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ME REX: Megabear

Das unendliche Album als Therapieform
Wertung: 10/10
Genre: Indie Rock, Electro-Folk
Spielzeit: 31:42
Release: 18.06.2021
Label: Big Scary Monsters

Statt wie gewöhnlich ein Review mit einem kurzen Abriss der Bandgeschichte oder einer knackigen Zusammenfassung der mal mehr, mal weniger spannenden Genres zu beginnen, müssen wir bei „Megabear“ von ME REX erst mal das Produkt an sich unter die Lupe nehmen. Hier warten nämlich gleich einige ungewöhnliche, fast schon schockierende Variablen auf den geneigten Hörer:

Auffällig mag in erster Linie die ellenlange Tracklist von 52 Songs daherkommen, dennoch kommt die Scheibe im Ganzen auf nicht mal 32 Minuten Laufzeit. So weit, so bekannt, viele Punk- und Grindcore-Bands schaffen schließlich noch kompaktere Werke, für eine Indie-Rock-Band stehen wir hier aber dennoch vor dem ersten Aha-Erlebnis. Dass ein Großteil der Tracks nur 32 Sekunden lang ist und nur vier Songs überhaupt die Minutenmarke knacken können, verwundert dann schon gar nicht mehr unbedingt. Interessanter ist da schon die Tatsache, dass die Band selbst dringend empfiehlt, das Album im Shufflemodus durchzuhören. Man ist skeptisch, doch schon bei der ersten Runde zeichnet sich ab, dass ME REX hier ein Album – oder ein Konzept – geschaffen haben, das einwandfrei funktioniert: Die Songs können in jeder beliebigen Reihenfolge konsumiert werden, funktionieren natürlich auch in der regulären Reihenfolge, die die Tracklist vorgibt, und hinterlassen höchstens Freudentränchen, aber nie ein schales Gefühl. Der viel genutzt Ausdruck „wie aus einem Guss“ scheint hier seinen Ursprung zu finden, greifen die 52 Stückchen doch wie nahtlos passende Puzzleteile ineinander. Unglaublich, der weise Promomensch hatte Recht: Es ist fast therapeutisch! (Danke Sebastian!)

Das Beste an alldem: Die Musik von ME REX weiß auch noch zu gefallen. Wir erleben unaufgeregten Indie Rock mit eindringlichen Klavier- und Keyboard-Passagen, mit dem auch gleich zwei der vier Bandmitglieder betraut sind, und einem durch vier geteilten, größtenteils britisch-nasalen Gesang, der aber durch alle Songs zu überzeugen weiß (wobei mit Tracks wie „Krypton“ und dem Opener „Hydrogen“ durchaus auch Instrumentalnummern vertreten sind). Trotzdem bilden sich bereits nach kurzer Zeit einige Favoriten heraus, man muss hier nur noch genauer auf die Titel achten als bei traditionell angelegten Alben, sonst kommt man schnell durcheinander: Da wären das flotte „Reclaimed From The Water“ mit seinem Kinderchor im Hintergrund, das fast schon einen gesamten Ohrwurm-Refrain darstellende „Peck“, oder das eindringlich mit Klavier untermalte „Weaving Clothes“ – es gibt viel zu entdecken auf „Megabear“, das sogar eine eigene Homepage zur Geburt bekommen hat, auf der jedem Track eine speziell angefertigte Spielkarte zugewiesen wird. Bei jedem neuen Aufrufen der Seite werden die Songs neu durchgemischt, auch das Kartendeck kann man im Onlineshop kaufen – ME REX haben sich richtig was gedacht und bauen ihr Album so zum Gesamtkunstwerk aus.

Dabei verdient das Quartett in erster Linie überhaupt Respekt dafür, sich derartig viele Songtitel einfallen zu lassen ohne in allzu offensichtliche Wiederholungen abzudriften. Dabei arbeiten sich die Damen und Herren einmal quer durch Periodensystem und Astronomie – nicht die schlechtesten Fachgebiete, um seine doch recht sphärischen Songs danach zu benennen. Dabei geben sich ME REX stets in einer berührenden Mischung aus Tanzbarkeit und Melancholie, in Tracks wie dem Gänsehaut erzeugenden „Lapis Lazuli“ wird die Mischung dann besonders deutlich und verleitet zum mehrmaligen Anhören – Shuffle hin oder her.

Und damit haben sich ME REX eine 10/10 gekrallt. Das Album kann mit Fug und Recht als Gesamtkunstwerk betrachten werden, das schon aus dem Grund nicht langweilig zu werden droht, da die Songs in ihrer Reihenfolge immer wieder neu angeordnet werden können und entsprechend auch andere Gefühle transportieren als im regulären Tracklisten-Kontext. ME REX arbeiten immer auch wieder mit ähnlichen Songstrukturen und -texten (ein schönes Beispiel ist da das Pärchen „Tin“ und „Jupiter“), was das Gefühl, ein Album wie aus einem Guss vor sich zu haben, natürlich nochmals verstärkt. Dabei halten die Briten die Spannung aber geschickt hoch, spannen immer wieder neue Bögen und regen den Hörer zum Entdecken an. Tatsächlich eine sehr eigene, aber gut funktionierende Art von Musiktherapie!

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