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Moonspell: Lisboa Under The Spell

Trotz Abzügen in der B-Note definitiv empfehlenswert
keine Wertung
Genre: Gothic/Dark Metal
Spielzeit: ca. 190 Min.
Release: 17.08.2018
Label: Napalm Records

Auf diese Nachlese dürften sämtliche Moonspell-Fans seit der Ankündigung sehnlichst gewartet haben: Am 4. Februar 2017 spielten die Portugiesen in ihrer Heimatstadt Lissabon gleich drei Album ihrer imposanten Discographie komplett hintereinander weg. Dabei standen mit dem Full-Length-Debüt „Wolfheart“ und dessen Nachfolger „Irreligious“ zunächst zwei Klassikerscheiben auf dem Programm, bevor man mit dem damals aktuellen Werk „Extinct“ wieder in die Gegenwart zurückkehrte und ein fast dreistündiges Konzert beendete.

Bei einer solchen Mammutshow, die noch dazu für die Nachwelt aufgezeichnet wird, ist es sicher legitim anzunehmen, dass selbst bei so gestandenen Recken wie den Iberern ein kleines bisschen Nervosität vorhanden gewesen ist – wenn dem so war, lassen sie sich jedenfalls nichts anmerken, Fernando Ribeiro führt souverän durch den Auftritt und die Band zeigt sich spielfreudig und hat ganz offensichtlich Bock auf diese spezielle Show. Immer wieder sticht besonders Gitarrist Ricardo Amorim mit seinen sauberen, filigranen Soli hervor, bei der göttlichen Ohrwurm-Passage in „An Erotic Alchemy“ (auf dem Originalalbum vom Keyboard gespielt, auf der Gitarre aber viel wirkungsvoller) wirkt er wie entfesselt.

Dass Moonspell auch Wert auf das Optische legen, konnte man jüngst erst bei den Shows zum jetzt aktuellen Album „1755“ beobachten, logisch, dass sie sich bei einem so besonderen Konzert da ebenfalls nicht lumpen lassen: Zwischen den Sets wird die Kleidung – passend zum jeweiligen Album – und gegebenenfalls auch das Make-up und die Bühnendekoration gewechselt. Beim Titelsong von „Extinct“ taucht dann eine mit Schwert bewaffnete Dame auf, die den Jungs immer wieder wie ein Todesengel scheinbar bedrohlich ihre Klinge an die Kehle hält und als Carolina Torres vorgestellt wird; auch bei „Raven Claws“ gibt sich mit Tristania-Chanteuse Mariangela Demurtas ein Gast die Ehre.

Übrigens wird die Band zwischen den Sets tatsächlich von der Kamera bis in die Garderobe verfolgt, wo man sie ein wenig schnacken hört und sieht, während das Publikum in der Zwischenzeit von einer mittelalterlichen Folkband mit dem Namen Cornalusa unterhalten wird. Dies ist lediglich auszugsweise zu sehen, schließlich geht es hier in erster Linie um Moonspell, und der Verfasser ist sicher nicht der einzige, der mit dem teilweise etwas schief anmutenden Gefiedel und Getröte nur äußerst bedingt etwas anfangen kann.

Von den Protagonisten in jedem Fall eine beeindruckende Performance, auch wenn natürlich wie immer gilt (ohne selbst dagewesen zu sein), dass keine noch so gut gemachte Konzert-DVD oder -Blu-ray das Live-vor-Ort-Feeling ersetzen kann. Professionell ist das Ganze aber definitiv aufgezogen, das Bild ist gut, wenn auch nicht absolut gestochen scharf, wenn man es zum Beispiel mal mit den Blu-rays von Steven Wilson vergleicht – die immer wieder kurz eingestreuten Handyvideosequenzen hingegen fallen eher unter die Rubrik Geschmackssache. Für die einen ein nettes Feature, das für Authentizität sorgt, für andere eher (so auch meine Wenigkeit) eher unnötig bis nervig.

Das gilt auch für den Schnitt, der wie leider häufig bei Aufzeichnungen von Metalkonzerten hektisch und viel zu schnell erfolgt. Man darf bei einem Solo auch mal durchgängig beim betreffenden Musiker mit der Kamera drauf bleiben und muss nicht zehnmal hin- und herwechseln, dies sorgt nur für Überreizung und letztlich dafür, dass der Musikgenuss eingeschränkt wird. Auch die zahlreichen Zeitlupen (die allerdings zum Glück immer nur ganz kurz gehalten sind) sollen wohl künstlerisch wertvoll sein, gehen einem aber doch sehr schnell ziemlich auf den Keks. Schön hingegen, dass man immer mal ein paar lustige und nette Momente im Publikum eingefangen hat.

Beim Ton gibt es ebenfalls wenigstens einen kleinen Kritikpunkt. Während das Konzert selbst gut abgemischt ist, alle Instrumente klar und differenziert zu hören sind, und alles doch sehr echt live tönt, verwundert doch, dass offensichtlich keine Option für 5.1-Sound vorhanden ist; wer so wie der Rezensent eh nur Stereo zu Hause hat, für den reicht das natürlich, prinzipiell jedoch muss so was heutzutage eigentlich Standard sein. Und warum in der Box das Konzert sowohl auf DVD als auch auf Blu-ray vorhanden ist, bleibt rätselhaft – sinnvoller wäre wohl gewesen, das Ganze als DVD- oder als Blu-ray-Box herauszubringen. Ansonsten liegen die drei Sets auch auf CD oder je nach Version Vinyl vor.

Trotz dieser Abzüge in der B-Note kommt man als Fan nicht um eine Anschaffung von „Lisboa Under The Spell“ herum – erst recht, wenn man an jenem Abend nicht in der portugiesischen Hauptstadt dabei sein konnte. Klar wird es auch hier wieder die Fraktion geben, die nicht unbedingt Fan davon ist, Alben komplett aufzuführen, sondern eine bunt durchgewürfelte Setlist bevorzugt, aber so oder so ist es doch einfach interessant, wenn man vor allem bei den ersten beiden Alben mal den direkten Vergleich zu den Originalen von damals hat, die logischerweise in jeder Beziehung anders klingen. Als kleiner Bonus existiert noch eine rund 20-minütige Dokumentation, empfehlenswert ist auch, sich den Abspann nach dem Konzert zu Ende anzusehen, da Fernando sich danach den wohlverdienten Feierabend-Joint gönnt und ein wenig über das Geschehene philosophiert.

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