Achtung: In deinem Browser ist JavaScript entweder nicht installiert oder deaktiviert. Einige Funktionen dieser Seite stehen daher leider für dich nicht zur Verfügung.

Leech: The Stolen View

Wertung: 9/10
Genre: Post Rock
Spielzeit: 53:04
Release: 10.10.2008
Label: Viva Hate Records

Instrumental-Bands haben es schwer. Nur die wenigsten schaffen es, den Hörer über die Dauer eines ganzen Albums mit eigenen Kompositionen zu fesseln.

Mit "The Stolen View" versuchen dies zum vierten Mal fünf Schweizer unter dem Bandnamen Leech. In ihrem Heimatland erschien das Album bereits vor etwa einem Jahr, der Rest Europas kann sich auf den 10. Oktober 2008 freuen. Und diese Wortwahl ist kein Zufall: Tatsächlich legen die fünf Jungs ein Album vor, das es mehr als in sich hat.

Die Band selbst bezeichnet ihr Erzeugnis als "experimentelle Instrumentalmusik". Das kann man im Prinzip so stehen lassen. Etwas zu kurz kommt in diesen zwei Worten lediglich der Rockfaktor, den jeder Song beinhaltet. Post-Rock.
Die Tracks sind über weite Strecken ruhig gehalten, melancholisch und eher langsam, weisen aber eben auch rockige Parts auf. Synthesizer-Klänge im Hinter- und Vordergrund sorgen für die nötige Atmosphäre, lösen aber auch hin und wieder die Lead-Gitarre ab.

Der stärkste Song der fast 55 Minuten Spielzeit ist zweifelsohne "The Man With The Hammer". Mit mächtig stampfenden, verzerrten Gitarren brät einem dieser mitten im Track unverhofft ordentlich eins über, bevor er dann erfüllt von Melancholie seine Wut wieder vollends ablegt.
Wie in den drei anderen vollständigen Songs von "The Stolen Views" gelingt es Leech nahezu perfekt, den Song von harmlosem Geplänkel in ein atmosphärisches Konstrukt fast epischen Ausmaßes zu verwandeln, ehe eben dieses in Minute acht schließlich vom Hammer wieder kurz und klein geschlagen wird.

Aber das macht nichts, denn auch die anderen Songs funktionieren vom Grundsatz her genauso, aber in der Regel ruhiger als "The Man With The Hammer".

Leech spielen Musik zum Abschalten. Vom Abschalten der Musikanlage kann hier jedoch nicht die Rede sein. Nein, die Songs können sich vielmehr erst dann richtig entfalten, wenn man sich von ihnen einwickeln und sie auf sich wirken lässt.

Eine Ausnahme bildet nicht einmal der letzte Song der Platte, "Totem & Tabu". Mit schweren Riffs, die stellenweise die sphärischen Klänge vollständig ablösen, geht es zwar wuchtiger zur Sache als gewohnt. Doch dauert es nie lange, bis das Gleichgewicht zwischen leise und laut, zwischen soft und hart, wiederhergestellt wird - ein Spagat, der Leech außergewöhnlich gut gelingt. Besonders an den Stellen, an denen Piano-Klänge auftauchen und stellenweise die Bassarbeit unterstützen, läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken.

Einziger Kritikpunkt ist die leichte Tendenz, hin und wieder etwas abzudriften. Die Spannung, die Leech in den Songs erzeugen, wird auf der einen Seite manchmal dadurch gemildert, dass ausdruckslosere Melodien auftauchen. Auf der anderen Seite werden Parts von Zeit zu Zeit etwas zu häufig wiederholt. Das ist gut für den Spannungsaufbau, aber manchmal auch etwas langatmig.

Damit stecken auch Leech in der Zwickmühle, in der wohl jede Instrumental-Band irgendwann festhängt. Zu viele neue Parts, neue Melodien, neue Rhythmen überfordern den Hörer, zu wenige bereiten Langeweile. Durch den nicht vorhandenen Gesang fehlt das zweite Element, das neben der Musik für Abwechslung sorgt.

Die Schweizer aber bekommen es irgendwie hin, den exakt richtigen Kompromiss zu finden. Und der steht ihnen verdammt gut. Wer experimentelle, atmosphärische Musik mag, die auch mal ruhig daherkommt, der ist mit Leech goldrichtig beraten.

comments powered by Disqus