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Lacuna Coil: The 119 Show – Live In London

Top-Performance, aber zu viel Drumherum
keine Wertung
Genre: Alternative Metal
Spielzeit: ca. 176 Min.
Release: 09.11.2018
Label: Century Media

Am 19. Januar dieses Jahres boten Lacuna Coil im Londoner O2 Forum Kentish Town eine ganz besondere Show dar; die Band gibt es zwar schon länger als 20 Jahre (1994 wurde sie unter dem Namen Sleep Of Right gegründet, wenig später in Ethereal und schließlich in Lacuna Coil umbenannt), doch markiert 2018 das zwanzigjährige Jubiläum der selbstbetitelten Debüt-EP. Mit „Visual Karma (Body, Mind And Soul)“ hatten die Italiener bereits 2008 eine Live-DVD unters Volk gebracht, diese beinhaltete allerdings ein Konzert von lediglich etwas über einer Stunde Dauer – höchste Zeit also für einen umfangreicheren Nachschlag, zumal man nach acht Studioalben und einer bislang äußerst erfolgreichen Karriere gerne mal eine kleine Retrospektive wagen darf.

Sicherlich wäre auch Mailand als Heimatstadt der Alternative Metaller eine diskutable Option für solch ein Vorhaben gewesen, doch London bietet sich vom internationalen Flair sicherlich mehr an. Jedenfalls bieten Cristina Scabbia und ihre Jungs in einer prall gefüllten Halle vor Fans aus aller Herren Länder eine rund zweistündige spektakuläre Show, die allen Beteiligten definitiv fest im Gedächtnis haften bleiben wird. Die Bühne ist von einem Zirkuszelt überdacht und zwischendurch tauchen immer wieder Artisten und Pantomimen der Theatertruppe Incandescence auf, die einen zusätzlichen visuellen Reiz bieten sollen.

Das ist zwar gut gemeint, wirkt sich auf den Konzertgenuss jedoch eher störend aus – Lacuna Coil waren trotz allen Erfolgs stets eine sehr bodenständige, fannahe und vor allem ultrasympathische Band, das ganze Brimborium passt nicht zu ihnen und ist einfach way over the top. Genauso verhält es sich mit der Schminke der Bandmitglieder, insbesondere der Instrumentalfraktion: ein bisschen sehen die Kerle aus, als würden sie bei Slipknot spielen, daher wirkt die Gesichtsbemalung deplatziert.

Davon abgesehen gibt es an der Performance selbst wenig auszusetzen: Cristina scheint mit Mitte 40 in der Form ihres Lebens, auch der Gesang ihres männlichen Konterparts Andrea Ferro ist mit der Zeit immer variabler geworden und überhaupt hat der Wechselgesang der beiden auch heute nichts von seiner Wirkung verloren. Operettenstimme versus Grunzer war ja gerade in den Neunzigern total in; als die Italiener damals mit einer ungleich profaneren, sprich kitschfreien Variante ankamen, schwammen sie eigentlich eher gegen den Strom. Mit sicht- und hörbarer Leidenschaft interagieren die beiden auch auf vorliegender Blu-ray miteinander, ohne dass es zu einer Sekunde peinlich zu werden droht.

Beeindruckend auch die Leistung von Gitarrist Diego Cavallotti, der erst seit 2016 in der Band ist, nachdem 2014 der langjährige Klampfer Cristiano Migliori und ein Jahr später auch noch Marco Biazzi das Handtuch warfen. Mit makellosen Soli und akkurater Rhythmusarbeit kann er das Fehlen einer zweiten Axt weitgehend kaschieren, und auch Neudrummer Ryan Blake Folden, der nach dem Abgang von Cristiano Mozzati ebenfalls in die Fußstapfen eines langjährigen Mitglieds treten musste, bildet zusammen mit Bassist Marco Coti Zelati ein souveränes Fundament, das die Basis für ein absolut tight agierendes Gefüge legt.

Setlisttechnisch bietet man (logischerweise) einen Querschnitt durch das gesamte Schaffen, wobei sowohl unverzichtbare Klassiker wie „Swamped“, „Heaven’s A Lie“, „Our Truth“ oder „When A Dead Man Walks“ als auch neueres Material à la „The House Of Shame“ oder „One Cold Day“ (dem 2013 verstorbenen Ex-Mitglied Claudio Leo gewidmet) zum Zuge kommen, ebenso wie natürlich selten oder noch gar nicht live gespielte Raritäten der Marke „Soul Into Hades“ oder „Veins Of Glass“. Dabei fällt auf, dass die Band schon eine gute stilistische Bandbreite von melancholischen Gothic-Anleihen über radiokompatible Rockhymnen bis zu Nu-Metal-beeinflussten Brechern über die Jahre entwickelt hat – dass sie stagnieren würde, wie mancher Kritiker immer mal wieder behauptet, ist schlichtweg Unsinn.

Imponieren muss vor allem der Akustikpart kurz vor Ende, als Cristina nur vom Piano begleitet die Gänsehautballaden „Falling“ und „Wide Awake“ zum Besten gibt – leider wird die Intensität auch hier durch überzogene Theatralik auf der Bühne leicht getrübt. Ob es sein muss, dass die Sängerin in einem ausladenden Kleid an Drahtseilen hochgezogen über dem Publikum schwebt, sei dahingestellt. Und überhaupt: Wenn man extra für diese zwei Stücke einen Flügel auf die Stage bemüht, hätte man zumindest für so eine Jubiläumsshow auch gleich jemanden engagieren können, der die gesamten Keyboards spielt, so aber kommen sämtliche Tastenparts vom Band. Das gilt auch für einige Backing Vocal-Parts von Cristina – sehr auffällig zum Beispiel bei „I Like It“, hier hätte man aus Authentizitätsgründen gut daran getan, auf die Overdubs zu verzichten.

Ansonsten dennoch eine lohnenswerte Anschaffung (für Fans sowieso), zumal Bild und Ton überzeugen und ein sehr guter, differenzierter Mix vorliegt – lediglich beim Schnitt wurde wie fast immer bei Metal-Blu-rays/DVDs mal wieder teilweise sehr übertrieben. Eine Behind-the-Scenes-Doku und ein ausführliches Interview sind als Bonus enthalten (nicht in der Promoversion dabei) und wem das ganze Zirkus-Gedöns eher auf den Keks geht, der kann einfach auf die beiliegenden CDs zurückgreifen und dann schlicht ein ziemlich geiles Livealbum genießen.

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