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Meliah Rage: Solitary Solitude

Auch ohne fiktiven Polizeieinsatz und Hundespielen ein Genremeisterwerk
Wertung: 10/10
Genre: Heavy Power Thrash Metal
Spielzeit: 46:21
Release: 16.07.1990
Label: Epic Records

Meliah Rage ist eine der am meisten unterbewerteten Bands aus den Endachtzigern beziehungsweise Frühneunzigern. Man sorgte mit ihrem 88er Debüt „Kill To Survive“ für einige Aufregung, um dann im Jahre 1989 etwas unverständlicherweise eine Live-EP mit dem Namen „Live Kill“ nachzuschieben. Das roch nach Abzocke, aber nichtsdestotrotz waren beide Veröffentlichungen ihr Geld wert und man konnte der Band wirklich einen guten Start attestieren. Nach dem ersten Album wurde die Band früher gerne mit Metal Church oder auch Megadeth verglichen, was aber nur ansatzweise stimmte.

„Solitary Solitude“ beginnt mit kraftvollen Gitarren, die, vom Schlagzeug unterstützt, erstmal ein dickes Ausrufezeichen setzen, bevor das Schlagzeug die Taktzahl erhöht und man seinen Thrash Genen freien Lauf lässt, aber etwas ist anders als bei „Kill To Survive“. Der Sound ist deutlich fetter und die Band mixt hier nicht nur Thrash Metal mit Heavy Metal, sondern hat einen sehr kräftigen Schuss Power mitintegriert. Das bringt kräftige Headbangattacken mit sich und sorgt durch die perfekt zum Mitgrölen geeigneten Textpassagen für ziemlichen Verdruss bei meinen Mitbewohnern. Die beste Ehefrau von allen schaut schon wieder genervt und säuselt vor sich hin: „Meliah Rage schon wieder…seufz!“. Bei der Mucke kann man eben nicht ruhig bleiben.

„No Mind“ lässt keine Zeit zur Erholung und hämmert sich mit deutlich flotterem Takt unbarmherzig ins Gehirn. Mit gehörig Groove im Hinterteil bangt man sich ins Metal-Nirvana, ohne aber irgendwelche Highspeed-Attacken über sich ergehen lassen zu müssen. Unglaublich, wie die Band hier zum Mitsingen animiert, aber Mike Munro war und ist der einzig wahre Sänger der Bostoner Combo.

„Sedcline Of Rules“ ist deutlich langsamer und lebt mal wieder von Mike Munros toller Stimme und den auf dem kompletten Album perfekten Gitarrenparts von Anthony Nichols und Jim Koury, wobei erstgenannter mit dem Sänger zusammen der Hauptsongwriter ist. Ohne jede Hektik walzt der Song alles nieder, was sich ihm in den Weg stellt, trotzdem wird dann mal eben ein cool integriertes, ruhiges Gitarrenteilstück eingeführt, bevor zum Ende hin noch einmal die E-Gitarren zeigen dürfen, wer hier dominiert.

„Retaliation“ besticht  mit toller Schlagzeugarbeit von Stuart Dowie. Auch wenn hier vom Sound her nicht alles so offen und klar wiedergegeben wird, so passt dieses kraftvolle Drumming wie die Faust aufs Auge. Meliah Rage haben hier einen eigenständigen Power Thrash Metal-Sound kreiert, der einfach mitreißt. Dazu Mike Munros teilweise schon fast leidende Stimme, was soll man da noch besser machen?  Das Riffing ist einfach nur exzellent und das ein oder andere Break sorgt für die nötige Abwechslung.

Deutlich düsterer wird es dann mit „Deliver Me“. Das zügige Piano, welches Gastmusiker Micah Dhevaloff da zu Beginn an den Tag legt, wird mit geflüsterten Worten von Mike garniert. Eine unheimliche, gänsehautverbreitende Stimmung kommt auf und durchzieht den Song wie ein roter Faden, das trauen sich nur die wenigsten Bands und trotzdem wirkt der Song nicht wie ein Fremdkörper.

