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Ne Obliviscaris: Urn

Das dritte Album ist noch am leichtesten zugänglich
Wertung: 8/10
Genre: Progressive Metal / Black Metal
Spielzeit: 45:58
Release: 27.10.2017
Label: Season Of Mist

Exoten, die nicht den normalen Weg gehen, die besonders markante Fußabdrücke hinterlassen, die mit ganz speziellen, eigenen Farbtönen malen, braucht die Welt unbedingt. Gerade in der Metalszene waren es doch gerade eben jene, die neue Wege ebneten, indem sie ihre Visionen kompromisslos umsetzten, gegen allen möglichen Widerstand. Die Australier von Ne Obliviscaris gehören mit Sicherheit zu diesen Exoten. Natürlich sind sie nicht die erste Metalband, die eine Geige im Line-up auffährt, aber in der Art wie sie dieses Instrument einsetzen, wie sie es sehr prominent featuren und in den Gesamtkontext zwischen melancholischen Akustikparts, komplexer Progressivität und schwarzmetallischen Eruptionen betten, ist sicherlich relativ einzigartig.

Viel Lob für die bisherigen beiden Scheiben „Portal Of I“ (2012) und „Citadel“ (2014) war der Lohn, auch wenn es dem Hörer schon allein aufgrund der oft ausufernden Songlängen freilich nicht gerade leicht gemacht wird. Man muss schon ein Faible für extreme Dynamik und ungewöhnliche Songstrukturen haben – und eine leichte Affinität zu Klassik und Jazz kann zumindest nicht schaden.

Dabei stellt „Urn“ sogar noch das am leichtesten zugängliche Werk bislang dar, auch wenn ausgiebiges Sich-Reinhören selbstverständlich unumgänglich ist, gerade für Leute, die mit der Band überhaupt noch keinen Kontakt hatten. Mit einer Dauer von etwas über einer Dreiviertelstunde ist das dritte Album der Aussies das bis dato kürzeste, lediglich sechs Nummern in der Tracklist sagen aber natürlich alles aus. Wie schon auf dem Vorgänger gibt es gleich zwei Stücke, die  in mehrere Parts unterteilt wurden und die mit recht pathetischen (manch einer mag etwas gemeiner sagen: hochtrabenden oder schwülstigen) Titeln versehen wurden.

Zu Beginn von „Libera Part I – Saturnine Spheres“ ist der Hörer sofort im Geschehen drin – durchgängige Doublebass trifft auf eine mächtige Gitarrenwand, während Geiger und Clean-Vokalist Tim Charles mit ätherischen Gesangsmelodien einlullt. Später kommen Xenoyrs Growls sowie ausgiebige, fein ausgearbeitete Violinenpassagen hinzu. Während die Growls für meine Begriffe nach wie vor einen Schwachpunkt markieren – sie sind auf Dauer doch arg monoton und die Diktion wenig verständlich – ist die Geige weiterhin das Salz in der Suppe. Zu sagen, alles sei darauf zugeschnitten, wäre sicherlich übertrieben, aber auf sehr clevere Art und Weise spielt dies in der Metalwelt trotz allem immer noch eher ungewöhnliche Instrument im Ne Obliviscaris-Kosmos natürlich eine Hauptrolle, ohne jemals penetrant zu wirken.

Dies mag einer der Gründe sein, weswegen der wesentlich kürzere zweite Teil von „Libera“, „Ascent Of Burning Moths“ tituliert, beinahe noch eher einen Anspieltipp bildet als der erste. Akustikgitarre und Geige übernehmen in diesem zweieinhalbminütigen Instrumental das Kommando und Tim lässt die Violine so herrlich schluchzen, dass er selbst My Dying Bride in Sachen Emotionalität Konkurrenz macht.

Ruhig und akustisch beginnt auch das folgende „Intra Venus“, das sich jedoch schnell zur erneuten Raserei steigert. Hier kommen auch Xenoyrs Growls etwas besser zur Geltung, wohl weil er und Tim Charles hier tatsächlich Wechselgesang betreiben, statt nebenher zu singen, was deutlich effektiver kommt. Neben einer vielseitigen und durchdachten Komposition mit spannender Dynamik, die auch Platz lässt für kleine Details wie ein filigranes Basssolo im Hintergrund, ist es vor allem der messerscharfe Refrain, der mit erstaunlicher Eingängigkeit für Langzeitwirkung sorgt.

Selbiges gilt auch für „And Within The Void We Are Breathless“, bei dem sich Tims Stimme im Chorus regelrecht nach oben schraubt – hat schon was, wie sie da in schwindelerregenden Höhen über dem ganzen Gemetzel schwebt. Hingegen ist das Zwölf-Minuten-Epos „Eyrie“ in der Mitte des Albums schon ein härterer Brocken, der sich als sperriger erweist, während es im Finale „As Embers Dance In Our Eyes“ mit den Synthieteppichen am Ende noch mal episch wird. Ein schöner Einfall übrigens, mehr davon wäre wünschenswert.

Denn bei allem Exotenbonus und selbst wenn man „Urd“ insgesamt noch als am leichtesten zugänglich beschreiben will, ist das alles selbstredend keine leichte Kost. Die Jungs aus Down Under haben es inzwischen zwar etwas besser drauf, Melodien mit Wiedererkennungswert zu kreieren und das technische Niveau ist äußerst hoch anzusiedeln, beim Songwriting ist aber trotz vieler interessanter Einfälle immer noch Luft nach oben. Dennoch eine spannende Platte, die acht Punkte verdient.

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„Weil wir einfach wissen, dass wir als Band nur funktionieren, wenn wir uns nicht verbiegen“