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Neverdream: Said

Gutes Album mit ein paar genrefremden Einflüssen, aber auch Luft nach oben
Wertung: 7/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 65:07
Release: 10.09.2010
Label: Twilight Zone Records

Progressive Metal-Bands machen gerne Konzeptalben. Passt irgendwie auch zu häufig überlangen Songs mit Takt-, Tempo- und Stimmungswechseln, die sich meist gut als Geschichten verpacken lassen. Das römische Sextett Neverdream ist auch eine jener Bands, mit dem kleinen Unterschied, dass es Konzepte verfolgt, die für eine Metalcombo in der Tat recht ungewöhnlich sind. So behandelte das erste Album „Chemical Faith“ (2006) die tragische (und wahre) Geschichte der Berliner Heroinabhängigen Christiane F. (wer ihre Autobiographie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ noch nicht gelesen hat, soll dies gefälligst sofort nachholen, das ist Pflichtlektüre!), während es sich bei dessen Nachfolger „Souls 26 April 1986“ (2008) um die Tschernobyl-Katastrophe drehte.

Mit ihrem dritten Full-Length-Output „Said“ haben sich die Jungs aus der italienischen Hauptstadt erneut einem nicht gerade Metal-typischen Thema zugewendet – diesmal geht es um Afrika als „Wiege der Menschheit“. Es ist ja inzwischen wissenschaftlich unstrittig, dass sich die ältesten Spuren menschlichen Lebens in Afrika wiederfinden. Diese Idee ist auf jeden Fall ziemlich cool, denn warum sollen Metalbands – um mal bei den Klischees zu bleiben – immer nur Alben entweder über nordische Götter, Kriege oder Horrorfilme machen? Da „progressiv“ nichts anderes als fortschrittlich bedeutet, kann man dies eigentlich ja auch ruhig auf die Texte beziehen und in der Hinsicht ebenfalls seinen Horizont erweitern.

Was das Musikalische angeht, so haben Neverdream insgesamt sicherlich schon einen weiten Horizont. Dream Theater, ganz selten mal Symphony X (die Gitarrenstimme in der ersten Minute von „Amistad“ erinnert stark an den Symphony X-Stil) und sehr oft Pain Of Salvation (übrigens ja auch eine Prog Metal-Band, die zwar immer Konzeptalben aufnimmt, inhaltlich aber ebenfalls eher vom Metalstandard abweicht) standen zwar klar Pate, doch ist das Ganze hier und da von Fusion-artigen Parts durchsetzt und der stets wiederkehrende Einsatz des Saxophons lässt das Material ebenfalls sehr eigen klingen.

„Kinshasa“, der achtminütige Opener, der den von 1996 bis 2003 stattgefundenen Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo behandelt, beginnt noch mit recht traditionellem Frickel-Prog, der etwas an Liquid Tension Experiment erinnert, doch im weiteren Verlauf wird dies durch eine gemäßigtere, teilweise episch angehauchte Passage mit Klavierbegleitung abgelöst, die sich mehr und mehr bis zu einem hörenswerten Gitarrensolo steigert, bis am Ende das Saxophon zum ersten Mal zum Einsatz kommt. Clever und spannend eingesetzte Dissonanzen machen einen weiteren Reiz dieses Stückes aus. Dass hier eine auch musikalisch durchaus interessante Scheibe vorliegt, bei der es viel zu entdecken gibt, scheint somit recht schnell deutlich zu werden. Tatsächlich verstehen Neverdream Progressive Metal nicht als Spielart, bei der man pro Minute so viele Noten wie möglich spielen sollte, sondern als ein Genre, bei dem Innovation, auf welche Weise auch immer, das A und O ist – was beispielsweise „Voodoo“ beweist, bei dem man traditionelle afrikanische Gesänge und modernen Rock und Metal zusammenbrachte und zudem die schon angesprochenen Fusion-Parts sehr gut integrierte.

Dies hätte man, wenn man schon ein Konzeptalbum über Afrika macht, gerne noch etwas konsequenter verfolgen können. Sicher, schon allein deshalb, weil kein Track kürzer als siebeneinhalb Minuten dauert, braucht es prinzipiell mehrere Durchläufe, Geduld und sicherlich einiges an Interessantem zu entdecken, doch alles in allem plätschern die vorher erklungenen Stücke „Secrets“ und „Black Mirror“ zu lange im Midtempo vor sich hin – schade, nach dem furiosen Auftakt bei „Kinshasa“ und dem ebenfalls weitestgehend gelungenen „God’s Mistake“, dessen Aufbau weitaus spannender ist als der seiner beiden Nachfolger. Die Tatsache, dass Frontmann Giorgio Massimi praktisch die ganze Zeit mehr oder weniger haucht und flüstert, trägt außerdem nicht eben dazu bei, dass die genannten Songs besonders viel Drive haben. An dem Gesangsstil werden sich allerdings eh die Geister scheiden – ich für meinen Teil finde ihn im Prinzip ganz okay, da er nicht unpassend ist, ein bisschen mehr Kraft und Variabilität in der ein oder anderen Passage hätten jedoch wohl kaum geschadet. Auch die sehr dominanten Synthieklänge werden kaum jedem schmecken, aber es scheint, als ob italienische Gruppen Synthies einfach lieben, egal, ob Prog, Power oder sonstige Metaller.

Von „Voodoo“ eingeleitet, muss die zweite Hälfte von „Said“ als klar stärker eingestuft werden: „Amistad“ und der Fünfzehnminüter „The Long Walk To Freedom“ (hier geht es um Nelson Mandela) bieten viel Abwechslung und auch wieder etwas mehr Uptempo. Insgesamt ist das übrigens gut produzierte Album somit eine zwiespältige Angelegenheit. Direkt langweilig ist hier nichts, höchstens manchmal etwas langatmig. Der Sänger darf ruhig etwas an Power zulegen, die Genre-fremden Einflüsse verstärkt und das Songwriting etwas spannender gestaltet werden. Da „Said“ trotzdem viele interessante Ansätze bietet, vergebe ich dennoch sieben Punkte – aber da ist ganz klar mehr drin!

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann