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Leprous: Pitfalls

Ein mutiges und spannendes Album
Wertung: 8,5/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 55:04
Release: 25.10.2019
Label: InsideOut

Als „größte Produktion und musikalische Abkehr […], die wir je gemacht haben“, deklarierte Leprous-Frontmann und -Keyboarder Einar Solberg das sechste, „Pitfalls“ getaufte Studioalbum der Norweger. Keinesfalls ein zufällig gewählter Titel, hatte Solberg doch laut eigenen Angaben in den letzten anderthalb Jahren mit schweren Depressionen zu kämpfen – und dass Musik eine der wirkungsvollsten Therapien darstellt, um sich aus jenen bildlichen Fallgruben zu befreien, gilt als allgemeiner Konsens. Für jemanden, der selbst Musiker ist, sicherlich umso mehr.

Während andere dem Metal zugetane Menschen sich in solch schwierigen Phasen des Lebens My Dying Bride, Sentenced und anderen Trauerweidencombos zuwenden, hat Einar sich offensichtlich mit elektronisch geprägter Musik beschäftigt; wenngleich er ja schon immer ein Faible für derartige Sounds hatte, wie zuletzt auch das Anfang des Jahres veröffentlichte Massive Attack-Cover „Angel“ bewies. Dass diese Band sich noch nie großartig um Genregrenzen gekümmert hat, dürfte inzwischen jeder wissen, der sich mit ihrem Schaffen auseinandergesetzt hat, denn in der Diskographie der Skandinavier gab es ja immer mal wieder von Synthesizern dominierte Songs wie „The Flood“ oder „Mirage“. Auf „Pitfalls“ nimmt diese Ausrichtung jedoch eine ungleich größere Rolle ein.

Dabei fällt der Opener „Below“, gleichzeitig die erste ausgekoppelte Single, noch verhältnismäßig klassisch aus – der eingängige Refrain mit seinem mehrstimmigen Gesangsarrangement mit vielen charakteristischen Aaaahaaahaaahaaas klingt schon recht typisch nach Leprous, wobei die untermalenden Streicher dem Ganzen zusätzliche Dramatik und Emotionalität verleihen. Das symphonische Element, das bereits auf dem letzten Album „Malina“ stark vertreten war (besonders beim eindringlichen Albumcloser „The Last Milestone“), wird auf dem vorliegenden Werk intensiviert und weiterentwickelt und trägt massiv zum Tiefgang und der ergreifenden Stimmung bei.

Vor allem die zweite Hälfte des Albums ist ziemlich progressiv ausgefallen und zeigt die Gruppe so experimentierfreudig wie seit „Bilateral“ nicht mehr: „Distant Bells“ präsentiert sich zunächst sanft und melancholisch, bis sich flirrende Gitarren und unruhige Streicher hinzugesellen, die auf einen stürmischen Ausbruch drängen – schräg und vielleicht gewöhnungsbedürftig, aber in jedem Fall spannend, intensiv und beeindruckend dargeboten.

Phänomenal geradezu darf man „At The Bottom“ nennen, das zwischen einer von einem Synthesizerteppich und Drum-Machine getragenen Strophe und einem wütenden und dabei doch sensationell ohrwurmhaften Refrain wandelt, der wahnsinnig unter die Haut geht – die Verzweiflung ist greifbar und wird am Ende doch durch eine wunderschöne, aber nicht minder emotionale Passage ein wenig gelöst. Wie an vielen anderen Stellen der Platte werten auch hier die Gastmusiker Raphael Weinroth-Browne am Cello und Chris Baum (Bent Knee) an der Violine mit herrlich schluchzenden Klängen die Musik zusätzlich auf.

Im finalen „The Sky Is Red“, das schon durch seine Länge von über elf Minuten auffällt, treiben Leprous es dann auf die Spitze: Im ersten Teil wiederum durch flirrende Gitarren erneut eine gewisse Hektik verbreitend, wird im zweiten ein bombastischer Chor mit heftigen Rifferuptionen gepaart und immer weiter gesteigert, was eine solche Wucht zutage fördert, dass es einen buchstäblich überrollt. Die Wirkung ist immens, obwohl man nach dem ersten Durchgang noch ein wenig ratlos zurückgelassen wird.

Dies allerdings mag für so manchen schon für die erste Hälfte der Platte gelten. Obwohl die wirklich experimentellen Sequenzen eher in der zweiten Sektion stattfinden, werden sich manche Fans möglicherweise schon mit dem teils arg poppigen Appeal von Stücken wie „I Lose Hope“, „Observe The Train“ oder „Alleviate“ schwer tun. Auch hier spielen Synthesizer und Drum-Machine tragende Rollen, ohne aber, dass Leprous komplett mit ihrer Vergangenheit brechen würden. „I Lose Hope“ weist dabei die deutlichsten Spuren von Trip-Hop-Acts wie Portishead oder eben Massive Attack auf, „Alleviate“ beinhaltet einen wundervollen Melodiebogen im Chorus und „Observe The Train“ scheint auf Watte zu schweben. Mit „Foreigner“ hat man außerdem auch in der zweiten Hälfte einen kleinen Hit am Start, der zwischen den langen Epen etwas auflockernd wirkt.

Auch wenn sich diese Beschreibung nicht nach einer konsistenten Platte anhören mag, passen die Puzzleteile im Endeffekt doch erstaunlich gut zusammen, gebündelt schon allein durch Einar Solbergs göttlichen Gesang, der mehr noch als sonst über allem thront und die Formation stets unverkennbar macht. „Pitfalls“ unterscheidet sich tatsächlich merklich von allem, was die Band bisher produziert hat und wird somit nicht jedem zusagen; wer einigermaßen open-minded ist (und das sollte man als Leprous-Fan ohnehin sein), sollte dieser spannenden und mutigen Platte aber eine Chance geben. Dass sie ihrer eigenen Aussage zufolge „das persönlichste und ehrlichste Album“ bislang  fabriziert haben und wahnsinnig stolz auf das Endresultat sind, nimmt man den Herrschaften jedenfalls sofort ab.

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