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Moonspell: Hermitage

Wieder ganz anders als der Vorgänger
Wertung: 9/10
Genre: Gothic/Dark Metal
Spielzeit: 59:30
Release: 26.02.2021
Label: Napalm Records

Moonspell gehören zu jenen Bands, die einen tatsächlich mit jedem neuen Release noch überraschen können, auch wenn sie bereits über einen beeindruckenden Backkatalog verfügen und sich längst ihre eigene Nische erspielt haben. Natürlich bildet die Basis weiterhin düsterer Gothic Rock/Metal, doch mit welcher Konsequenz die Portugiesen nach dem recht harten (und ausschließlich in ihrer Muttersprache verfassten) „1755“, auf dem praktisch kein Klargesang zu hören war, nun im Prinzip eine 180-Grad-Wendung vollziehen, ist schon bemerkenswert. Auf „Hermitage“ singt Frontmann Frenando Ribeiro jedenfalls über weite Strecken clean und auch die Ausrichtung des Albums selbst ist diesmal erstaunlich milde.

Auffällig zeigt sich dies insbesondere im sehr ruhigen, gefühlvollen „All Or Nothing“, einem der für die Band wohl ungewöhnlichsten Tracks in ihrer Historie überhaupt. Hier wird ganz viel Pink Floyd-Atmosphäre verströmt und Gitarrist Ricardo Amorim wandelt mit wundervollem Spiel auf den Spuren von David Gilmour. Wie die Truppe hier ihren melancholisch-dunklen Sound psychedelisch und bluesy gestaltet, ist schon eine Kunst für sich.

Auch „Entitlement“ setzt in der Strophe auf viel Feeling und besitzt starke Blues-Anleihen, wird im Refrain dann jedoch sehr viel rockiger, bietet gar leichte Led Zeppelin-Vibes. Definitiv eine Nummer, die man sich erarbeiten muss – wie so manches auf dieser Platte. Leicht haben Moonspell es einem schon mit der letzten Scheibe nicht unbedingt gemacht, das ist auch bei ihrem nunmehr zwölften regulären Album der Fall, wenngleich eben auf komplett andere Art. Doch treten nach mehreren Durchläufen erst einmal die Details zutage, entpuppt sich „Hermitage“ als grandioses Werk – und gerade die kleinen Facetten in den Arrangements sind bei dieser Formation das Salz in der Suppe, die beweisen, aus was für fantastischen Musikern sie besteht. In diesem Zusammenhang sei auch Schlagzeuger Hugo Ribeiro erwähnt (nicht verwandt mit Sänger Fernando), der 2020 Miguel Gaspar beerbte und mit vorzüglichem Drumming glänzt.

Selbst ein instrumentales Zwischenstück wie „Solitarian“ ist mehr als nur ein Interlude. Wahnsinnig stimmungsvoll, mit seiner seufzenden Leadgitarre emotional packend, steht die Nummer auch ohne Gesang gleichberechtigt neben den anderen Stücken und ist ein weiteres Beispiel für die Experimentierfreudigkeit der Lissaboner. Dass Keyboarder Pedro Paixão einmal mehr einen großen Anteil an der dichten Atmosphäre hat, versteht sich wohl von selbst. Clever und wirkungsvoll werden gern mal Achtziger-Jahre-Synthies ausgepackt, genauso stehen aber Orgelklänge oder modern tönende Samples auf dem Programm, wie im ebenso schwermütigen wie vielfältigen „Apophthegmata“, das zwar sehr elegisch gehalten ist, auf harsche Gitarrenausbrüche jedoch nicht verzichtet.   

In jener Komposition geht auch Fernando mit einigen Shouts aus sich heraus. Überhaupt muss jetzt niemand befürchten, das Quintett würde plötzlich komplett auf Härte verzichten. Selbstverständlich wies der Vorgänger einen deutlich höheren Härtegrad auf, dafür wirken die Metalanteile auf „Hermitage“ umso effektiver, da sie sparsamer eingesetzt wurden. Mehr noch: Der Opener „The Greater Good“ ist eine flotte, mitreißende Hymne par excellence (noch dazu mit großartigen Lyrics versehen) und allein dank des klasse Refrains inklusive formidabler Gitarren-Hookline wohl einer der besten Songs, die Moonspell jemals geschrieben haben.

Recht eingängig ist auch „Common Prayers“ geraten, dessen Chorus richtiggehend groovt; der Titeltrack ist ein sehr feierliches Stück mit trotzdem sehr hohem Melancholie-Gehalt, während „The Hermit Saints“ nach dem tristen „Solitarian“ um einiges positiver klingt, was zwar sehr wirkungsvoll ist, dennoch handelt es hierbei wohl um den unspektakulärsten Song des Albums. Hingegen stellt das Quasi-Albumfinale „Without Rule“ wiederum eine recht proggige, verschachtelte Komposition dar, die erst wachsen muss, sich dann jedoch als eine der interessantesten der Platte offenbart.

Beeindruckend ist in jedem Fall wie beispielsweise bereits zu „Extinct“-Zeiten, wie diese doch ziemlich unterschiedlichen Stücke ein atmosphärisches Ganzes ergeben. Sicherlich wird nicht jedem die Ausrichtung gefallen, die Moonspell auf „Hermitage“ einschlagen, dennoch wird wohl jeder einräumen müssen, dass es schon außerordentlich ist, wie die Portugiesen einen erneut mit stilistischen Schlenkern überrumpeln, ohne sich zu weit von ihrem eigenen Sound zu entfernen. Als Bonus zu diesem imposanten Album gibt es des Weiteren im Digipack noch eine starke Coverversion von Candlemass' „Darkness In Paradise“.

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