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Manic Street Preachers: Futurology

Gutes Album, das ein paar Durchläufe braucht
Wertung: 8/10
Genre: Rock
Spielzeit: 48:43
Release: 04.07.2014
Label: Smi Col (Sony Music)

Während sich andere Bands mit zunehmendem Alter in Sachen Veröffentlichungen mehr und mehr zurücknehmen, haben die Manic Street Preachers nie mehr als drei Jahre zwischen ihren Alben verstreichen lassen. So hat man mit „Futurology“ nun das Dutzend vollgemacht und im Vergleich zum Vorgänger „Rewind The Film“ diesmal sogar nur ein paar Monate gebraucht. Wobei in diesem Fall hinzugefügt sei, dass das Material aus denselben Aufnahmesessions stammt; da es sich jedoch von dem des Vorgängers zum Teil ziemlich klar unterscheidet, war es sinnvoll, im letzten Jahr nicht einfach ein Doppelalbum herauszubringen.

Stichwort „unterscheiden“: Faszinierend ist und bleibt bei den Walisern, dass sie auf jedem Album anders klingen, stets Neues ausprobieren und sich Experimenten nicht verschließen – dabei aber immer unverkennbar geblieben sind. Dies muss man einfach respektieren; selbst die ganz alten Fans, die sich längst von der Band abgewendet haben, spätestens nachdem sie ihre punkigen Wurzeln quasi komplett gekappt hatte und auch in den (britischen) Charts ordentlich absahnte, sollten wenigstens die Wandlungsfähigkeit der Manics anerkennen.

Auf „Futurology“ fährt das Trio erneut eine enorme stilistische Bandbreite auf, experimentiert herum und präsentiert sich facettenreich und musikalisch vielfältig. Allerdings muss man etwas Geduld mitbringen und die Platte wachsen lassen. Die ersten vier Stücke sind allesamt äußerst stark und noch schnell einprägsam, dabei aber auch sehr verschieden. Beim Opener und Titeltrack handelt es sich um einen relativ unspektakulären, aber dennoch gelungenen Track zwischen Pop und Rock, der irgendwie typisch für die Band ist, falls es so etwas nach der Andeutung, dass diese Formation immer wieder zu überraschen vermag, überhaupt gibt. „Walk Me To The Bridge“, die erste ausgekoppelte Single, punktet dann besonders durch den Kontrast zwischen Strophe und Refrain: Während ersterer auf einer simplen Basslinie basiert und nur aufs Nötigste reduziert ist, erstrahlt der Chorus geradezu in Bombast – aber es passt völlig problemlos.

Das Gegenteil von „erstrahlen“ bietet das folgende „Let’s Go To War“, das äußerst kalt und düster daherkommt und teilweise mit zum Titel passenden Militärdrums ausgestattet wurde. Ob es gewollt ist, dass in der kleinen Gitarrenmelodie Edvard Griegs „Halle des Bergkönigs“ angedeutet wird? Wie auch immer, der vierte Song im Bunde des Eröffnungsquartetts kommt wiederum sehr leichtfüßig daher: „The Next Jet To Leave Moscow“ ist ein wunderhübscher, melodischer kleiner Softrocker, der von Gastmusiker Cian Ciarán, dem Keyboarder der ebenfalls aus Wales stammenden Rockband Super Furry Animals, noch veredelt wurde.

Danach wird es weitaus abgefahrener: Der Titel „Europa Geht Durch Mich“ springt ja schon allein beim Betrachten der Tracklist sofort ins Auge und das Stück selbst lässt einen zunächst etwas ratlos zurück. An sich ganz clever zwischen Punkanleihen und tanzbarem Beat pendelnd gemacht, ist der Song definitiv ein Ohrwurm, wiederum recht simpel, aber wirkungsvoll; ob man ihn aber gut finden soll oder nicht, ist anfangs schwer zu sagen. Die in Stuttgart gebürtige Schauspielerin Nina Hoss, die hier die deutschsprachigen Passagen übernommen hat, macht ihre Sache jedenfalls erstaunlich gut – ich wüsste zumindest nicht, dass sie vorher schon mal musikalisch in Erscheinung getreten wäre und dafür ist die Darbietung umso höher zu bewerten. Gewöhnungsbedürftiges Stück, das aber mit zunehmenden Rotationen wächst.

Dies gilt auch für das restliche Material: „Black Square“ besitzt durch das dominante, leiernde Keyboard mit Schalmeienklang eine sehr eigenwillige Note, nistet sich nach ein paar Durchgängen aber ebenfalls fest in den Hirnwindungen ein und auch „Divine Youth“ mit Gastmusikerin Georgia Ruth, einer walisischen Singer-Songwriterin und Harfenistin, hat schon irgendwie was und ist durch die Harfe wieder ein Beispiel für die Manic’sche Experimentierfreudigkeit, wirkt jedoch bei aller Liebe etwas kitschig und überladen. Beim an vorletzter Stelle stehenden „The View From Stow Hill“ werden smart Band-typische, melancholische Pathos-Melodien mit perkussiven, sehr schmissigen Elementen aus der Konserve verwoben, das finale „Mayakovsky“ hingegen hätte man sich komplett klemmen können.

Beim gut nach vorn rockenden „Sex, Power, Love And Money“, das mit einem eingängigen, äußerst kraftvollen Refrain aufwartet, wird es einem auch mal etwas einfacher gemacht und auch „Between The Clock And The Bed“ ist eine richtig starke Nummer geworden (mit einem neuerlichen Gast, Green Gartside – ein Waliser, wie man sich denken kann…), die vom Fleck weg begeistern kann und vor allem am Ende mit wundervollem, mehrstimmigem Gesang glänzt. Auch das Instrumental „Dreaming A City (Hughesovka)“ macht trotz (oder gerade wegen) seines repetitiven Charakters Laune. Jener Track ist der beste Beweis für die Tatsache, dass Nicky Wires Bassspiel auf „Futurology“ auffällig hervorsticht. Neben diesem Stück und „Walk Me To The Bridge“ startet auch das depressiv anmutende „Misguided Missile“ mit einem markanten Basslauf Wires.

Alles in allem wird sich „Futurology“, das übrigens von der letzten Europatour der Gruppe und deutschen Bands wie Kraftwerk inspiriert wurde, nicht unbedingt in die Reihe großer Klassiker, zu denen auch die Manic Street Preachers bereits ihren Beitrag geleistet haben, einfügen, aber die Musikalität und Vielseitigkeit der Briten muss man wie erwähnt einfach anerkennen. Erneut hat man seiner Kreativität freien Lauf gelassen und liefert ein gelungenes Album ab, das gerade aufgrund seiner nicht immer ganz leicht zugänglichen, mitunter sperrigen zweiten Hälfte zweifelsohne ein paar Durchläufe braucht. Für meine Begriffe eine stärkere Platte als „Rewind The Film“, das zwar nicht schlecht war, dennoch von den Kritikern zu übertrieben gelobt wurde.

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