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Katatonia: City Burials

Kompakter als der Vorgänger – und doch erneut recht progressiv
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Rock/Metal, Dark Rock
Spielzeit: 48:30
Release: 24.04.2020
Label: Peaceville

Noch vor rund zwei Jahren hatten Katatonia eine Auszeit verkündet, doch Fans, die eine längere Funkstille befürchteten, konnten bereits ein Jahr später wieder aufatmen, als die Schweden eine Jubiläumstour zur 2009er Großtat „Night Is The New Day“ ankündigten und realisierten. Nun, ein weiteres Jahr später, gibt es sogar ein neues Album – anscheinend hatten die Bandköpfe Jonas Renkse und Anders Nyström schon wieder neue Ideen, die unbedingt raus mussten; schön, dass dies deutlich schneller als erwartet geschehen ist.

Das düstere Coverartwork und der Titel „City Burials“ passen auf jeden Fall ziemlich gut zu Katatonia – wie es sich musikalisch verhält, ist selbstverständlich dennoch die interessantere Frage. Auf „The Fall Of Hearts“ tönte die Band so progressiv wie nie, was allerdings eine natürliche Entwicklung darstellte, betrachtet man auch die Outputs davor. Insofern war die erste Singleauskopplung „Lacquer“, eine ruhige und getragene Nummer mit vielen elektronischen Elementen, nicht unbedingt allzu aussagekräftig und verriet nicht notwendigerweise etwas über die Ausrichtung des Albums.

Höchstens insofern, als dass sich einmal mehr bestätigt, dass die Zeiten der vordergründigen Hits, wenn man so will, längst vorbei sind. Mit Ohrwürmern prall gefüllte Platten der Marke „Viva Emptiness“ und „The Great Cold Distance“ waren gestern, die zeitgenössischen Katatonia sind deutlich komplexer und vielschichtiger – ohne damit die Klasse der genannten Scheiben schmälern zu wollen; diese waren, sind und bleiben einzigartig.

Ein in viele verschiedene Richtungen tendierender Song wie „Rein“ mit seiner prägnanten Slidegitarre wäre vor zehn, fünfzehn Jahren noch undenkbar gewesen, und auch sonst wird der Stil der letzten Platte weiterverfolgt: Es gibt jede Menge Keyboards und elektronische Spielereien, alles stets ästhetisch und mit großem musikalischen Gespür in Szene gesetzt. Dabei ist das Album deutlich kürzer als sein Vorgänger, das Songwriting somit wieder kompakter als auf „The Fall Of Hearts“. Dass die Kompositionen und die Instrumentierung dennoch recht komplex ausgefallen sind, zeigt, wie viel Katatonia sich inzwischen trauen, wie sie sich als Musiker weiterentwickelt haben und wie offen sie auch für vermeintlich genrefremde Einflüsse und neue Sounds sind.

Das bedeutet außerdem, dass die Songs ziemlich unterschiedlich sind. So kommt „Behind The Blood“ sehr rockig daher, bietet jedoch trotzdem einen kurzen, aber geilen angedoomten Part, während „Vanishers“ neben „Lacquer“ eine weitere herzzerreißende Ballade markiert, bei der Jonas im Duett mit Anni Bernhard von der Stockholmer Formation Full Of Keys zu hören ist. Sympathisch, dass man hier nicht auf eine populäre Sängerin zurückgegriffen hat, sondern auf jemanden, der wenigstens außerhalb Schwedens eher unbekannt sein dürfte. Das Resultat ist jedenfalls als nicht weniger als göttlich zu bezeichnen.

Der Opener „Heart Set To Divide“ wiederum offenbart vor allem im Refrain die eher brachiale Seite der Band, und ist zudem mit einem mörderischen Hauptriff ausgestattet, das bei aller Progressivität beweist, dass trotzdem immer noch etliche eingängige Momente vorhanden sind. Das nur dreiminütige „The Winter Of Our Passing“ ist die wohl am einfachsten zugängliche Nummer, „City Glaciers“ und „Neon Epitaph“ präsentieren sich ebenfalls mit griffigen Gitarrenriffs, sind jedoch gleichzeitig mit progressiven Versatzstücken versehen. Bei „Flicker“ hingegen ist es eine schlichte E-Piano-Melodie, die durch das Stück führt, dessen Breitband-Chorus dann allerdings wieder ziemlich typisch anmutet.

Genau das ist aber eine der großen Stärken der Schweden: Ihre melancholischen Melodien sind und bleiben unverkennbar, es ist bewundernswert, wie sie es jedes Mal schaffen, ihre charakteristischen Trademarks in ein neues Klanggewand zu kleiden. Zweifellos trägt dazu auch Jonas Renkses emotionale, warme und wunderschöne Gesangsstimme in hohem Maße bei; der Mann wird von Album zu Album besser, wie es scheint, und zeigt immer auch den richtigen Instinkt, wann zum Beispiel Dopplungen und Harmonien angebracht sind. Des Weiteren hat Leadgitarrist Roger Öjersson deutlich mehr Raum bekommen, wie mehrere „klassische“ Gitarrensoli zum Beispiel in „Behind The Blood“ und im eindringlichen, mit traumhaften Melodien aufwartenden Abschlusstrack „Untrodden“ veranschaulichen.

Es scheint – glücklicherweise – so, als könnten Katatonia nicht enttäuschen. Mit „City Burials“ ist ihnen erneut ein spannendes, intensives und vielschichtiges Album gelungen, das voller Details steckt und ähnlich wie der Vorgänger mit jedem Durchgang wächst und neue Facetten enthüllt. So unterschiedlich sich die einzelnen Songs auch darstellen, am Ende steht ein stimmiges und atmosphärisches Gesamtprodukt, das selbstredend fantastisch produziert wurde. Muss man also haben, am besten mit beiden Bonustracks, die in der Promo leider nicht enthalten waren.

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