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Nightwish: Human. II Nature.

Der Mensch und die Natur
Wertung: 8,5/10
Genre: Symphonic Metal/Klassik
Spielzeit: 81:35
Release: 10.04.2020
Label: Nuclear Blast

Für seinen Hang zum Opernhaften, der gern auch mal die Grenzen des Kitsches überschreitet, wurde Tuomas Holopainen oftmals belächelt oder gar angefeindet, doch der Erfolg, den er sich selbst sicherlich niemals in dieser Form ausgemalt hätte, gibt ihm Recht. Und unabhängig davon, ob man seine Musik nun mag oder nicht, muss wohl jeder einräumen, dass er sein Handwerk versteht. Mit dem stetigen Aufstieg seiner Band wächst natürlich das Budget und damit die Möglichkeiten, seine ambitionierten Visionen in die Tat umzusetzen – das letzte Album „Endless Forms Most Beautiful“ mit seinen 79 Minuten Länge und dem abschließenden Mammuttrack „The Greatest Show On Earth“ war der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung.

Der Schritt, danach ein noch längeres Album, das sich sogar über zwei CDs erstreckt, herauszubringen, erscheint da nur logisch. Überraschender hingegen mutet an, dass der Keyboarder und Chefstratege Nightwish nicht unbedingt in noch bombastischere Gefilde lenkt – „Human. :II: Nature.“ ersäuft dankenswerterweise nicht im Kitsch und versucht nicht auf Teufel komm raus opulent zu sein. Der Titel wirkt zunächst einmal prätentiös und wenn Tuomas erklärt, die Idee dahinter sei, eine Scheibe über den Menschen und eine über die Natur zu machen (wobei das Ganze ausdrücklich kein Konzeptalbum sein soll), befürchtet man irgendwie etwas latent Größenwahnsinniges.

Die Umsetzung jedoch ist vergleichsweise dezent; natürlich hat man erneut mit einem Orchester zusammengearbeitet und es wird auch nicht auf Soundwälle verzichtet, Songs und Melodien erhalten aber trotzdem den Vorzug vor selbstgefälliger Redundanz und Schwülstigkeit. Es ist schon in gewissem Sinne mutig, dass die zweite CD im Prinzip eine reine, vor allem von Soundtracks inspirierte Orchestersuite darstellt. Die Band tritt hier bis auf gelegentliche Pipes und Flöten von Troy Donockley überhaupt nicht auf, auch Gesang (oder besser gesagt Lyrics) gibt es nicht. Natürlich kommt einem da Tuomas’ 2014er Soloalbum über Dagobert Duck in den Sinn und auch damals hatte er es mit dem Bombast nicht übertrieben.

Klar wird sich jetzt so mancher fragen, hätte er diesen klassisch geprägten Part nicht auch dieses Mal unter seinem eigenen Namen hätte herausbringen können, andererseits: Warum soll er nicht auch bei seiner Hauptband mal so vorgehen, wo diese doch ohnehin schon seit jeher mit Orchestersounds arbeitet? Völlig überrascht kann von dieser Maßnahme im Endeffekt jedenfalls kein Nightwish-Fan sein.

Tatsächlich ist die Natur musikalisch gelungen und atmosphärisch eingefangen worden: Bei „The Blue“ scheint das die Hauptrolle übernehmende Cello die Weite des Meeres einzufangen, im aufstrebenden, sehr positiv tönenden „The Green“ kann man sich wunderbar Vögel in Wäldern und auf Feldern und keimende Pflanzen vorstellen, in „The Moors“ beweinen elegische Pipes die Toten, die in den Sog geraten sind (etwas in der Art könnte man sich jedenfalls vorstellen) – doch das Highlight bildet sicherlich „Quiet As The Snow“, das mit seinen einsamen Klavierakkorden zu Beginn wirkt, als würden lediglich ein paar Schneeflocken fallen, bis sich das Stück immer mehr steigert und wunderschöne Chöre und Orchesterklänge ein ungleich dichteres Schneetreiben suggerieren.

Alles in allem eine bezaubernde halbe Stunde, die sehr stimmig und flüssig daherkommt und trotz fehlender Texte überhaupt nicht langweilig wird, sondern die einen sehr einnehmen kann, wenn man bereit ist, sich darin fallen zu lassen, zumal die enthaltenen Melodien hohen Wiedererkennungswert besitzen. Das einzige, was das Bild ein klein wenig trübt, sind die Spoken Words-Passagen ganz zu Anfang und am Ende. Das nervt ein bisschen und ist schlicht überflüssig – die Musik spricht hier eigentlich ohnehin schon für sich. Vergleiche mit dem Ende letzten Jahres veröffentlichten (bockstarken) Blind Guardian-Orchesteralbum sind übrigens sinnlos, da die Herangehensweise eine gänzlich andere ist.

Wem das nicht gefällt, der kann immer noch zur ersten CD greifen, bei der es die volle Ladung Nightwish gibt. Wie bereits angedeutet, wird auch hier nicht zu sehr an der Bombastschraube gedreht, im Vergleich zum Vorgänger wirkt das Material kompakter, dadurch zunächst allerdings auch weniger spektakulär. Man muss sich schon ein wenig reinhören, dann erst offenbaren Songs wie der Opener „Music“, „Pan“, „How’s The Heart“ oder das tiefschürfende „Procession“ ihr volles Potenzial. Dass Floor Jansen einmal mehr eine überragende Leistung abliefert, muss wohl kaum näher betont werden – es dürfte wenige Sängerinnen in der Szene geben, die ihr das Wasser reichen können. Allein ihr Gesang im Finale von „Shoemaker“ (das sich nicht etwa auf Schuster bezieht, sondern von dem amerikanischen Geologen und Astronom Eugene Shoemaker (1928 – 1997) handelt), ist atemberaubend und verleiht meterdicke Gänsehaut.

Im hymnischen Finale der ersten CD „Endlessness“ hat hingegen Bassist Marco Hietala den Leadgesang übernommen, bei „Harvest“ durfte Troy Donockley ans Mikro – beides mit starken Hooklines versehene Nummern. Letzteres kommt sehr folkig daher, doch präsentiert sich die gesamte Platte vergleichsweise wenig metallisch (sieht man mal vom flotten „Noise“ ab) und relativ folklastig; Troy bekommt definitiv mehr Platz eingeräumt. Erfreulich ist auf jeden Fall, dass man zu keiner Zeit das Gefühl des Exzesses bekommt – überkandidelt ist hier nichts, in puncto Orchester- und Chorarrangements wurde wohl überlegt und geschmackvoll dosiert.

„Human. :II: Nature.“ wird dennoch nicht jedem Fan zusagen und selbstverständlich erfordert das Werk allein aufgrund der Länge ein wenig Geduld, zumindest jedoch kann niemand den Finnen Stagnation vorwerfen.

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