluss für dieses Album. Es wäre nicht verwunderlich, wenn dieses Album an die ersten beiden großen Erfolge der Band anknüpfen könnte.

Fazit: Ich hätte niemals damit gerechnet, dass sich die Grande Dame des Punks mal so diszipliniert zeigen würde. Sie verzichtet fast gänzlich auf extreme Stimmentgleisungen und wird somit sicher einige alten Fans vergraulen. Ob sie mit ihrem Image viele neue Fans gewinnen wird, hängt mehr davon ab, ob man ihr vorbehaltlos lauscht. Wenn ja, dann kann niemand über die wirklich gelungene Darbietung hinwegsehen und wird seine Freude damit haben.

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