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Katatonia: The Fall Of Hearts

Ein klassischer Grower – und deutlich proggiger als die Vorgänger
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Rock/Metal
Spielzeit: 67:25
Release: 20.05.2016
Label: Peaceville

Fast vier Jahre sind seit dem letzten regulären Katatonia-Album „Dead End Kings“ vergangen – so einen großen zeitlichen Abstand gab es bei den Schweden zwischen zwei herkömmlichen Releases noch nie. Dass die Band allerdings auf der faulen Haut gelegen hätte, kann man wahrlich nicht behaupten. 2013 veröffentlichten sie das Livealbum „Last Fair Deal Gone Night“, im selben Jahr erschien außerdem „Dethroned & Uncrowned“, eine akustischere, entschlackte Version von „Dead End Kings“ ohne Metal-Anteil. Und offensichtlich waren Jonas Renkse und Anders Nyström durch diese Unplugged-Geschichte auf den Geschmack gekommen, erfolgte doch 2015 die Veröffentlichung von „Sanctitude“, einem in einer Londoner Kirche aufgezeichneten Akustikkonzert im Rahmen einer dazugehörigen Tour.

Viel Holz und Mitglieder wurden in der Zwischenzeit auch noch ausgetauscht: Ex-Kamchatka-Frontmann Roger Öjersson bedient inzwischen die zweite Gitarre, nach einem vergleichsweise kurzen Gastspiel von Per Eriksson, aufhorchen ließ jedoch natürlich vor allem der Wechsel an der Schießbude. Dass Daniel Liljekvist (inzwischen bei In Mourning hinter den Kesseln aktiv) 2014 nach 15 Jahren Bandmitgliedschaft die Koffer packte, war für alle Fans ein Schock. Mit seinem Namensvetter Daniel Moilanen (früher Engel) ist allerdings exzellenter Ersatz gefunden worden und dass er mit Katatonia bereits auf Tour war, macht natürlich Sinn, bevor man sich an ein Studioalbum heranwagt, damit der Mann auch gleich gut eingespielt und abgestimmt ist mit den restlichen Musikern.

Allesamt Voraussetzungen für ein Album, das aufgrund all jener Umstände eine deutliche Kursänderung der Truppe vermuten lassen könnte. Tatsächlich ist ziemlich klar herauszuhören, dass Katatonia eine Akustiktour gemacht haben; die Arrangements sind noch detailverliebter geworden, einhergehend mit wesentlich komplexerem Songwriting – wobei spätestens bei „Dead End Kings“ bereits zu erkennen war (teilweise auch schon bei „Night Is The New Day“), dass die Band eine progressivere Richtung einschlägt.

Das vorab mit coolem Schreibmaschinen-Lyric-Video vorgestellte „Old Heart Falls“ ist definitiv der eingängigste Song, der Refrain ist sehr catchy, besitzt dabei aber die Katatonia-eigene Melancholie – letztlich also ein relativ typischer Song. Das soll nicht heißen, dass das nunmehr zehnte Studioalbum der Skandinavier ansonsten ausschließlich vertracktes Material beinhaltet und man mit Taktwechseln nur so um sich werfen würde – auch auf „The Fall Of Hearts“ gibt es eine ganze Reihe von großartigen Melodien und Hooklines, nur sind diese weniger vordergründig und wollen mit der Zeit entdeckt werden.

Die Platte ist also ein klassischer Grower, schlussendlich aber die logische Weiterentwicklung, die man so oder so ähnlich erwarten konnte, wenn man sich ansieht, was die Band in den letzten Jahren so gemacht hat. Die Songs sind alles in allem länger als bei den letzten Langspielern und die Albumlänge von über einer Stunde spricht ebenfalls eine eindeutige Sprache. Letztlich ist „The Fall Of Hearts“ wohl sogar die bislang vielfältigste Scheibe der Schweden überhaupt geworden. Heftiges, metallisch geprägtes Material wechselt mit Prog-Rock-beeinflussten Sequenzen und die zunächst häufig sehr harsch erscheinenden Wechsel brauchen eine gewisse Eingewöhnungszeit.

Dann aber entpuppen sich beispielsweise der schleppende, mit schnörkeligen Gitarren versehene Opener „Takeover“ (atmet ein wenig „The Great Cold Distance“-Flair), das behutsam aufgebaute „Residual“ (unglaublich aufgehender, bombastischer Chorus), das wahnsinnig wuchtige „Serac“ (bei dem die Kollegen von Opeth einmal mehr garantiert als Einfluss herhielten) oder der treibende „Last Song Before The Fade“ als Juwelen voller Schönheit, voller toller Einfälle und interessanter Wendungen. Apropos: Auch die Idee, in „Shifts“ als eine Art „Keyboard-Element“ eine Kriegssirene als Basis zu nehmen, die auch noch genauestens mit dem Beat harmoniert, hat zweifellos etwas Geniales.

Und dabei bleibt immer noch Platz für rein balladeske Momente, die am ehesten von Katatonias akustischer Tätigkeit zuletzt Zeugnis ablegen: Die göttlichen Tränentreiber „Decima“ und „Pale Flag“ gehören dabei auch noch zu den besten Kompositionen des Albums und sind musterhafte Beweise dafür, wie man Balladen unpeinlich, kitsch- und schleimfrei in Szene setzt.

Sowieso auch keine Frage, dass die dichte, typische Katatonia-Atmosphäre stets allgegenwärtig ist, wozu einmal mehr Jonas Renkse mit seiner einzigartig schönen, gefühlvollen Stimme und großartigen Texten den Löwenanteil beisteuert, und auch die Produktion, für die erneut er und Gitarrist Nyström verantwortlich zeichneten, kann wieder einmal nur überragend genannt werden. Jedes Percussion, jeder Klavierlauf und jedes Gitarrenlick sind wohl überlegt platziert, mal abgesehen vom mächtig drückenden, aber warmen Gesamtsound. Man darf gespannt sein, was diese grandiose Band sich als nächstes einfallen lässt. Es ist lohnenswert, sich die limitierte Auflage zu besorgen, da sich dort mit dem schwedischen „Vakeren“ ein starker Bonustrack befindet.

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Absolut fantastischer Konzertabend, der kaum überboten werden kann