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Metameta: Meta Metal

Musik über Musik aus kundigen Händen
Wertung: 8/10
Genre: Meta Metal
Spielzeit: 47:33
Release: 01.04.2012
Label: Meta Records

Es ist eine Geschichte, wie sie sich wohl jeden Tag ereignet: Ein junger, ambitionierter Musiker gründet, von den eigenen Fähigkeiten mehr als überzeugt, eine Band. Aus dieser Keimzelle, dem Urzustand jedes musikalischen Schaffens, erblühen Monate, manchmal Jahre des mühseligen Abrackerns, des stetigen Songwritings, der kleinen Erfolge, vor allem aber: der stetigen Enttäuschungen und Misserfolge. Irgendwann hat das Schicksal meist ein Einsehen mit dem armen Wicht und stellt ihn vor eine zweigeteilte Weggabelung: Entweder, der langersehnte Erfolg tritt endlich ein – oder der mittlerweile abgestumpfte und ausgelaugte Möchtegern-Rockstar ergreift einen Beruf und macht das Einzige, was er zu können glaubt: Er wird Musikjournalist. Als solcher sitzt er nun tagtäglich gramzerfressen und neidgebeugt vor seiner Stereoanlage und lauscht den Klängen all jener Bands, die damals an der Schicksalskreuzung richtig abgebogen sind. Mit gespitzter Feder sticht er sie in Grund und Boden; all jene, mit denen er seine Leidenschaft teilt, die er aber auf ewig verachten muss. So spricht er tagtäglich Todesurteile aus über die, die seinen Ansprüchen nicht gerecht werden – und findet Trost im irrigen Glauben, sein Urteil würde irgendjemand ernsthaft interessieren.

Meist gibt der Musikjournalist seine eigene Tätigkeit als Mucker zugunsten der Schreiberei auf. Macht er doch weiter Musik, so doch eigentlich nur, um auf den Tag zu warten, an dem ihm endlich die rettende Formulierung einfällt, mit der er seinen auf Schülerbandniveau dargebotenen, völlig bedeutungslosen Retro-Metal (alternativ: Punkrock) in der Bandbio als den innovativsten und heißesten Scheiß am Block in den siebten Rock-Himmel loben kann. Beim Umgang mit von Musikjournalisten erzeugten Klängen gilt daher stets die Faustregel: Schnell weghören – und bloß nicht das Booklet oder die Website lesen!

Wie von jeder anderen gibt es aber auch von dieser Regel Ausnahmen: Eine hört auf den Namen Metameta und ist das Soloprojekt eines gewissen Tintus – eigenen Angaben zufolge ein Mitglied der schreibenden Zunft, das sich aus offensichtlichen Gründen hinter einem Pseudonym verbirgt. Seinen Musikstil bezeichnet Tintus mit dem (natürlich) eigens erfundenen Genre „Meta Metal“, doch man muss ihm zugestehen, dass die Wortneuschöpfung hier tatsächlich einmal Sinn macht. Denn bei Metameta fließen die Hauptbeschäftigungsfelder eines Musikers und die eines Musikjournalisten auf neuartige Weise zusammen: Musizieren und Sprechen über Musik in einem; verbunden in metallischen Songs – das ist Meta Metal. Was das genau bedeutet? Tintus schreibt Songs über das Schreiben von Songs („Pen And Paper“). Er analysiert in über dröhnende Riffs gebrüllten Versen die Taktstruktur von Tools „Lateralus“ („Count Fibonacci“). Er liefert in einem dreiteiligen Progmetal-Epos das Rezept für den perfekten Popsong, ohne jenen selbst zu schreiben („Instructions For A Melody Of Gold Pt. I – III“). Und weil Tintus nicht nur Kritiker und Musiker sondern auch noch studierter Musikhistoriker ist, deckt er in „Stairway No. 9“ auch gleich noch die bislang kaum erforschte Verbindung zwischen Led Zeppelins „Stairway To Heaven“ und Beethovens Neunter auf. Besonders genial: Wissenschaftliche Zitate, die bei einer derartigen Untersuchung unablässlich sind, kennzeichnet Tintus zitiertechnisch korrekt mit Fußnoten, die sich als Backgroundchöre in die im Stil einer fesselnden Powerballade verfasste musikalische Abhandlung lückenlos einfügen.

Textlich spielt Metameta mit seinem ungewöhnlichen Ansatz natürlich in seiner ganz eigenen Liga. Musikalisch ist das Ganze zwar äußerst vielfältig und wildert in so ziemlich allem, was Rockmusik der härteren Gangart jemals hervorgebracht hat: Mit „Concept²“ hat es sogar ein Nu-Metal-Brecher erster Güte auf die Platte geschafft, in dem Tintus rappend über die Möglichkeit eines Konzeptalbums über Albenkonzepte sinniert – muss man auch erst mal drauf kommen. Leider gestaltet sich der musikalische Unterbau aber meist solide und eingängig, aber oft wenig originell. Man mag argumentieren, dass die Musik bei Metameta wohl eher Beiwerk zu den abstrakten, metamusikalischen Texten ist. Trotzdem wäre ein bisschen mehr musikalischer Einfallsreichtum ein Anreiz für das Nachfolgealbum – vielleicht dann auch gleich in einem Song über musikalische Innovation? Die Themen dürften Metameta jedenfalls in absehbarer Zeit nicht allzu schnell ausgehen. Doch selbst für den Fall der Fälle hat Tintus bereits vorgesorgt und angekündigt, bei plötzlichem Ideenmangel einfach eine Umbenennung des Projekts in Metametameta vorzunehmen, eine Ebene höher einfach neu anzufangen und über den Entstehungsprozess seiner eigenen Alben zu sinnieren. Damit erreicht er dann vermutlich nur noch Philosophiestudenten ab dem 13. Semester. Für stetigen Nachschub von einem vor allem lyrisch interessanten Projekt, das man im Auge behalten sollte, ist aber wohl auf Jahrzehnte gesorgt.

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Von Jahr zu Jahr kommt man einfach immer mehr auf den Boden der Tatsachen