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Leprous: Aphelion

Führt den zuvor eingeschlagenen Weg konsequent weiter
Wertung: 8,5/10
Genre: Progressive Metal
Spielzeit: 56:00
Release: 27.08.2021
Label: InsideOut

Schnell waren Leprous mit neuer Musik schon immer: Seit dem 2009er Debüt „Tall Poppy Syndrome“ kam alle zwei Jahre zuverlässig eine neue Full-Length-Platte heraus – und auch die mittlerweile siebte reguläre Langrille „Aphelion“ (die Bezeichnung für den Punkt der größten Entfernung eines Planeten von der Sonne) reiht sich bereits knapp zwei Jahre nach dem Vorgänger „Pitfalls“ in die rasch wachsende Diskographie der Norweger ein. Möglicherweise jedoch wäre es diesmal anders gekommen, hätte nicht die Corona-Pandemie Einar Solberg und seinen Jungs im wahrsten Sinne des Wortes die Tour vermasselt und gezwungen, zu Hause zu bleiben. Wie viele andere Bands beschlossen aber auch Leprous, aus der Not eine Tugend zu machen und kurzerhand einfach neue Songs zu schreiben.

Erfreulich, dass das Resultat dennoch in keinster Weise forciert klingt, nach dem Motto „Wenn wir schon zu Hause rumhängen müssen, müssen wir auch auf Teufel-komm-raus neue Musik komponieren“. Sänger und Keyboarder Einar Solberg spricht gar davon, dass das Album „relativ intuitiv“ sei und alle Songs auf völlig verschiedene Weise entstanden wären. In jedem Fall verfolgt das Quintett auf „Aphelion“ den zuvor eingeschlagenen Weg konsequent weiter – es werden erneut in nicht unerheblichem Maß Streicher eingesetzt (Violinist Chris Baum und Cellist Raphael Weinroth-Browne sind wieder mal als Gäste mit dabei), elektronische Elemente spielen eine wichtige Rolle und das auf „Pitfalls“ aufgegriffene Thema „Depressionen“ wird weitergeführt.

Letzteres ist Indiz genug, dass Leprous auch auf ihrem neuesten Werk alles andere als fröhliche Musik machen, wenngleich Solberg zu Protokoll gibt, dass er mit seinen Depressionen mittlerweile viel besser klar kommt, wenigstens in dem Sinn, dass sie nicht mehr sein Leben beherrschen würden. Insofern ist „Aphelion“ ein positiveres Album als sein Vorgänger, dabei aber mindestens ebenso emotional aufwühlend. Die Songs im Allgemeinen und die einmal mehr sensationelle Performance des Sängers im Speziellen sind Beweis genug, dass all dies ehrlich gemeint ist und sicher nicht bloß eine Masche, um bei der Emo-Fraktion zu punkten.

Man nehme nur eine solch ergreifende Nummer wie „All The Moments“: Allein der unglaublich mitreißende Refrain mit seinem wunderschönen Melodiebogen kann niemanden kalt lassen, zudem markiert jenes Stück ein gutes Beispiel dafür, wie sich Solberg zu einem immer besseren Songwriter entwickelt. Genauso „On Hold“, welches auf einer einfachen Keyboardtonfolge basiert, sich jedoch sukzessive steigert, um am Ende das ganze angestaute Elend voller Verzweiflung ausbruchhaft zu entladen, und das zwischen lässigem Gitarrenriff und ausladender Symphonik pendelnde „The Silent Revelation“. Dynamik ist demnach auch anno 2021 für diese Formation eminent wichtig, was sich auch in den zahlreichen ruhigen Stellen zeigt, in denen Einar mit zerbrechlicher Stimme agiert und die immer mal wieder sorgsam und mit viel Gespür zwischen den vertrackten Rhythmen und dramatischen Ausbrüchen platziert wurden.

Es ist schon bemerkenswert, wie die Band es stets schafft, Komplexität, Atmosphäre und Eingängigkeit zu verbinden, was bereits der Opener „Running Low“ eindrucksvoll demonstriert, welcher in kompakter Form die gesamte Marschroute des Albums vorgibt. Das mit prägnanten Hooks ausgestattete „Out Of Here“ (dessen Anfang ein wenig an Porcupine Trees „Deadwing“ erinnert), das von orientalisch tönenden Streichern geprägte „Have You Ever?“ oder die betörende Ballade „Castaway Angels“ veranschaulichen ebenfalls die Ohrwurm-Qualitäten der Truppe.

Im Vergleich zum Vorgänger haben die Nordeuropäer zwar deutlich weniger verändert und obwohl sie durch die unfassbare Stimme ihres Frontmannes, ihre spezielle Instrumentierung und die vielschichtige Rhythmik sich längst eine eigene Nische im Prog-Bereich erspielt und einen unverwechselbaren Signature-Sound haben, wiederholen sich Leprous auch auf Album Nummer sieben nicht einfach nur, dafür sind die Kompositionen schlichtweg zu hochwertig, zu facettenreich, zu aufregend. Und im finalen „Nighttime Disguise“ (dem einzigen Stück, das auch Growls enthält) haben die Jungs immerhin erstmals mit einem Bläserensemble zusammengespielt, es ist also nicht so, dass man nicht wieder etwas Neues ausprobiert hätte.

Dennoch: „Pitfalls“ war experimentierfreudiger, dafür ergeben die Songs auf vorliegender Platte bei allem Abwechslungsreichtum ein klareres Ganzes. Was einer gewissen Ironie nicht entbehrt, da Einar Solberg „Aphelion“, verglichen mit der 2019er Scheibe eher als „Song-by-Song-Album“ bezeichnet. Man muss für Leprous in der Stimmung sein und man darf die Band pathetisch finden, doch niemand kann ihnen Leidenschaft und Originalität absprechen.

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