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Leprous: The Congregation

Großes Album einer äußerst talentierten Band
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 65:45
Release: 22.05.2015
Label: InsideOut

„Akuten Hookline-Mangel“ attestierte Ex-Kollege Benjamin Verwold anno 2009 dem Leprous-Full-Length-Debüt „Tall Poppy Syndrome“ (das 2006 erschienene „Aeolia“ wird ja offiziell als Demo aufgelistet), was er als einen der Gründe für die aus meiner Sicht deutlich zu wenigen 6,5 Punkte anführte. Nun, mittlerweile haben sich die Zeiten geändert und die Band hat sich nicht nur songschreiberisch weiterentwickelt, sondern sich auch ganz klar von den damals in der Tat noch wesentlich deutlicheren Opeth-Einflüssen gelöst (auch wenn ich im Gegensatz zum geschätzten Ben nicht wirklich große Ähnlichkeiten zwischen dem Gesang von Einar Solberg und Mikael Åkerfeldt entdecken kann) und einen recht eigenen Stil kreiert.

Das vor zwei Jahren herausgebrachte „Coal“ wirkte bereits etwas homogener als die deutlich experimentelleren Platten „Bilateral“ und eben „Tall Poppy Syndrome“ und von den Songs her etwas leichter zugänglich – gleichzeitig aber auch düsterer und dramatischer. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass „The Congregation“ so klingt, wie es eben klingt – die logische Weiterführung und Konsequenz von „Coal“. Großartige Frickelorgien gibt es nicht, Atmosphäre hat oberste Priorität und im Mittelpunkt steht natürlich stets Einar Solbergs Wunderstimme.

Dabei ist der Songaufbau grundsätzlich erst einmal erstaunlich simpel: Meist liegt ein Riff oder eine Melodie, häufig auch ein bestimmter Drumbeat (Neuzugang Baard Kolstad brilliert übrigens nach allen Regeln der Kunst an den Kesseln und hat sich auch beim Songwriting direkt eingebracht) zugrunde, auf dem bzw. auf der dann das jeweilige Stück aufgebaut ist und sich in packender Weise steigert. Ausgerechnet im mit fast acht Minuten längsten Stück „The Flood“ bilden lediglich zwei Synthie-Bass-Töne die Basis; eine denkbar einfache Grundlage, was anschließend daraus gemacht wird, ist jedoch ebenso clever wie wirkungsvoll.

Natürlich muss man die vielen „Ahaha“-Passagen des Sängers mögen, sonst wird es schwierig mit dem Zugang, aber dies ist letztlich auch nur ein Reiz von vielen, der diese Combo einzigartig macht. In jedem Fall zeigt Solberg erneut eine Glanzleistung am Mikrofon und beeindruckt mit seinem schlicht wunderschönen Timbre, imposanten Höhen und vielschichtigen Arrangements. Und das Beste ist: bei aller technischen Raffinesse bleiben zu keinem Zeitpunkt die Emotionen auf der Strecke. Dem Gesang – oder überhaupt den Songs – wohnt allesamt die typische Leprous-Atmosphäre inne, die voller Leidenschaft steckt, aufgewühlt und nach innerer Zerrissenheit klingt, kulminierend im überragenden „Slave“. In jener Nummer beweisen die Norweger in besonders starker Manier, wie weit sie in Sachen Songwriting inzwischen sind: Der brillante Refrain will den Kopf überhaupt nicht mehr verlassen, die hypnotische Wiederholung desselben  und die bedrohliche Stimmung des Stückes tun ihr Übriges dazu – schaurig-schön und verstörend. 

Hier scheint auch Ihsahn (Solbergs Schwager, by the way) wieder mal einen Gastauftritt gehabt zu haben; eigentlich ist dessen heiseres Organ ja unverkennbar, aber es kann trotzdem sein, dass Solberg hier selbst krächzt, jedenfalls wird nirgendwo ein Gastauftritt des früheren Emperor-Mainmans explizit erwähnt. Wie dem auch sei: Die harschen Vocals wurden höchst effizient in einer schnelleren, schwarzmetallisch angehauchten Passage in dem ansonsten ziemlich schleppenden Stück untergebracht. Im ebenfalls grandiosen „Rewind“, das fast schwebend mit sphärischen Keyboardklängen beginnt, um letztlich in einem brutalen Schredder-Part zu enden, wird der Black-Metal-Gesang ein weiteres Mal ausdrucksstark eingesetzt.

Sicherlich darf man diese zwei Stücke (wenngleich nicht ausschließlich wegen des Scream/Klar-Kontrasts) als die beiden größten Highlights des Albums bezeichnen, doch auch ansonsten agiert die Truppe auf einem verdammt hohen Niveau. Das kurze, aber knackige „Triumphant“ beispielsweise, dessen Tribal-artige Drums zusammen mit Einars Stimme das Grundgerüst bilden, ist ein regelrechter Ohrwurm, ebenfalls „Down“ oder „Third Law“, bei dem der Frontmann bei der erneut mega-catchy Endpassage nahezu über sich hinauswächst.

Trotz alledem spielt die Band aber immer noch gerne mit vertrackten Rhythmen – und Songs wie „Red“ und „Moon“ (von langen Titel halten die Jungs anscheinend nicht viel…) erfordern aufgrund ihres sperrigeren Naturells vielleicht ein paar mehr Durchläufe, bis es klick macht, doch auch hier bleibt man im Rahmen und verliert nicht etwa den roten Faden. „The Congregation“ ist wie aus einem Guss, einzig „Within My Fence“ kann qualitativ irgendwie nicht ganz mithalten und auch der Opener „The Price“ wirkt angesichts dessen, was später noch kommt, fast unspektakulär. Tatsächliche Ausfälle sind allerdings nicht zu finden – ein großes und hervorragend produziertes Album einer äußerst talentierten und inzwischen vollkommen eigenständigen Band, die der Metalgemeinde hoffentlich noch viel Freude machen wird.

Anmerkung: Der in der limitierten Auflage noch enthaltene Bonustrack „Pixel“ lag uns leider nicht vor und findet daher keine Berücksichtigung in dieser Rezension.

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