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Kamelot: Poetry For The Poisoned

Besser als je zuvor
Wertung: 9/10
Genre: Progressive Metal/Power Metal
Spielzeit: 50:06
Release: 10.09.2010
Label: EarMusic/Edel

Als Power-Metal-Band Klischees zu meiden, scheint ein ein fast schon hoffnungsloses Unterfangen zu sein – ein Name, der mit diesem Verdienst jedoch häufig in Verbindung gebracht werden kann, ist ohne Frage Kamelot. Schon bei den noch sehr eingängigen früheren Werken der Band wurden Texte über Elfen und Drachen und austauschbare Melodien gemieden, was sich über Jahre der Evolution nur noch verstärkt hat. Mit „Ghost Opera“ legte das Quintett zuletzt ein deutlich düstereres und progressiveres Werk vor, als man es von ihnen gewohnt ist, wodurch man sich zwar einen einzigartigen Sound erspielte, aber auch nicht jeden Fan zufriedenstellen konnte – dies wird sich sicherlich auch mit „Poetry For The Poisoned“ nicht ändern, denn der Weg des Vorgängers wird konsequent weitergesponnen und zur Perfektion geführt.

Obwohl die Songs dieses Mal noch ein Stück vertrackter als zuletzt geworden sind und mit „Poetry For The Poisoned“ zudem ein vierteiliges, komplexes Epos auf dem Album vertreten ist, werden auch wieder diverse Elemente, die eher an „The Black Halo“ als an „Ghost Opera“ erinnern, zu neuem Glanz poliert – einige Songs hätten in etwas abgespeckten Varianten so sicherlich auch auf älteren Werken der Band zu finden sein können. Grundsätzlich setzen Kamelot das fort, was auf dem letzten Album begonnen wurde: Progressiver, düsterer Power Metal mit einer Menge Bombast, der allerdings nicht weiter hochgeschraubt wurde – die Änderungen finden sich eher in dem noch ausgereifteren Songwriting, das es dem Hörer bei den ersten Annäherungsversuchen an „Poetry For The Poisoned“ nicht gerade einfach macht. Ausgefallene Riffs, die es so selten bis gar nicht in diesem Genre zu finden gibt und abwechslungsreiches Schlagzeugspiel treffen auf orchestrale Unterstützung und Strukturen abseits des Strophe-Refrain-Schemas – so unzugänglich die Platte bei den ersten Durchläufen auch wirkt, erschließen sich doch nach und nach wahre Ohrwurm-Passagen. Eine Konstante, auf die sich auch alte Fans verlassen können, bleibt natürlich Frontmann Roy Khan, der die Texte gewohnt theatralisch intoniert und dabei trotz aller technischer Perfektion ein Charisma an den Tag legt, das den Großteil der Genre-Kollegen alt aussehen lässt.

Gastsänger gab es bei Kamelot schon häufiger, insbesondere Epicas Simone Simons ist inzwischen schon als Dauergast bekannt und ist auch dieses Mal wieder mit von der Partie – ungewöhnlicher ist da schon der Auftritt von Soilwork-Frontmann Bjørn „Speed“ Strid im Opener „The Great Pandemonium“, der nun nach Shagrath von Dimmu Borgir das zweite Mal für extremen Gesang bei Kamelot sorgt. Eine solche Eröffnung fegt natürlich schon zu Anfang die Annahme, es könnte sich hier um ein normales Power-Metal-Album handeln hinweg und lässt den Hörer erst einmal staunend zurück: Eingeleitet von elektronischen Klängen und einer orientalisch anmutenden Melodie folgen alsbald harte Riffs und die eher leise abgemischten Growls, bevor Khan das Ruder übernimmt und für einen eingängigen Refrain sorgt – beeindruckend ist hierbei vor allem, wie viel die Band in einem Song von weniger als fünf Minuten unterbringt, ohne dass das Ganze überladen wirkt.

Nicht weniger verwirrend geht es mit „If Tomorrow Came“ weiter, das sich als weiteres recht heftiges Stück entpuppt, dessen Gesangslinien ebenfalls wieder aus dem Morgenland stammen könnten und so für eine mystische Atmosphäre sorgen. Das düstere Interlude „Dear Editor“, das sich textlich mit unheimlich verfremdeter Stimme mit dem Zodiac-Killer auseinandersetzt, leitet anschließend zu dem thematisch dazugehörigen „The Zodiac“ über, in dem als weiterer Gast Jon Oliva für zusätzliche Vocals sorgt. Dessen raues, aggressives Organ harmoniert wunderbar mit Khans klarer Stimme und verleiht dem schleppenden Song zusätzlichen Druck, was insbesondere dem stampfenden Refrain zugute kommt. Deutlich mehr an „The Black Halo“ orientiert man sich mit dem grandiosen „Hunter's Season“: Hier wird von Anfang bis Ende ein lupenreiner, melancholischer Ohrwurm geboten, der trotz aller Eingängigkeit immer noch ausreichend Anspruch wahrt und mit einem atemberaubenden Solo von Firewind/Ozzy Osbourne-Klampfer Gus G. aufwartet.

Simone Simons bekommt ihren Auftritt dann in der Bombast-Ballade „House On The Hill“, die zeitweise gefährlich nahe an der Kitsch-Grenze bewegt, was man ob der puren Stimmgewalt des Duetts und der epischen Melodie aber gerne zu verzeihen bereit ist. Im überlangen Titelstück „Poetry For The Poisoned“ erhält die Epica-Frontfrau einige weitere Gesangspassagen und veredelt das vielschichtige, cineastisch anmutende Stück noch zusätzlich. Der überlange Song steht eher in der Tradition des letzten Albums und fährt alles an Bombast auf, was Kamelot zu bieten haben – und das ist fraglos eine Menge, so dass das dramatische, mit viel Keyboard versehene Stück einen fast schon klassischen Anstrich erhält. In die gleiche Richtung geht das mit einem Gänsehaut-Intro versehene „Seal Of Woven Years“, das ein wenig an Sonata Arctica zu „Unia“-Zeiten erinnert, während „Once Upon A Time“ abschließend noch einmal mit einem sehr zwingendem Refrain die alten Kamelot in Perfektion markiert.

Selten kommt es vor, dass sich eine Band über so viele Jahre weiterentwickelt und immer stärkere Alben veröffentlicht – Kamelot vollführen dieses Kunststück erneut und setzen ihrem Schaffen mit „Poetry For The Poisoned“ die Krone auf. Durchdachte Songstrukturen, die trotzdem Platz für eingängige Melodien lassen, treffen auf instrumentale und stimmliche Meisterleistungen; symphonischer Bombast trifft auf eine finstere Atmosphäre und intelligente Texte – kein Freund des melodischen, anspruchsvollen Metals kommt derzeit an Kamelot vorbei, denn mit diesem neuen Werk ist das Quintett einer der heißesten Anwärter auf das Album des Jahres 2010 und setzt neue Maßstäbe im Genre.

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