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Long Distance Calling: Satellite Bay

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Wertung: 9.5/10
Genre: Prog Rock
Spielzeit: 58:42
Release: 21.09.2007
Label: Viva Hate Records

Kennt Ihr das? Da läuft gerade Euer absolutes Lieblingslied im CD-Spieler. Eigentlich mögt Ihr die Band nicht mal besonders, den Sänger absolut nicht, weil der immer so schrecklich rumjault, aber die Anderen, die haben’s drauf! Vor allem der Gitarrist, für dessen Solo steht Ihr bereits eine Minute eher auf, stellt Euch so dicht wie möglich vor die Boxen, um nicht einen Ton dieser genialen Einlage zu verpassen und lauscht dem Virtuosen derart konzentriert, dass der erste Ton des schrecklichen Vokalisten Euch knapp am Krankenhaus vorbeischrammen lässt. Ist Ohrenkrebs eigentlich strafbar?

Wahrscheinlich nicht und wahrscheinlich gab dieser Grundgedanke den fünf aus Mühlheim, Dortmund und Mannheim stammenden Musikern bestimmt nicht der Auslöser zum Jammen. Vielmehr waren es wohl die hochgelobten, weit über die Grenzen Amerikas bekannte und geschätzte Bands wie Isis, Pelican, Godspeed You! Black Emperor oder Explosion in The Sky. Gerne werden auch Tool in diesem Zusammenhang genannt. Das Prinzip ist derweil immer das Gleiche: Wer abgedrehte Musik in Deutschland spielt, wird ignoriert. Wer abgedrehte Musik in Amerika aufnimmt, bekommt Welttourneen trotz Newcomerstatus (immer wieder gerne: System of a Down).

Ein nettes Gegenbeispiel zu dieser pessimistischen These liefern jetzt also Long Distance Calling, deren erste Demo im Rock Hard zur „Demo des Monats“ gekürt wurde. Auch Vision wählte und berichtete über die ungewöhnliche Combo, die so ganz ohne Stimme auftreten.

Das ergab sich aber mehr oder weniger ungeplant. Long Distance Calling besteht seit März 2006, die Bandidee an sich lebt noch 4 Monate länger. Zuletzt stieß Reimut, liebevoll als „Geräusche- und Atmosphärenmensch“ betitelt, hinzu. Davor hatte man mit verschiedenen Sängern herumexperimentiert, wobei keiner so wirklich 100prozentig in die Band passte. Das warf die Entscheidung zwischen Soundmensch oder Sänger auf - Long Distance Calling entschieden sich für den Soundverantwortlichen.

Unter die Zuhörer kam bisher nur die mittlerweile ausverkaufte LP „DMNSTRTN“, zunächst auf 200, dann als Zweittourauflage auf 100 Stück limitiert. Für ihr erstes Album klingen Long Distance Calling also extrem professionell, was vielleicht an den Zweitbands The Ghost Dance Movement und Misery Speaks liegt. Vielleicht aber auch an der Arbeitsweise der Band, die einen schnellen Ermüdungsprozess innerhalb der Stücke vorbeugt: Bei den Bandproben werden gute Parts zusammengetragen, dann innerhalb dieser gerammt, sodass daraus dann teilweise ganze Songs entstehen.

Wie bereits vorgegriffen, die CD ist absolut anders und - absolut gelungen. Sie beginnt mit dem Zehnminüter „Jungfernflug“, das wiederum nach einer entsprechenden Einleitung durch Janosch Rathmer am Schlagzeug langsam zur ersten Melodie hinfindet, diese immer wieder durchsetzt und im ruhigen Tempo knapp fünf Minuten führt, bis es zum ersten Höhepunkt kommt. Kopfkino pur, herrlich treibende Gitarren und eine Atmosphäre zum Verlieren. Der nächste Break kommt schneller, Füntmann und Jordan spielen sich langsam in den Mittelpunkt und klingen dann langsam neben dem Schlagzeug wieder auf einen Ton hin aus.

Schließlich ein erneuter Höhepunkt, leicht verzerrte Gitarren und wieder dieser unheimlich erdig klingende Bombast - „Jungfernflug“ bleibt im Gehör, zumindest teilweise, für alles andere ist das „Lied“ viel zu komplex.

„Fire In The Mountain“, dessen programmatische Steigung wirklich die Atmosphäre einer näher kommenden Bedrohung wirklich lebendig erscheinen lässt. Wer kennt das auftauchende Sample? Alle Kafkalesern sollte es an den Prozess erinnern.

Neben dem sehr ruhigen „Aurora“ erscheint „Horizon“ doppelt so lebendig und furios, schließlich folgt das einzige Lied mit Gastsängerauftritt: In „Built Without Hands“ singt Peter Dolving von The Haunted. Wobei „singen“ im Kontext dieses unheimlich unter die Haut gehenden Sprechgesanges das falsche Wort ist. Dolvings Stimme verschwimmt mit den Tönen, er agiert wie ein Instrument, sodass man nicht wirklich auf die hartgesprochenen Worte, sondern auf ihre Wirkung hört.

Der nachfolgende Gesang hätte gekürzt werden können, hier reicht die Sprache der Musiker durchaus aus, um sagen zu können, was zu sagen ist. Wenngleich Peter auch stimmlich top agiert und sich klanglich mit den Gitarren aufbäumt und wieder zurücksinken lässt, mag dieser Part nicht ins Gesamtbild der CD passen, die uns reine Musik soviel wertvoller verkaufte, sodass hier ein wenig mainstream durchschimmert. Einzeln gehört ein unglaubliches Stück. Im Kontext nicht ganz so gelungen.

Fazit: Natürlich klingt das immer etwas risikoreich: Kauft diese CD! Und wenn im vorherigen Text noch erwähnt wird, dass niemand singt - was ist das denn dann für ein abgedrehter Quark?

Die absoluten, beinharten und eingefleischten Prog-Fans werden diese Band wohl schon seit „DMNSTRTN“ kennen. Aber Long Distance Calling sind nicht nur für die absolut alternative Hörerschaft geeignet und klingen nicht so abgedreht, dass sie nur für Freaks taugen. Lieber Durchschnittsmusikkonsument (auch ohne Sängerhass): Bitte greife zu!

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