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My Dying Bride: Feel The Misery

Mehr als würdige Jubiläumsplatte
Wertung: 9/10
Genre: Doom Metal
Spielzeit: 64:22
Release: 18.09.2015
Label: Peaceville

Zwölf reguläre Studioalben, dazu etliche EPs, Live-Veröffentlichungen sowie die spezielle Dreifach-Scheibe „Evinta“, und das alles in 25 Jahren: My Dying Bride können wahrlich stolz auf ihren Output sein, zumal die englischen Doom-Metal-Kings stets höchst verlässlich Qualität ablieferten. „Feel The Misery“ könnte als Titel für ein Jubiläumsalbum dieser einzigartigen Truppe gar nicht passender gewählt sein, fasst er doch die Essenz der Band kurz und bündig auf den Punkt gebracht zusammen.

Man könnte bei einem Album, das das Bestehen eines Vierteljahrhunderts zelebriert, eine Art Querschnitt durch die gesamte Karriere erwarten, letzten Endes jedoch ist „Feel The Misery“ – so viel schon vorweg – einfach nur eine weitere tolle Platte einer großartigen Band, die einmal mehr Kummer und Elend so authentisch, gefühlvoll und romantisch vertont, wie es sonst keine andere Kapelle auf diesem Planeten zu tun in der Lage ist. Im letzten Jahr wurden viele Fans kalt erwischt, als es hieß, dass Gitarrist Hamish Glencross nach immerhin 15 Jahren Zugehörigkeit nicht mehr dabei sei – einen besseren Ersatz als dessen Vorgänger Calvin Robertshaw hätten die Briten allerdings wohl nicht finden können und seine Rückkehr passt natürlich irgendwie auch ganz gut zu einer Jubiläumsplatte.

Das wunderschöne Kirchenfenster-Cover ist gleich der erste Hingucker, die bedeutungsschwangeren, poetischen Titel springen ebenso ins Auge, vor allem aber bei den acht Kompositionen selbst haben My Dying Bride erneut keinen Aufwand gescheut und glänzen wie gewohnt mit höchstem musikalischen Verständnis in Form von detailverliebten, anspruchsvollen Arrangements, die nach vielen Durchläufen bei Wein und Kerzenschein (wenn man denn das komplette Klischee erfüllen möchte) verlangen. Die ersten drei Songs kratzen allesamt an der Zehn-Minuten-Grenze – die Fans bekommen also von Beginn an keine leichten Aufgaben vorgesetzt.

Dabei ist der Opener „And My Father Left Forever“ (bereits im Vorfeld als Aperitif serviert) mit den geschmeidig schwebenden Gitarren und ausschließlich klarem Gesang noch am leichtesten verdaulich, wobei die lyrische Thematik noch schwerer im Magen liegt als bei der Formation ohnehin der Fall, verarbeitet Frontmann Aaron Stainthorpe hier doch den schmerzlichen Tod seines Vaters – mit diesem Wissen im Hinterkopf erscheinen seine Vocals gleich noch ein Stück emotionaler, und die schluchzende Violine als Begleitung tut ihr Übriges dazu.

Dennoch sind „To Shiver In Empty Halls“ und „A Cold New Curse“ ungleich härtere Brocken. Erstgenanntes beginnt nach der totalen Absenz selbiger bei der vorangegangenen Nummer sogleich mit harschen Growls, die sich mit einem schnörkeligen und sogar relativ eingängigen Riffing ergänzen, hinzu gesellen sich schließlich die berühmten, fein ausgearbeiteten Doppelgitarren, bevor das Stück, mit einsamen Pianoklängen als Brückenschlag, in eine zähe Doom-Metal-Sequenz mit teils gesprochenen und teils rabiat tönenden Growls wechselt und am Ende mit sanften Cleangitarren und einem geheimnisvoll wispernden Aaron ausklingt.

Eine äußerst spannende Komposition, die alle Facetten von Stainthorpes Gesangspalette und viel Dynamik zu bieten hat und es somit wert ist, gründlicher erforscht zu werden. „A Cold New Curse“ wiederum changiert zwischen wundervoll tristen Melodien und aufwühlendem Riffing, und bietet als Finale dramatische, symphonische Klänge, wie man sie so von der Band sicherlich noch nicht gehört hat – ebenfalls sehr interessant. Dies gilt auch für das eher untypische „A Thorn Of Wisdom“ (mit etwas über fünf Minuten der kürzeste Song des Albums), bei dem der Bass sehr dominant ist und das sogar mit Mellotron-Sounds aufwartet, was auch nicht unbedingt ein Standardmittel bei dieser Band ist.

Mit „I Celebrate Your Skin“ liegt dann wieder ein recht sperriger und schleppender Track vor, der – ähnlich wie „Kneel Till Doomsday“ auf „A Map Of All Our Failures“ – mit Kirchenglocken eingeleitet wird und in der Mitte mit sakralen Chorgesängen überrascht. Ein schöner Einfall, der einmal mehr die Liebe zum Detail bei My Dying Bride unterstreicht, was sich jedoch auch über den etwas leichter zugänglichen Titelsong sagen lässt, der mit behutsamem Aufbau inklusive elegischer Geigenpassage und majestätischem Orgelfinale überzeugt. „I Almost Loved You“ ist hingegen ausschließlich ruhig gehalten und ohne Übertreibung wohl eine der schönsten Kompositionen, die die Band je verfasst hat. Todtraurig, versteht sich, und Tränen hervorrufend, so wundervoll zerbrechlich und zart – wer hier nicht tief berührt wird, muss ein Herz aus Stein haben.

Beim an letzter Stelle stehenden Elfminüter „Within A Sleeping Forest“ handelt es sich um ein mehr oder weniger klassisches, doomiges Bräute-Epos, durchaus mit Anklang an frühere Heldentaten wie „Return Of The Beautiful“ oder „Turn Loose The Swans“, nur mit mehr Finesse arrangiert. So hat die Band unterm Strich erneut ein unverkennbares Album kreiert, vielseitig, abwechslungsreich und musikalisch hochklassig, enorm effektiv zwischen Härte und Zartheit wechselnd. Wie erwartet ist das Ganze zwar nach traditionellem Rezept ausgerichtet, aber wie es die Engländer trotzdem noch schaffen, überraschende Momente einzubauen und hier und da mehr oder weniger unauffällig neue Dinge auszuprobieren, erstaunt stets aufs Neue. Wieder mal eine beeindruckende Scheibe, bei der man trotz des etwas sterilen, dünnen Schlagzeugsounds erneut nicht um neun Punkte herumkommt.

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