Den absoluten Hammer liefert die Band dann mit „The Witching“ ab. Die Einrichtung muss wieder ein wenig leiden, was stehen auch die Flaschen auf dem Tisch herum, wenn dieser Song ertönt. Unweigerlich beginnt der Körper sich in Bewegung zu setzen, der Kopf schleudert vor und zurück, die Pommesgabel wird in die Luft gereckt und man versucht, die 105 dB aus der Stereoanlage mit seiner Kehle zu übertreffen. Im Augenwinkel sehe ich nur noch, wie die vormals als beste Ehefrau von allen betitelte Dame heimlich zu telefonieren versucht. Der kluge, gereifte Headbanger hat gelernt und die Telefonnummer zur nahe gelegenen geschlossenen Anstalt sperren lassen. Aber nach gerade mal 4:37 Minuten ist der Spuk dann auch schon vorbei. Das Zimmer sieht ein wenig umdekoriert aus und wird die Putzfrau erschaudern lassen, nun ja, wer sagt schon, dass man sein Geld heute noch leicht verdienen kann?

„Lost Life“ beginnt recht langsam, bevor die Band wieder Fahrt aufnimmt. Die Rhythmussektion mit Jesse Johnson am Bass treibt aber auch wieder kräftig an, ohne in Hektik zu verfallen. Ein geiler Song, der zudem auch noch mit einer klaren Botschaft behaftet ist: „Cocaine, Heroin, Marijuana, Crack, that new shit ice, that old crap smack-all can thrill, all will kill-but will you risk lost life“. Geiler Metal mit hier einmal mehr als gelungenem Text. Ganz klar: Drogen - NEIN, DANKE!

„Swallow Your Soul“ hebt dann das Tempo wieder ein wenig an. Eigentlich trotz des tollen treibenden Rhythmus, den sonst wohl nur Overkill derart perfekt permanent einzusetzen vermag. Der für damalige Zeiten einfach perfekte Sound kann sich auch heute noch hören lassen, kein Wunder, so war Epic ja damals ein Major Label mit ausgezeichnetem Hard Rock / Metal-Ruf.

Hm, vielleicht hätte ich nicht nur die Anstaltsnummer sperren sollen, denn draußen kommt es zu einer Anhäufung von Polizeiwagen mit Blaulicht, welche die Straße abriegeln. Gut, dass die Haustür abgeschlossen ist, aber was macht meine Frau da nur mit dem Schlüssel am Türschloss? Das war dann diesmal wohl doch ein wenig zu laut. Tja, wie passend, dass da gerade „Razor Ribbon“ läuft. Mike Munro wird vom Richter in den Kerker geworfen und beginnt genau wie ich, gerade über sein Leben nachzudenken. Eigentlich mag ich ja Hunde, aber ich habe gerade gelernt, dass Polizeihunde ohne Maulkorb nicht immer nur spielen wollen, aber etwas mehr Taktgefühl hätte ich den Beamten schon zugetraut. Aber ihr Schlagstockwirbel passt nicht ganz zum Takt des Songs. Nun ja, ähnlich wie bei einem Konzert werde ich dann unter fast schon tosendem Beifall der Nachbarn leicht erschöpft in das mit Blaulicht garnierte Taxi geschleppt.

Fazit: Ein Meilenstein der Musikgeschichte, welcher aber natürlich auch im Zuge der  Grunge-Welle fast komplett untergegangen ist. Fünf Jahre früher und die Band würde zu den größten gehören, wenn man sich und seiner Musik treu geblieben wäre. Besser geht es nicht, hier ist jeder Song ein Volltreffer und deshalb platzt die Liste auch vor Anspieltipps. Auch nach fast zwanzig Jahren immer noch eins der besten Alben ever.

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