Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

My Dying Bride: The Ghost Of Orion

Leider eher etwas enttäuschend
Wertung: 7/10
Genre: Doom Metal
Spielzeit: 56:26
Release: 06.03.2020
Label: Nuclear Blast

My Dying Bride hatten es in den letzten Jahren wahrlich nicht leicht: Da kehrte passend zum 25-jährigen Bandjubiläum und dem 2015 erschienenen Album „Feel The Misery“ Ex-Gitarrist Calvin Robertshaw zur Freude der Fans zurück, nachdem man sich von Hamish Glencross nach langen Jahren getrennt hatte – und wenige Jahre später machte das neue alte Mitglied seinerseits schon wieder einen Rückzieher; musikalische Differenzen, so der Buschfunk. Probleme gab es außerdem mit dem Artbook „A Harvest Of Dread“, das wesentlich später als geplant erschien – der schlimmste Schicksalsschlag ereilte jedoch Sänger Aaron Stainthorpe, als 2015 bei seiner noch jungen Tochter Krebs diagnostiziert wurde. Glücklicherweise hat sie sich mittlerweile zwar erholt, die Zukunft der Band stand allerdings für einige Zeit auf der Kippe.

Schön, dass sie sich doch zum Weitermachen entschieden haben; mehr noch: die unangefochtenen Könige des Doom Metals haben nach jahrelanger Zusammenarbeit mit Peaceville das Label gewechselt und sind beim Branchenprimus Nuclear Blast untergekommen. Ziel ist eine größere Reichweite, zu diesem Zweck hat man – laut eigenen Worten – sogar die Musik etwas leichter zugänglich gestaltet. In einer Szene, in der stets betont wird, dass man sich nicht verbiegt und beim Songwriting niemals an Außenstehende denkt, ein bemerkenswertes Geständnis.

Auf der anderen Seite verfolgt man so natürlich mal einen etwas anderen Ansatz und betreibt mit Sicherheit keinen Fanservice. Die Engländer haben einen derart charakteristischen Sound, der unter hunderten Bands herauszuhören ist, dennoch schafften sie es stets, Überraschungen einzubauen, für Abwechslung zu sorgen und haben zumindest nach Meinung des Autors nie ein schlechtes Album veröffentlicht.

Charakteristisch klingen sie auch auf „The Ghost Of Orion“, ironischerweise erweist sich jedoch genau der Approach, etwas „ohrgefälliger“, wie es die Formation nennt, zu agieren, eher als kontraproduktiv. Die erste Hälfte des Albums mit dem Dreierpack „Your Broken Shore“ / „To Outlive The Gods“ / „Tired Of Tears“ ist sehr sperrig und anstrengend. Zwar sind die Arrangements im Vergleich mit früheren Werken eher einfach gehalten, es stehen prägnante Gitarrenharmonien, Geigenmelodien und Gesangslinien und weniger verschachtelte Kompositionsstrukturen im Vordergrund, doch exakt das ist das Problem.

Die permanenten Wiederholungen und vor allem das ewig gleiche Tempo sorgen für ein für diese Band ungewöhnlich starres Klangbild; kein Ausreißer nach oben oder nach unten, keine Laut/leise-Dynamik, keine gewitzten Wendungen, keine Aha-Erlebnisse und auch die Gesangsleistung von Aaron wirkt vergleichsweise uninspiriert. Allen alten Fans sei versichert, dass die Musik immer noch wunderschön und einzigartig ist; dass nur die Sterbende Braut Kummer, Elend, Tod, Trauer und (Welt)schmerz auf diese poetische, romantische und elegante Weise musikalisch umsetzen kann, ist und bleibt unbestritten. Die stilvollen Gitarrenharmonien sind so nur bei den Briten zu hören und die wehklagende Violine schmiegt sich immer wieder entzückend an die Ohren. Definitiv ist das nicht völlig unbrauchbar, für sich genommen fällt vor allem der Opener eigentlich relativ stark aus, im Gesamtkontext jedoch wirkt das Triplett fad und eher enttäuschend, wenngleich es nach mehreren Durchgängen etwas besser reinläuft.

Was anschließend das künstlich auf sechs Minuten aufgeblasene Zwischenstück „The Solace“ soll, bleibt wohl das Geheimnis der Band. Ja, die Gitarren sind erneut zweifelsohne sehr hübsch und das Ganze ist recht atmosphärisch, das Geträller von Gastsängerin Lindy Fay Hella (Warduna) nervt allerdings nach einiger Zeit – alles in allem ein vollkommen überflüssiger Füller.

Zum Glück reißen die beiden Zehnminüter „The Long Black Land“ und insbesondere das sehr geile „The Old Earth“ einiges heraus, sodass man nicht von einer totalen Bauchlandung sprechen muss. Hier sind endlich Dynamik und Intensität zu spüren, vor allem bei letztgenannter Nummer, bei der bereits der Beginn mit den tristen, cleanen Gitarren, die absolut unter die Haut gehen, eine Großtat ankündigt – hier wird außerdem endlich mal das Tempo angezogen und es herrscht Bewegung; sogar Doublebass gibt es am Ende zu hören. Auch Aaron singt und growlt mit spürbar mehr Hingabe.

Im Endeffekt liegen auf dem 13. Full-Length-Album der Doom-Legende lediglich fünf wirkliche Songs vor – denn bei dem Titelstück handelt es sich nach „The Solace“ um ein weiteres (allerdings gelungenes und atmosphärisch-gespenstisches) Zwischenstück und bei „Your Woven Shore“ um ein Outro –, von denen mindestens zwei zu einem nicht unerheblichen Teil vor sich hin plätschern, und das ist schon ein bisschen wenig.

Da „The Ghost Of Orion“ rein musikalisch betrachtet natürlich nicht die Klasse abgesprochen werden kann, ist die Scheibe trotzdem nicht in dem Sinne schlecht, die Kritikpunkte muss sich die Combo jedoch ankreiden lassen. Es ist zu respektieren, dass sie mal etwas anderes probieren wollten, aber so richtig gut steht My Dying Bride diese vermeintliche neue Eingängigkeit nicht zu Gesicht. Da war der experimentelle Sound auf „34,788%... Complete“ gelungener. Insgesamt fehlt es an Dramatik, Leidenschaft und wirklich zündenden Einfällen. Bezeichnend ebenso, dass praktisch überhaupt keine Keyboards eingesetzt werden, somit sind auch weitere bereichernde Klangfarben Mangelware.

Dass Andrew Craighan das Album im Alleingang komponiert hat, war trotz all seiner Erfahrung anscheinend den Songs eher nicht zuträglich. Inzwischen findet sich mit Neil Blanchett ein neuer Zweitgitarrist im Line-up, nachdem Andrew auf „The Ghost Of Orion“ alle Gitarren einspielte, möglicherweise bringt der ja neue, belebende Impulse mit. Mit alten Meisterwerken à la „Turn Loose The Swans“, „The Angel And The Dark River“ oder auch dem letzten Output „Feel The Misery“ kann die Scheibe nicht im Entferntesten mithalten.

comments powered by Disqus