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Leprous: Malina

Erneut beeindruckender Spagat zwischen Komplexität, emotionalem Tiefgang und Eingängigkeit
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 58:56
Release: 25.08.2017
Label: InsideOut

Flott unterwegs sind sie, die Jungs von Leprous: Alle zwei Jahre ein neues Album und letztes Jahr sogar noch der DVD-Release von „Live At Rockefeller Music Hall“ – das kann sich wahrlich sehen lassen und zeugt von Fleiß und Motivation. Und dass Leprous dabei keine halben Sachen machen und auf Qualität achten, beweist auch das mit Spannung erwartete neue Album „Malina“. Gerade bei einer Band, die man unter tausend Formationen heraushören kann, stellt sich die spannende Frage, was sie sich mit der nächsten Platte wohl Neues einfallen lässt.

Natürlich ist klar, dass Einar Solberg und Co. zunächst einmal ihre typischen Trademarks beibehalten haben: Die vielschichtigen, komplexen Gesangsarrangements, die polyrhythmischen Songteppiche und vor allem die einzigartige Atmosphäre sind selbstverständlich nicht wegzudenkende Elemente in der Musik der Formation aus der südnorwegischen Kleinstadt Notodden. Doch obwohl sie in der Hinsicht bereits auf der letzten Scheibe einen Zahn zulegen konnte, tönt die Truppe auf „Malina“ noch mal ein Stück eingängiger, ist also weiter gereift und hat sich gleichzeitig beim Songwriting um noch mehr Substanz und Dynamik bemüht.

Der als erstes veröffentlichte Song „From The Flame“ ist an sich gleich ein gutes Beispiel: Mit vier Minuten hat er nahezu die perfekte radiotaugliche Länge, besitzt einen unverschämt eingängigen Refrain, der schon allein aufgrund der melancholischen Grundstimmung aber niemals billig wirkt, alles hat einen leicht poppigen Charakter und geht leicht ins Ohr, obwohl bei genauem Hinhören instrumental eine ganze Menge passiert. Subtile Komplexität sozusagen, die beweist, wie ungezwungen und ungekünstelt Leprous inzwischen längst in der Lage sind, ihre Songs zu arrangieren.

„Illuminate“ geht in eine ähnliche Richtung, als Grundlage dient ein stakkatoartiger Rhythmus, über dem Einars wundervoller Gesang schwebt, der dank Mehrstimmigkeit und eher ruhiger Instrumentierung umso einschmeichelnder und wirkungsvoller herüberkommt – mal abgesehen von der erneut unfassbaren Eingängigkeit. Aufgrund dieser Kriterien nachvollziehbar, dass auch dieser Track als Single ausgekoppelt wurde. Und trotzdem handelt es sich hier noch immer nicht um den größten Hit der Platte, den hat die Band zweifellos in Form von „Leashes“ geschaffen: Was für ein Ohrwurm, völlig unglaublich, wie sich der Chorus (Refrain des Jahres?) im Schädel festsetzt und zu jeder Tages- und Nachtzeit hervorgekrochen kommt.

Dem gegenüber stehen längere Kompositionen wie „Mirage“, das stark mit elektronischen Spielereien arbeitet, die sich fantastisch machen und diesen aufregenden Trip mit interessanten Wendungen zusätzlich aufwerten. Hier liegt als Basis ein sehr prägnanter Synthie-Bass vor, etwas mit dem die Skandinavier ja auch schon zuvor gerne gearbeitet haben – vor allem „The Flood“ auf „The Congregation“ sei hier als Beispiel genannt. Auch das sechsminütige „The Weight Of Disaster“ entpuppt sich nach ein paar Durchläufen als einer der spannendsten Songs der Tracklist; einem auch hier wieder unglaublich eingängigen Mainriff stehen vertrackte Parts gegenüber, außerdem besitzt das Stück die wohl auffälligste Laut-leise-Dynamik. „Stuck“ hingegen liegt ebenso ein sehr mitreißendes und sich wiederum schnell festsetzendes Riff zugrunde, das vor allem zum Ende hin sehr ausgiebig variiert wird, ohne jedoch, dass es jemals langweilig wird.

Als hervorstechend muss des Weiteren unbedingt der grandiose Titeltrack genannt werden, der vor Melancholie und trauriger Schönheit geradezu überfließt. Langsam und behutsam aufgebaut, tauchen hier herzzerreißende Streicher auf, die Einars tränentreibende Gesangslinien untermalen, bis zu einem dramatischen und atemberaubenden Finale. Die Abschlussnummer „The Last Milestone“ hingegen setzt komplett auf eine eher ruhige Stimmung; Schlagzeug kommt hier überhaupt nicht zum Einsatz, stattdessen herrscht durch die erneute Verwendung von Streichern eine Soundtrack-artige Atmosphäre und Einars Stimme steht komplett im Fokus. Sehr berührend und emotional aufwühlend. Das gilt auch für den Opener „Bonneville“, der unheimlich zerbrechlich beginnt, um später förmlich zu explodieren.

Doch genau dies war schon immer die Stärke von Leprous, die sie auf „Malina“ perfektioniert haben: Hohes handwerkliches Niveau und anspruchsvolle, komplexe Rhythmik, ohne dass diese technische Seite überhand gewinnen würde, denn obwohl dies zunächst fast wie ein Widerspruch klingen mag, stehen trotzdem der Song selbst und vor allem die Emotionen im Vordergrund. Diese Band spielt und singt mit hörbarer Leidenschaft und Hingabe und die Stücke besitzen unglaublich viel Tiefgang. Ein Spagat, den nur wenige Künstler so überzeugend hinbekommen wie Leprous. Und die haben es auf ihrem neuen Album so gut geschafft wie vielleicht noch nie, weswegen neun Punkte auch hier absolut gerechtfertigt sind.

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