Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Moonspell: 1755

Beeindruckend gemacht, trotzdem wäre mehr drin gewesen
Wertung: 8/10
Genre: Dark/Symphonic/Gothic Metal
Spielzeit: 51:07
Release: 03.11.2017
Label: Napalm Records

Seit 1989 existieren Moonspell bereits, damals gründeten sie sich unter dem Namen „Morbid God“; 1995 kam die Debüt-Full-Length „Wolfheart“ heraus, seitdem wurden nicht weniger als zehn weitere vollwertige Alben veröffentlicht. Sehr beeindruckend, besonders vor dem Hintergrund, dass sich die Portugiesen nie wiederholt haben, immer Neues ausprobierten – und das alles trotz weniger Line-up-Wechsel. Der Zusammenhalt im Hause Moonspell ist also offensichtlich hoch einzuschätzen, anscheinend schaffen es die Bandmitglieder immer wieder, sich gegenseitig zu inspirieren.

Mit „1755“, dem nunmehr zwölften Studiowerk des Quintetts aus Portugals Hauptstadt, hat sich die Truppe nun an ihr bislang wohl ambitioniertestes Projekt gewagt, sowohl in musikalischer als auch thematischer Hinsicht. Logisch, dass die Band zu ihrer Heimat eine besondere Verbundenheit hat, deswegen war es durchaus naheliegend, sich mit dem großen Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 zu befassen, zumal Frontmann Fernando Ribeiro ein belesener Mann ist, der sich für verschiedenste Themen geschichtlicher und kultureller Art interessiert. Und die damalige Katastrophe hatte große Auswirkungen auf Kultur, Geschichte und Politik des Landes.

Die Ankündigung, das gesamte Album auf Portugiesisch einzusingen, war letztlich dann ebenso naheliegend und ist natürlich ebenfalls sehr reizvoll. Doch dass Moonspell wie erwähnt stets neue Wege beschreiten, zeigt sich auch in musikalischer Hinsicht wieder: Mit symphonischen Elementen hat die Band seit langem schon immer mal wieder kokettiert, auf „1755“ findet man nun praktisch eine komplette Orchestrierung vor. Zweifellos kompetent gemacht, wird das naturgemäß nicht jedem gefallen und für manchen schlichtweg over the top sein.

Den Anfang bildet mit „Em Nome Do Medo“ ein Song, dessen Titel Fans bereits vom „Alpha Noir“-Album her kennen dürften. Für die aktuelle Scheibe wurde das Stück komplett umarrangiert, jegliche Härte herausgenommen und quasi zu einer Orchesternummer mit begleitenden Akustikgitarren, Chören und Fernandos Gesang verwandelt. Macht sich gut und kreiert einen spannungsgeladenen, dramatischen Auftakt, der Großes anzukündigen scheint.

Tatsächlich beginnt der anschließende Titeltrack überraschend ruhig mit einer Tool-artigen Bassline und erweist sich im Folgenden als etwas sperrig; auch wenn der Ausbruch des Chores im Refrain mehr Eingängigkeit transportiert, zunächst ein irgendwie eher unspektakulär wirkender Start. Ein toller Einfall sind aber die mit Percussions unterlegten orientalischen Einflüsse im zweiten Teil der Nummer. Wie häufig bei Moonspell offenbaren sich die meisten Kompositionen ohnehin erst nach mehreren Durchläufen als Qualitätsware – die Kunst, Songs mit Widerhakenmelodien zu schreiben, bei denen man aber gleichzeitig erst nach und nach die kleinen Details im Hintergrund entdeckt, hat diese Truppe allerdings schon länger perfektioniert und auch hier zeigt sich erst mit etwas Geduld, dass wieder sehr viel Wert auch auf Einzelheiten gelegt wurde und man nichts einfach dem Zufall überlassen hat.

Das treibend-düstere „Desastre“ ist der wohl eindeutigste, griffigste Ohrwurm, das pompös-dramatische „Abanão“ hingegen wächst erst später, genauso wie das wiederum mit einer Tool-mäßigen Bassline eingeleitete „Evento“, das mit markanten Keyboards und aufrüttelnder Stimmung punktet. „1 De Novembro“ kommt im Gegensatz dazu mit deutlicher Gitarren-Schlagseite und einem verzweifelt klingenden Fernando daher, auf epischen Bombast wird dennoch auch hier nicht verzichtet, während „Ruínas“ mit schleppendem Tempo und dennoch viel Groove aufwartet und tatsächlich Bilder der zerstörten Stadt vor dem inneren Auge heraufbeschwört.

In Form von „Todos Os Santos“, das im melancholischen, wiederum mit großem symphonischen Pomp inszenierten Refrain emotional ausbricht, liegt ein sehr bewegendes Finale vor, bei dem sich der Chor noch einmal effektvoll in den Vordergrund spielen kann. Das eigentliche Album endet somit bereits nach knapp 42 Minuten, mit einem Cover des Songs „Lanterna Dos Afogados“ der brasilianischen Band Os Paralamas Do Sucesso“ schiebt man allerdings noch eine fantastische Nummer nach. An sich ein poprockiges Stück mit Folk-Einschlag, haben Moonspell daraus eine finstere Gothic-Doom-Ballade im Type O Negative-Stil gemacht – imposant und von toller Dynamik gekennzeichnet. In der limitierten Auflage gibt es dann außerdem noch eine spanisch gesungene Version von „Desastre“ – ein netter Gimmick.

Ein Gesamtfazit fällt nicht so leicht: Mir persönlich fehlen die vielen Gitarrensoli, die auf „Extinct“ so detailliert ausgearbeitet waren und hier fast unterzugehen drohen, das Songwriting ist zwar weiterhin sehr vielfältig, aber insgesamt einen Tick weniger stark als auf den Vorgängern – auch wenn die Band bei „1755“ angesichts der Thematik mit noch mehr Herzblut als sonst dabei gewesen sein dürfte. Größter Kritikpunkt ist aber, dass Fernando Ribeiro, einer der vielseitigsten Sänger der Szene, diesmal fast nur mit Screams und Shouts arbeitet und kaum mal die zahlreichen anderen Facetten seiner Stimme präsentiert. Trotzdem sind acht Punkte legitim, denn Kritik hin oder her, das ist objektiv betrachtet schon unheimlich gut gemacht und wie sich die Portugiesen immer wieder neu erfinden, ringt Respekt ab.

comments powered by Disqus

„Weil wir einfach wissen, dass wir als Band nur funktionieren, wenn wir uns nicht verbiegen“