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Lirr: god's on our side; welcome to the jungle

Selbst für gestandene Chaoten im ersten Moment gewöhnungsbedürftig
Wertung: 7/10
Genre: Emo/Screamo, Post-Hardcore
Spielzeit: 28:47
Release: 08.09.2017
Label: Grand Hotel van Cleef

Es scheint kein Zufall zu sein, dass Lirr und "Lärm” mit demselben Buchstaben beginnen. Denn Lärm ist es zweifellos, was die kürzlich zum Quintett angewachsene Truppe auf ihrem Full-Length-Debüt darbietet. Lärm, Crossover, Screamo, Post-Hardcore und noch mehr Lärm.

Tatsächlich hat „god’s on our side; welcome to the jungle“ eine Abrissbirnenfunktion, ohne dabei allzu brutal zu klingen. Vergleicht man beispielsweise den Opener „This House Is Clean, Baby (This House Is Clean)“, das etwas über eine Minute lang Noisigkeit ausspuckt mit dem ungefähr auf Albummitte platzierten “MTV”, das beinah im Radio laufen könnte, kann man kaum glauben, hier die selbe Band vor sich zu haben. Unterm Strich muss man festhalten: Laut und rabiat steht den Jungs um einiges besser.

Um als Hörer die Übersicht nicht vollends zu verlieren, hält man sich vermutlich erstmal an die musikalischen Päckchen, die Lirr dankenswerterweise geschnürt haben – „Jungle Pt. 1“ und „Jungle Pt. 2“ markiert das erste Doppelpack, gestartet wird mit schwurbeligen Gitarren und kraftvollem Schlagzeug, wobei sicherlich schon die längeren Instrumentalzwischenparts die ersten Hörer verlieren dürften. Ein bisschen Geschrei, eine überraschend blumige Melodie im Hintergrund, zum Refrain hin rastet die Instrumentalfraktion dann schön aus – im Gegensatz zu hält sich „Jungle Pt. 2“ gar nicht lange mit Melodie auf, schlägt den Hörer gleich in der ersten Sekunde mit deftigem Gebrüll und brutaler Schlagzeugarbeit k.o. und punktet so deutlich mehr als der erste Teil.

Gleich im Anschluss haben die Herrschaften mit „Sour Pt. 1 & Pt. 2“ wieder ein Geschwisterpaar gesetzt, das zu Beginn durchaus abschrecken könnte – hoher Gesang, poppige Attitüde, minimalistische Samples, beinah so etwas wie Sprechgesang; wer jetzt glaubt, dass „Sour Pt. 2“ da gleich ganz anders einsteigen wird, der hat sich erst mal geschnitten. Zwar kommt das Schlagzeug hier wieder deutlich dominanter, der soulig-poppige Rhythmus bleibt aber vorerst bestehen, leicht gruselig kommt der Gesang auch daher, erst ab der Hälfte des Songs wird wieder mit ordentlicher Verzerrung gearbeitet und ein bisschen räudiger aufgespielt.

„Chicago“, so der Titel des dritten Songpakets, verstört den Hörer womöglich gleich zu Beginn von „Pt. 1“ durch schräg flirrende Samples, verzerrten, dumpfen Gesang, der sich ziemlich bald in Emo-lastigere Gefilde verabschiedet und stillschweigend in „Pt. 2“ abdriftet, das ungleich lärmiger und direkter durch die Boxen hastet, hektisch die Tempi wechselt und wie schon bei „Jungle“ auch wesentlich besser überzeugen kann als Teil eins. Hier halten sich Gefrickel und Strukturverschieberei in Grenzen und genau hier zeigen sich Lirr auch am stärksten – lärmig, chaotisch, aber nicht vollkommen abgedreht.

Man bekommt genau das, was man von einem Album erwarten kann, auf dem es um einen Kerl geht, der im Dschungel aufwacht und dort mit einem goldenen Puma kommuniziert. Eine gewisse Scheuklappenfreiheit ist hier nicht von  Vorteil, sondern ganz dringend notwendig – Lirr verwirren den Hörer, führen ihn in ein musikalisches Labyrinth und überlassen es dem Hörer selbst, da jemals wieder rauszufinden. Wer einen Hang zu akustischer Ordnung hat, sollte sich auf was gefasst machen – Post-Hardcore-Chaoten freuen sich sicherlich über den knapp halbstündigen Tumult.

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„Weil wir einfach wissen, dass wir als Band nur funktionieren, wenn wir uns nicht verbiegen“