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Letzte Instanz: Wir sind Gold

Wer zum Teufel noch mal hört um diese Zeit noch Musik, die ich doch eben erst noch komponiert habe?
Wertung: 10/10
Genre: Folk Metal
Spielzeit: 65:17
Release: 23.03.2007
Label: Drakkar Records

Eine Band auf Konzertreise macht quasi alles - außer zu arbeiten!

Natürlich weiß jeder halbwegs intelligente Mensch, dass das überhaupt nicht der Fall ist, da eine Tour an sich schon ein Kraft- und Disziplinakt ist. Und dann kommt eine Band daher und schreibt “nebenbei” ihr neues Album. Im Tourbus. Nach zweistündigem Dauerhüpfen.

Die Truppe, von der die Rede ist, kennt man spätestens seit 2005, als sie sich nach dem Ausstieg ihres Sängers zwei Jahre vorher eine Weile zurückgezogen und mit dem Gedanken, ganz aufzuhören, gespielt hatten. Trotz zuvor häufigen Line Up-Wechseln hatte der Abgang von Robin Sohn der Band besonders schwer zuschaffen gemacht, zumal ihm auch Tin, Das O und F.X. folgten.

2006 führte Holly sie wieder “Ins Licht”. Das Jahr war geprägt von dem neuen Album, Festivalauftritten, der Frühjahrstour und natürlich dem Herbstabschluss, den man als Supportband von Schandmaul spielte. Die Rede ist natürlich von der Letzten Instanz, die im März ihre neue Platte “Wir sind Gold” unters (schon sehnsüchtig wartende) Volk bringen wird.

Der Titel alleine sorgte schon für Furore. “Wir sind Gold” - soll man das wie die platten Überschriften einer (sich zu unrecht so titelnden) Zeitung à la “Wir sind Papst” auffassen? Soll man nicht. Die Begriffe “Gold” und “Wir” soll vielmehr eine humanistische Weltanschauung und die Wertschätzung jedes Individuums ausdrücken. Innerlich als auch äußerlich steht “Gold” für Schönheit, Wärme und Wert - und nicht für platte Headlines.

Wir lassen also die Philosophie Rapunzel sein und wenden uns dem Hauptbestandteil des Goldlings zu - der Musik. Schon beim “Ins Licht”-Release spalteten sich die Lager. Manche Fans warfen der Band vor, den typischen Stil zu verlassen, mainstreamlastiger zu werden und das typische Instanzfeeling zu verlieren. Wahrscheinlich werden diese Stimmen nun lauter werden. Holly sagte mir damals im Interview, man werde älter, was kein Grund sei, nicht mehr brachial zu sein.

Trotzdem würde ich sagen, dass Lieder wie “Satyr” oder “Folxweise” jetzt nicht mehr drin sind und wohl auch nicht mehr drin sein werden. Für den einen Fan ein Grund, die Treue zu kündigen. Für den Anderen ein Grund mehr, genauer hinzuhören, denn es ist leichter anzuknüpfen als weiterzuentwickeln.

Das Album beginnt mit einem bereits bekannten Stück, denn der gut informierte Fan klickte mindestens einmal in der Woche die myspace.com-Seite der Band an um sich einen Neuling anzuhören. “Du und Ich” ist ein schnelles und - instrumentalgesehen - hartes Stück. Schimmert es am Anfang etwas elektronisch, dominiert doch bald Specki T.D. an den Drums. Die Streicher spielen eher die zweite Geige, wer genau hinhört, erkennt Holly d. im Refrain, doch im Mittelpunkt steht ganz klar Hollys unglaublich variable Stimme. Mal rau, dann weich, mitreißend und unglaublich gefühlvoll singt er von dem Zwiespalt zwischen “Dir und Mir”, zwischen “Liebe und Leben”.

Sehr tanztauglich geht es weiter. Im “Morgenrot” dominiert Herr Ende am Bass, die Unterstützung an der Bratsche durch Henriette Mittag schafft mit Muttis Stolz und Benni Cellini eine bedrohliche Atmosphäre und wieder überzeugen Speckis Schlagzeugkünste, sodass man doch mindestens heimlich mittrommeln möchte - wenn man schon nicht mit der Single zum nächsten DJ laufen darf. Das Lied endet raffiniert mit einer doppelten Gesangslinie von Holly und Holly d., die sich langsam verflicht und schließlich auf dem gleichen Wort endet. Hut ab!

“Sturmvogel” beginnt sehr exotisch und mit einem tragenden Streichereinsatz, der das ganze Lied durchzieht. Auch wieder hier und vor allem live verursacht das Lied eine Gänsehaut. Denn je höher Holly singt, desto rauer wird seine Stimme. Der Platz auf der CD ist aber denkbar schlecht gewählt, obwohl es wohl kein einziges Lied gibt, das mit “Wir sind Allein” mithalten kann. Präsentierte die schönste Band der Welt das Stück schon auf der Herbsttour, hatte man es kaum so beeindruckend in Erinnerung. Das kurze Gitarrenintro hat tatsächlich etwas von der Liveatmosphäre, dann beginnt Holly in einem durchgängig sanft, dunklem Ton zu sprechen, denn eine wirkliche Melodie entwickelt sich erst im Refrain, bei dem man sich auch nicht entscheiden kann welche Version passender ist: Die erste im Duett mit den Streichern oder der vollinstrumentierten Wiederholung, in der der Sänger auch stimmliche Unterstützung von den Bandkollegen bekommt (mein Verdachtsstück, bei dem Herr Cellini mitsingt, wie damals im Tourtagebuch angedroht wurde).

