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Jingo De Lunch: Land Of The Free-ks

Jingo schaffen den schwierigen Schritt, den eigenen Wurzeln treu zu bleiben und trotzdem modern und frisch zu klingen
Wertung: 9.5/10
Genre: Punkrock
Spielzeit: 32:42
Release: 01.10.2010
Label: nois-o-lution

Das wurde aber auch Zeit – Jingo De Lunch veröffentlichen eine neue Scheibe. Die Band selbst hatte schon bei den Touren in den letzten Jahren immer wieder verlauten lassen, dass sie an neuem Material schreibe und auch ein neues Album plane. Letztendlich glaubten nur noch Szeneinsider daran, doch jetzt soll „Land Of The Free-ks“ der Stoff sein, der all die Lästermäuler stopfen soll.

Natürlich müssen sich die Hauptstädter fragen lassen, warum um Herrgotts Willen es verdammte 16 Jahre gedauert hat, dass endlich neue Songs nicht nur auf einen Silberling, sondern auch auf Vinyl gepresst wurden. Und natürlich können diese zum Quartett geschrumpften Berliner antworten, dass gut Ding Weile braucht.

Schon bevor man sich den Silberling in den Player schiebt, überkommt einen das „hab ich mir doch gedacht“-Gefühl, denn das Artwork ist mal wieder sehr speziell – ein Gemälde von Shawn Webber, welches wohl zahlreiche Kunststudenten zu ausschweifenden Interpretationen animiert, bei denen sonstigen Konsumenten einmal mehr nur ein Fragezeichen auf der Stirn steht. Alles Sinnieren über das Cover wird allerdings schnell weggefegt, denn der Opener und CD-Titelgeber „Land Of The Free-ks“ holt jeden gleich aus dem Land der Diskussion zurück in die Punkrockwelt und treibt als Song Numero Uno gleich von Beginn an Freudentränen in die Augenwinkel. Dieser Song kann doch glatt als die Fortsetzung der „Axe To Grind“-Phase durchgehen, ein beschwingter und treibender Song, der selbst das mitgealterte Publikum zum ehrwürdigen Pogotanz anspornt.

Zwar startet „Mass/acre” in der bekannten Stop-and-Go-Manier, doch dann ergießt sich der Song in ein rifforientiertes Gitarren-Bass-Duell und dürfte live bei den Fans ganz weit oben auf der Favoritenliste landen. „Spineless in Gaza” schließt sich dieser Punkpogoorgie an, denn vom ersten Takt an scheppern Jingo De Lunch durch die Noten, und Gitarrist Gary glänzt durch eine den Song tragende Leadgitarre, welche das Thema immer wieder ohrwurmartig in den Vordergrund schiebt. Gerade Gary schafft es immer wieder, den Songs mit der einzigen Gitarre in der Combo Lebendigkeit einzuhauchen, manchmal in den Soli leicht metalisiert, aber immer fest in Punkrockhand. Als langjähriger Freund der Band stieß er 2009 dazu und hatte vorher eigentlich so gar nichts mit Punk oder gar Metal zu tun.

Jingo De Lunch entdeckten 2010 die Lässigkeit, die man benötigt, mit entspannter Leichtigkeit im gemütlichen Midtempo in „Room 101“ – angelehnt an „der Mann im Fahrstuhl“ und George Orwells „1984“ – die Konfrontation der eigenen Ängste zu beschreiben. Der Jingo-Rock glänzt hier nicht nur durch fette Basslinien, sondern durch einen originellen, für Jingo De Lunch eher untypischen Songaufbau.

Sehr entspannt kommt auch „The Job“ daher, ein bluesiger und modern rockender sowie fett drückender Song, der ständig durch Yvonnes Stimme dominiert wird und eigentlich schon fast 15 Jahre auf dem Buckel hat, nun aber vom 96er-Demo aufgefrischt wurde. Das allein kann schon als Indiz herhalten, dass sich bei Jingo De Lunch nicht wirklich viel geändert hat, denn sie spielen weiterhin roh und trotzdem irgendwie erwachsen; so erwachsen, dass „Miss Demeanor“ in feiner Punkrock-Hardcore-Attitude und dem einfachen Riffing zur Bandhymne aufsteigen könnte.
Den Schulterschluss mit der eigenen Vergangenheit kreieren Jingo mit dem Track „Land Of The Doom“, der gleich zu Beginn ein wenig an „Jinxed“ von 1989 erinnert. Der Rausschmeißer „Street Cred Heart“ versemmelt mit aggressiver Hardcore-Attitude abschließend das Sitzfleisch und lässt einen staunenden Zuhörer zurück, der kaum glauben kann, dass knappe 33 Minuten so begeistern können. Zwar könnte man kritisieren, dass die Spielzeit etwas kurz geraten ist, aber schlussendlich muss man doch Gitarrist Gary zustimmen, dass diese Scheiblette in klassischer Schallplattenlänge alles hat, was eine Scheiblette eben braucht.

Zu guter Letzt muss auch noch Yvonne gewürdigt werden, denn ohne ihre Stimme würden Jingo kaum funktionieren. Viel zu markant fräst sich ihr Organ in die Eingeweide, und von schrillen Schreien („Move“) bis hin zum einschmeichelnden Säuseln („The Job“) hat sie eh alles drauf. Mit jeder Silbe spuckt sie mehr Herzblut aus als Doro auf Dutzenden von Alben.

Fazit: Trotz der langen Pause, die lediglich durch einige Touren unterbrochen wurde, rocken Jingo sich auch 2010 gleich direkt in die Punk- und Rockerherzen und schaffen den schwierigen Schritt, den eigenen Wurzeln treu zu bleiben und trotzdem modern und frisch zu klingen. Der Joker ist zurück – und das zu Recht.

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