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Long Distance Calling: How Do We Want To Live?

Musikalisch hochklassig, inhaltlich aktuell
Wertung: 9/10
Genre: Post Rock
Spielzeit: 52:58
Release: 26.06.2020
Label: InsideOut

Passender als „How Do We Want To Live?“ hätten Long Distance Calling in einer Zeit der Unsicherheit und gesellschaftlichen Spaltung ihr siebtes Studioalbum kaum betiteln können; COVID-19 ist nach wie vor das die Nachrichten beherrschende Thema Nummer eins und momentan sieht es nicht danach aus, als ob sich daran in Bälde etwas ändern würde. Wenngleich die Band betont, dass die Songs und das Gesamtkonzept bereits vor der Corona-Pandemie geschrieben bzw. entwickelt wurden – die Frage, wohin sich die Menschheit entwickelt und was sie eigentlich will, war selbstverständlich vorher schon stets aktuell.

Ja, das Thema „Mensch und Maschine/künstliche Intelligenz“ ist wahrlich nichts Neues (im Review zu Vaders aktueller Platte habe ich mich dazu schon etwas genervt geäußert), aber die Gedanken, die die Münsteraner dazu formulieren, sind eben doch sehr interessant und wie sie diese Thematik in instrumentaler Manier verarbeiten, verdient Respekt. Die Stimmung, die sich durch die Scheibe zieht, ist ziemlich einzigartig; durch den Einsatz vieler elektronischer Hilfsmittel maschinell, kühl und Science-Fiction-mäßig (dass das Quartett von einer Serie wie „Black Mirror“ und Filmen wie „Tron“ oder „Blade Runner“ beeinflusst wurde, ist unschwer erkennbar), übertünchen diese doch nie das LDC-Grundgerüst aus zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug. Eine perfekte Balance, die damit dem Grundthema gerecht wird und zudem einen Sound zur Folge hat, der seinesgleichen sucht – die Produktion von Arne Neurand sollte als Anschauungsunterricht in Sachen moderne Musikaufnahmen dienen.

Natürlich ist es nicht so, als hätten die Westfalen nicht schon vorher mit elektronischen Sounds gearbeitet, doch geht man auf „How Do We Want To Live?“ noch einen Schritt weiter; verglichen mit der letzten (sehr starken) Platte „Boundless“ ist einmal mehr klar erkennbar, dass man nicht gewillt ist, auf der Stelle zu treten. Dabei verfolgt die Formation im Großen und Ganzen auch weiterhin das Kompositionsmuster, ihre Songs behutsam aufzubauen und zu steigern. Dank ihrer Liebe zum Detail und ihrer musikalischen Fähigkeiten laufen die Jungs aber nie Gefahr, sich zu wiederholen oder gar den Hörer zu langweilen, sodass am Ende zum Teil überragende Stücke wie „Hazard“, „Immunity“, „Sharing Thoughts“ oder das im Vorfeld veröffentlichte, mit einem grandiosen Video versehene „Voices“ zu Buche stehen.

Auch das bereits auf der letztjährig erschienenen Blu-ray „Stummfilm“ dargebotene, vom Cello dominierte „Fail/Opportunity“ (damals noch schlicht als „Interlude“ betitelt) findet seinen Platz auf „How Do We Want To Live?“ und fügt sich problemlos in die Tracklist ein und mit „Beyond Your Limits“ hat man schlussendlich doch einen Song mit Gesang im Repertoire. Zweifellos leidenschaftlich und stark performt von Eric A. Pulverich (Mitglied bei der Band Kyles Tolone), braucht die Nummer nach den ganzen Instrumentals zunächst doch etwas Eingewöhnungszeit, stellt für sich jedoch ebenfalls ein starkes Stück Musik dar.

Außerdem arbeiten LDC mit vielen Sprachsamples, was zumindest meine Wenigkeit auf Dauer etwas anstrengend findet, doch im Prinzip sind auch diese perfekt integriert und ergeben auch im Kontext mit der Thematik absolut Sinn. Insbesondere jenes, das den getragenen, ätherischen Abschlusstrack „Ashes“ einleitet, dürfte den meisten bekannt sein, handelt es sich hier doch um die berühmte Aussage von Agent Smith in „Matrix“, die Menschheit sei wie ein Virus, das alle natürlichen Ressourcen ausbeutet, um dann weiterzuziehen – nie waren diese Worte (über die sich damals Leute noch echauffierten – wieso überhaupt, stimmt doch) zutreffender als heute, von der bitteren Ironie, dass gerade eine Pandemie grassiert, mal ganz abgesehen.

Insgesamt ist „How Do We Want To Live?“ sicherlich alles andere als leicht zugänglich – die vielen elektronischen Elemente und Sprachsamples machen einem das Ganze nicht unbedingt einfach, doch hat man sich erst mal in das Album reingefuchst, muss eigentlich jedem Fan und Sympathisanten der Band klar werden, dass die Münsteraner einmal mehr eine großartige, in sich schlüssige Platte am Start haben, die clever und ausgefeilt klassische LDC-Elemente mit neuen Bausteinen verwebt und zudem von einer unvergleichlichen Atmosphäre geprägt ist. „Das klingt wie Pink Floyd von heute“, wird der Vater eines der Bandmitglieder im Promoschreiben zitiert und das ist tatsächlich gar nicht mal so daneben. Beeindruckend!

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