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Letzte Instanz: Das Weisse Lied

Viel mehr Platz für Melodie als alle Vorgänger
Wertung: 8.5/10
Genre: Klassik
Spielzeit: 53:30
Release: 14.12.2007
Label: Drakkar Records

“Nicht schon wieder eine Best of-CD” mag der Eine oder die Andere stöhnen und wirklich: Zur Zeit scheint der Musikmarkt von Re-Unionen und neu aufgelegten Alben zu leben. Das große Aber ist zweigeteilt. Zunächst ist schon der Auftritt von Led Zeppelin in London ein Beispiel dafür, dass dieser scheinbar kommerziell orientierte Weihnachtsaufschwung nicht nur Negatives mit sich bringt. Denn Hand aufs Herz und Blick auf die Konzertpreise und Ticketwahrscheinlichkeiten außer Acht gelassen: Für einen Platz in der O2-Arena hätten wir schon so einiges gegeben.

Zweitens: “Best of” bedeutet auch im Falle eines zehnjährigen Bandjubiläums nicht, dass nach einer Losauswahl der Lieder diese einfach in anderer Reihenfolge und Zusammenstellung auf eine hübsch gestaltete CD gepackt wurden und diese nun die Weihnachtsgeschenke der Bandmitglieder ohne viel Aufwand finanziert. Im Gegenteil: Dem weißen Lied hört man selbst als Nichtmusiker die Arbeit an.

Nach zehn Jahren von “Brachialromantik” bis “Wir sind Gold” hat die Band mehr musikalische Entwicklungen durchlaufen als es Genrenamen gibt. Noch heute streiten sich die Geister über die Bezeichnung “Gothic”, “Hip Hop” oder “Folk” beim entsprechenden Album. Nach zehn Jahren Line Up-Wechsel, Liederschreiben und Liebe demaskiert die Letzte Instanz also ihr Repertoire und plötzlich klingen Clubhits wie “Morgenrot” extrem jazzig oder elektronisch vereiste Nummern wie “Kalter Glanz” nach Orient und Tango.

Ein verändertes Klangerlebnis, für das nicht zuletzt auch die Gastmusikerinnen Leandra als Zweitstimme und Pianistin und Johanna und Henriette Mittag als Streicherinnen verantwortlich sind. Ein Sound, quer durch die Musikrichtungen.

Es beginnt ganz exotisch mit dem sonst eher programmatischen “Kalten Glanz”, ein verspieltes Intro, Hollys warme Stimme und ein minimalistisches klingendes Duett zwischen Gitarre und Streichern. Der Refrain wird durch Leandras Zweitstimme noch rhythmischer, besonderes Hörerlebnis sind auch die Percussions.

Thematisch gehören “Kalter Glanz”, wie auch das nachfolgende “Tanz”, “Ohne Dich” und “Eros” zur gleichnamigen Liebesdefinition nach Plato, denn auch diesmal durchzieht das Album ein roter Faden. Wer die Stücke genauer betrachtet, wird immer wieder, klarer oder versteckter, die Liebesthematik wiederfinden. Eros, Philia und Agape also als drei Liebesformen, das Streben nach jener, die gegenseitige Liebe und der spirituellen, uneigennützigen Liebe, die sich nicht nur in Religion sondern beispielsweise auch in der Natur oder der Menschheit selbst wiederspiegelt. So viel zur Interpretation.

Musikalisch knüpft “Tanz” also an seinen Vorgänger an, auch hier klingen Piano und Gitarre eher verspielter, die harten Kanten, die die Drums damals dem Original verliehen, sind runder geworden und dennoch fast noch besser zu hören. Ebenfalls sehr schön umgesetzt ist der nonverbale Teil mit verflochtenem Gesang und der wieder fast pompöse Abschluss des Pianos.

Zum Ausgleich die beiden ruhigen Nachfolger “Ohne Dich” und der erste Neuling “Eros”, ein streicherlastiges akustisches Meisterwerk ganz ohne Text.

Von platonischer und gegenseitiger Liebe handelt dann die nächsten vier Stücke, “Unerreicht”, in dem wieder das Piano vor allem in der Bridge wunderbar passt, ansonsten aber in den Strophen irgendwo in den tiefen Tönen herumdümpelt und man zwischen diesen Passagen die Streicher lediglich zur Steigerung der Tonlage benutzt hat. Auch aus dem Refrain hätte mehr werden können, ein Grund, weshalb ich die Nummer trotzdem nicht einfach weiterschalten kann ist dann aber der brillante zweite Teil der Bridge, den auch die dünne Zweitstimme nicht kaputt machen kann: Dieser Streicherpart ist toll, ist Gold und könnte als Single vermarktet werden. Wenn man ihn weiter ausbaut.

“Jeden Morgen” hört sich hingegen “nur” uminstrumentaliert an, ist aber im Grunde gleichgeblieben und “Du und Ich” hat durch den Einsatz des überaus markant und blechern klingenden Taschenklaviers natürlich einen extremen Wiedererkennungswert. Aber auch hier wurde wenig verändert und nur neu verteilt, wenngleich auch Violine mehr Wirkungsgrad als im Original hat.

Ein nicht zu überhörendes Highlight ist mit dem David Bowie-Cover “Helden” gelungen, geschichtlich natürlich mit Ost-West-Konflikt und der Berliner Mauer verknüpft, spiegeln gerade die ruhige und fast schleppende Instrumentalisierung jene Schwermut wieder; es scheint, als könne man die graue Szenerie direkt vor sich sehen.

Der Namensträger des Albums, “Das weisse Lied”, ist eine der ganz großen Nummern der CD. Man hört den See, die Trauerweiden, Nebel, Verträumtheit der Szenerie und einen großartigen Sänger, eine herrliche Melodie. Warum die Zweitstimme hier so verzerrt klingt, bleibt offen.

Eine weitere Nummer, die vollständig umgekleidet wurde, ist zu meinem großen Erstaunen “Morgenrot”, das schon durch eine Texterweiterung (“Wie schön wohl unser Leben war, so frei und ohne Ziel”) besticht, das von extrem jazzig klingenden Piano getragen wird und nur im glasklaren Refrain den Streichern mehr Platz einräumt. Was hier alles an Percussions im Hintergrund klingt und trommelt, ist gar nicht zu unterscheiden, fügt sich doch nur das Bild eines unglaublich gelungenen Songs zusammen.

“Winter” erinnert von den Kopfkinoqualitäten an den Stil von “Helden”, nach dem mitreißenden “Morgenrot” finden sich zum Abschluss des Albums die zweite ruhige Nummer in “Mutter”. Der ganz große Klang. Brauchen wir wirklich Gesang?

Fazit: Ja. Das Album braucht Gesang, das Album hat aber auch viel mehr Platz für Melodie als alle Vorgänger. Und ist schon deshalb kein wirkliches “Best of”, weil sich mit den Originalstücken im Ohr ein noch überraschenderes Hörerlebnis bietet. Eine wunderbare CD der Art, wie ich sie bisher noch nie gehört habe.

Aber da wir es mit der Letzten Instanz und sieben Profis zu tun habe, darf angemerkt werden: An der ein oder andere Stelle hätte noch mehr passieren können; “Morgenrot” und “Kalter Glanz” machen es vor.

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