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Lacrimosa: Sehnsucht

Der Maestro in gewohnter Höchstform
Wertung: 9/10
Genre: Gothic Metal/Symphonic Metal
Spielzeit: 59:55
Release: 08.05.2009
Label: Hall Of Sermon

Vor vier Jahren veröffentlichten Lacrimosa ihr letztes Studioalbum „Lichtgestalt“, dazwischen gab es für die Fans nur den aufwändigen Konzertfilm „Lichtjahre“. Die lange Durststrecke ist nun vorbei, doch nach einer für Lacrimosa-Verhältnisse so langen Zeit könnte man glauben, dass Szene-Veteran Tilo Wolff neue Wege einschlägt. Dem ist allerdings nicht so, denn vielmehr klingt „Sehnsucht“ wie eine Best Of-CD, die sich über das gesamte langjährige Schaffen des Projektes erstreckt. Viele alte Markenzeichen der Bands finden sich dieses Mal in der Instrumentierung, dem Gesangsstil Tilos und auch in den Texten wieder.

Grundsätzlich baut das Album wieder auf dem Konzept auf, das auch auf den letzten Longplayern verwendet wurde: Gothic Metal mit starken klassischen Einflüssen, ergänzt durch Tilos markanten Gesang und die Stimme Anne Nurmis, die meistens für den Hintergrund-Gesang sorgt. Wie gewohnt ist die Platte nahezu perfekt produziert und bietet die bewährte Mischung aus Härte und sanften Klängen. Einzig die Gitarren wirken stellenweise ein wenig dünn und abgehackt; auf dem letzten Album klangen diese noch deutlich voller und kräftiger. Fans der Frühwerke Lacrimosas werden sich sicher freuen, zu hören, dass elektronische Elemente wieder eine wesentlich größere Rolle spielen als noch auf dem Vorgänger. Die Orchestrierung wurde aber wieder von echten Instrumenten eingespielt, so dass auch die Symphonic-Anteile der CD nicht zu kurz kommen.

Stand auf „Lichtgestalt“ noch Tilos Gesang oftmals im Vordergrund, so wurde er bei „Sehnsucht“ wieder ein wenig leiser abgemischt, wodurch die Instrumente nun eine tragende Rolle spielen. Trotzdem ist der Gesang Tilos wieder einmal enorm wichtig für die Scheibe, denn nach wie vor gehört der Frontmann zu den einzigartigsten Stimmen der Gothic-Szene. Man könnte sagen, dass auch er zu den Sängern gehört, die man nur lieben oder hassen kann, denn nicht nur seine Stimmfarbe, die insbesondere in diesem Genre ungewöhnlich erscheint, ist nicht jedermanns Sache, sondern auch seine ausgefallene Art zu singen ist äußerst ungewohnt. So versucht er erneut, jedem Wort eine spezielle Betonung zu geben, wodurch seine Stimmleistung zwischen rauem Gesang, der auf „Sehnsucht“ sehr oft Verwendung findet, dem düsterem Sprechgesang, der auf älteren Werken Lacrimosas häufig zu hören war, klarem Gesang, der eine beeindruckende Reichweite hat und animalischen Schreien pendelt. Bei jeder dieser Techniken legt der Schweizer eine Menge Emotion in seine Stimme, so dass die Texte glaubwürdig herüberkommen

Eingeleitet wird das Album mit dem achtminütigen und relativ komplexem Stück „Die Sehnsucht In Mir“. Wie gewohnt schließt der Eröffnungssong an die zuletzt veröffentlichte CD an, harte Riffs wechseln sich mit orchestralen Klängen und dem tiefen Gesang ab. Neben gitarrenorientierten Tracks wie „Mandira Nabula“, das mit einem Akkordeon überrascht, dem aggressiven „Feuer“ oder dem starken „I Lost My Star In Krasnodar“ (inklusive gerolltem „R“), die allesamt mit eingängigen Melodien und Refrains gesegnet sind, stehen ruhige Stücke wie das mit vielen elektronischen Spielereien versehenen „A.u.S.“.

In der Ballade „A Prayer For Your Heart“ übernimmt Anne Nurmi den Gesang. Ihre Stimme hat zwar eine beachtliche Reichweite und Töne werden generell auch getroffen, doch fehlt ihr schlichtweg Charisma und Eigenständigkeit. Eine Überraschung findet sich mit „Die Taube“ auf dem Album – hier wird ein tiefgründiger Text mit einem nervenzerreißenden Spannungsaufbau verbunden, wobei hier komplett auf Gitarren verzichtet wird und die klassischen Instrumente in den Vordergrund treten.

Als Ausfall zu werten ist hingegen „Call Me With The Voice Of Love“. Lacrimosa haben bereits mit Klassikern wie „Stolzes Herz“ bewiesen, dass sie die Disziplin „Klavier-Ballade“ beherrschen, aber dieser Song ist einfach nur belanglos. Mit dem Symphonic Metal-Kracher „Koma“ erhält das Album dann einen würdigen Abschluss, in dem Tilo noch einmal eine beeindruckende Gesangsleistung auffährt.

Besondere Erwähnung verdienen noch die Texte: Beschwerten sich beim Vorgänger noch viele Fans darüber, dass diese zu direkt wären, wird sich das bei „Sehnsucht“ vermutlich wieder ändern. Als Konzept behandelt jeder der zehn Songs eine andere Variante der Sehnsucht, wobei hier wieder zahlreiche Metaphern verwendet werden, wodurch genug Freiraum zur Interpretation gelassen wird. „Die Taube“ sticht besonders hervor, denn durch den ungewöhnlichen Text sind hier zahlreiche Deutungen möglich, bei „Feuer“ hingegen kommt eine überraschend aggressive Wortwahl zum Ausdruck.

Lacrimosa legen wie immer ein starkes Album vor, das jedoch dieses Mal nicht allzu viel musikalisches Neuland betritt, sondern hauptsächlich auf alten Pfaden wandelt – was durchaus eine gute Entscheidung ist, denn das ist es ja, was sich viele Fans wünschen. Die Produktion ist trotz einigen Abstrichen bei den Gitarren wieder gewohnt erstklassig und lässt die Platte noch stimmungsvoller wirken. Bis auf das eher langweilige Stück „Call Me With The Voice Of Love“ bewegen sich zudem alle Songs auf einem durchgängig hohen Niveau und begeistern mit anspruchsvollen Texten in deutscher und englischer Sprache. Wer Lacrimosa noch nie mochte, wird auch mit „Sehnsucht“ nicht viel Freude haben, alle anderen, die damit leben können, dass die Band kaum Experimente wagt, erwartet ein weiterer Kracher der Gothic-Pioniere.

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