Sehr passend steigt ein Kinderchor ein und liefert sich später ein “Zwiegespräch” mit dem Sänger.

Es folgt ein weiteres Stück, das ich mein Lieblingslied nennen darf. “Komm nie zurück” erinnert vom Gitarrenintro her an Eric Fisch - und das war’s auch, was ich zu dem Lied an Worten verliere. Bitte selber hören!

Eigentlich würde jedes der goldenen Stücke eine Einzelrezension brauchen. Dann wäre mir und Euch aber der Spaß an der Platte genommen. Hervorgehoben werden sollten aber trotzdem Hollys unglaublicher Gesang ii “Monument der Stille”, “Meine innere Stimme I und II” und in der die “geliehene” Opernstimme von Christiane Karg wirklich zum Einsatz kommt.

Danach erfolgt der erste stilistische Schnitt der Platte, denn ab hier wird’s wieder rockig. Sowohl “Worte brennen gut”, als auch ein der Band überraschend gut stehendes “Maskenball” mit richtig viel Gitarre sind club- und tanztauglich. “Sie kommen” erinnert inhaltlich ein wenig an “Traumschwere” vom Vorgänger, weißt aber derart gelungene Gitarren- in Geigenparts auf, dass man eher an die unheimliche Atmosphäre erinnert wird, die einem der Titel sofort vermittelt.

Zumindest musikalisch hat Micha “Frei” auf seine Kappe zu nehmen, weil er diesmal Erfinder der Klangmuster gewesen sein soll. Zusammen mit “Und das Meer” leitet das Lied in den ruhigeren Endteil der normalen Edition der CD ein, um schließlich mit dem Nachfolger von “Jeden Morgen” “Jeden Abend” zu enden.

“Frei” ist ein absolut gelungenes Lied, trifft doch Hollys gleichmäßige starke Stimme auf eine stakkato instrumentierte und immer wieder zerrissene Melodie. Der Sprechgesang löst schließlich das Rätsel um den Titel der CD auf. “Das Glück, das uns so teuer schein, das Glück, das nun in Scherben liegt. War doch das Glück, das wir gewollt, alles ist silber, wir waren Gold”. Fast befreit meistert der Sänger die hohen Töne des Stückes mit einer Leichtigkeit in der Stimme, die wohl auch die Anhänger der Robinfraktion überzeugen wird. Dieser Mann ist gesangstechnisch ein Genie!

Die limitierte Version der CD endet rund und sehr persönlich, wenn sie das nicht schon die ganze Zeit war. Schon vor einem dreiviertel Jahr, als ich zum ersten Mal in den Genuss kam, mir nach einem Interview die Stimmen von Holly und Micha auf meinem Diktiergerät anzuhören, wünschte ich mir eine CD auf der der Mann mit dem unglaublichen Organ einfach sprach. Das tut er. “Wir sind Gold” ist wohl eine der wenigen CDs, die ein eigenes Hörbuch enthält. In “Mein Ton” erzählt Holly, nur leicht von den Streichern untermalt, eine fesselnde Kurzgeschichte, deren Inhalt bitte wieder jeder für sich entschlüsselt.

Das Hörbuch geht fast unmerklich in das Abschlussstück über. In “Meine innere Stimme II” dominieren diesmal die Instrumente, Holly fügt seine Stimme fast wie eines in das Gesamtbild ein. Platt formuliert könnte man sagen, dass sich die die beiden Stücke um die innere Stimme nur in einer Strophe unterscheiden und dennoch klingen die Lieder wie Tag und Nacht, wie Sonne und Mond. Im zweiten Teil scheint der Sänger wirklich wieder ein Ganzes zu sein, Eins mit der inneren Stimme, so harmonisch wirkt das Gesamtbild.

“Wir sind Gold” hat seinen Namen verdient. Und alle (positiven) Assoziationen, die damit verbunden sind. Das Septett kann stolz auf dieses Werk sein, das “Ins Licht” um Längen übertrifft, wobei das Album es natürlich schwer hatte, an “Götter auf Abruf“ anzuknüpfen (die gleiche Problematik, die Subway to Sally mit “Nord Nord Ost” nach dem “Engelskrieger” hatten). Natürlich kann und soll hier kein Vergleich zu älteren Werken wie “Das Spiel” gezogen werden, dafür hat sich die Band und die Musik zu lange entwickelt, aber ich denke, das ist auch gar nicht nötig. Bei der Harmonie, der Reife - die oft auftauchende Assoziation vom “Kreis” ist wirklich gut getroffen -, die die Band mit dem Neuling zu Tage legt, besteht überhaupt kein Anlass, den Fortschritt zu betrauern.

Und ab dem 23. März wird es wirklich heißen: “Wer zum Teufel noch mal hört um diese Zeit noch Musik, die ich doch eben erst noch komponiert habe?”.

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